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Ohne Visum bleibt nur der Tod: "Der Konsul" in Augsburg | BR24

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Eine Frau scheitert auf der Flucht an der Bürokratie, es gibt keinen Ausweg. Der italienische Komponist Gian-Carlo Menotti machte aus der wahren Geschichte 1950 eine Oper. Antje Schupp spricht über ihre Inszenierung am Staatstheater Augsburg.

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Ohne Visum bleibt nur der Tod: "Der Konsul" in Augsburg

Eine Frau scheitert auf ihrer Flucht an der Bürokratie, es gibt keinen Ausweg. Der italienische Komponist Gian-Carlo Menotti machte aus der wahren Geschichte 1950 eine Oper. Antje Schupp spricht über ihre Inszenierung am Staatstheater Augsburg.

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Früher häufig aufgeführt, ist die Oper "Der Konsul" inzwischen nur noch wenigen bekannt, obwohl Komponist Gian-Carlo Menotti (1911 - 2007) dafür seinerzeit den renommierten Pulitzer-Preis erhielt. Inzwischen ist das Werk ein Fall für konzertante Aufführungen oder Nachwuchsstudios. Am Theater Augsburg ist am 1. Februar Premiere im derzeitigen Ausweichquartier im Martinipark. Für das kulturLeben auf Bayern 2 sprach Peter Jungblut mit Regisseurin Antje Schupp über ihre Sicht auf den Stoff.

Peter Jungblut: Frau Schupp, im März 1950 war in Philadelphia die Uraufführung, 2017 war das Werk im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper München zu sehen. Muss man die Oper kennen? Sie ist ein bisschen verschütt gegangen, oder?

Antje Schupp: Ja, das ist eigentlich erstaunlich, denn es ist zunächst wahnsinnig viel, ja hoch und runter gespielt worden. Aber es ist tatsächlich ein bisschen in Vergessenheit geraten. Mir selbst, muss ich ehrlich sagen, war es auch zunächst nicht bekannt. Aber es hat tatsächlich, wie Sie eben richtig gesagt haben, eine wirklich sehr aktuelle Thematik. Und deshalb ist es natürlich toll, dass das Staatstheater Augsburg mich da eingeladen hat, diese Inszenierung zu machen.

Es geht darum, dass eine Frau in den Selbstmord getrieben wird, weil sie letztlich am Konsulat, an der Bürokratie scheitert, also in einem Land nicht aufgenommen wird als Flüchtling. Das Land wehrt sich offensichtlich mit bürokratischen Mitteln dagegen.

Die Oper geht eigentlich wirklich, wie man so schön sagt, in „medias res“ los. Gleich in der ersten Szene stürzt der Widerstandskämpfer John Sorel in seine Wohnung, ist angeschossen, wird von der Polizei verfolgt und muss in den Untergrund. Und bevor er quasi aus der Tür raus rennt, sagt er seiner Frau Magda, gehe morgen zum Konsulat, beschreibe ihnen unsere Geschichte, beantrage ein Visum, und wir sehen uns dann quasi auf der anderen Seite der Grenze. Und das gelingt leider nicht. Der Großteil von dieser Oper spielt in einem Konsulat, wo verschiedene Menschen versuchen, ein Visum zu bekommen und das mit Ausnahme von einer Figur nicht erhalten. Und je länger die Oper fortschreitet, desto mehr kriegt man einerseits die Geschichten im Konsulat mit, andererseits die Situation von der Familie Sorel, die tatsächlich täglich Besuch von der Geheimpolizei bekommt, verhört wird, weil die versuchen, an die Kameraden von John Sorel zu kommen. Und am Ende endet es so tragisch, wie Sie eben beschrieben haben.

© Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg

Menschen im Boot

Eigentlich ist es egal, wo genau diese Oper spielt, denn es gibt viele Grenzen. Es gibt viele Konsulate und die Geschichten dort, die verlaufen ja immer ähnlich. Auch heute gibt und gab es Selbstmorde von Flüchtlingen, die kein Aufnahmeland gefunden haben. Hochaktuell, das Thema, oder?

Das hätte ich als falsch empfunden, unsere Realität nicht widerzuspiegeln. Ich denke, das ist uns gelungen, sowohl auf der Bühne, aber auch in der Spielweise mit den Sängern und Sängerinnen und der gesamten Inszenierung, wie sie wirkt, dass man schon merkt, diese Geschichte hat mit unserer Gegenwart zu tun.

Also was wird man sehen?

Man sieht einerseits natürlich ein Konsulat. Andererseits die Wohnungen, in denen die Familiengeschichten spielen, und wir haben eine bildliche Ebene hinzu gefügt. Da möchte ich jetzt an dieser Stelle noch nicht allzu viel verraten, sonst verschieße ich ja mein Pulver, bevor es losgeht. Wir haben tatsächlich eine visuelle Ebene mit rein genommen. Die steht so erst mal nicht im Libretto. Die bezieht sich tatsächlich recht konkret auf Situationen, wo Menschen zwischen A und B festhängen. Soviel kann ich, glaube ich, verraten.

© Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg

Gewissensentscheidungen

Welche Flagge hängt im Konsulat, eine Fantasie-Flagge? Oder gibt es einen konkreten Ort, den sie nennen?

Nein, da gibt es keine Flagge. Das stand natürlich zur Diskussion. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, das in einem speziellen Land zu verorten, denn ich bin auch tatsächlich der Meinung, es ist ein sehr globales Thema. Und das Land, worum es geht, kann sich eigentlich jeder im Publikum selber aussuchen. Das Land, in dem gespielt wird, also in dem das Konsulat steht und in dem diese Familie lebt, ist offensichtlich aber sehr autoritär. Dort werden politisch Oppositionelle verfolgt, eingesperrt, eventuell gefoltert und umgebracht. Das wird jetzt nicht dezidiert gesagt. Das kann man sich aber so denken. Und da gibt es leider auch im Jahre 2020 mehr als nur ein Land, worum es sich handeln kann. Dort könnte es dann spielen. Deswegen wollten wir uns nicht auf ein Land festlegen.

Das Thema als solches ist ja sehr, sehr umstritten. Flüchtlinge, ein Reizthema, viel umstrittener als, sagen wir mal vor zehn, zwanzig Jahren hier bei uns in Deutschland. Wie gehen Sie damit um?

Das ist vorab natürlich immer ein bisschen schwer zu sagen, wie ein Publikum reagiert, das weiß man nicht, das ist eine sehr heterogene Masse. Und da werden die Menschen wahrscheinlich auch sehr unterschiedliche Einstellungen dazu haben. Mir war wichtig bei dieser Arbeit, die natürlich politisch ist, dass man es nicht zu eindeutig zeigt, sprich die Personen, die im Konsulat sind, sind die Bösen und alle anderen, die sich dort um Visa bewerben, sind die Guten. Es gibt eine sehr wichtige Figur, das ist die Sachbearbeiterin im Konsulat. Denn der Konsul selber tritt nie auf. Die hat in ihrer Arbeit mit den Menschen zu tun, die dort ihre Anträge schreiben. Und die muss letzten Endes auch die Gesetze vertreten. Und ich finde, das ist ein sehr wichtiger Punkt, den wir auch sehr bewusst zeigen. Diese Frau arbeitet dort, sie arbeitet dort alleine, sie ist auf eine gewisse Form auch überarbeitet. Und sie muss natürlich, weil sie diesen Job macht, die Gesetze einhalten. Das heißt, es geht dann letzten Endes eher um die Frage, wie kann man sich auch selber verhalten, wenn man an so einer Position sitzt? Da wird natürlich jeder im Publikum eine andere Meinung dazu haben. Wir versuchen das eigentlich so zu zeigen, dass man selber beim Zugucken sich fragen kann, wie würde man dann selber entscheiden? Denn ich glaube, eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es sowieso nicht. Und deswegen wird sie es auch in der Inszenierung nicht gegeben.

Deutsche Konsuln, die im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge gerettet haben, werden gefeiert. Deutsche Konsuln, die das heute machen, sich vielleicht nicht immer streng an Recht und Gesetz halten würden, sondern ihrem Herzen folgen, die wären schwer unter Feuer. Also eine Frage der Perspektive?

Man kann ja mitnichten behaupten, dass man Gesetze einfach bricht. Aber in diesem Fall beim „Konsul“, dieser sehr emotionalen Oper, geht es natürlich auch um persönliche Entscheidungen. Also wie vertritt man das vor sich selber? In diesem Fall ist es eben diese Sachbearbeiterin im Konsulat, die dann auch an einem gewissen Punkt in der Oper genau an diese Situation kommt, damit umgehen muss, dass sie in dem Moment, wo sie hätte helfen können, nicht geholfen hat. Da wird John Sorel verhaftet und höchstwahrscheinlich umgebracht. Das ist dann die praktische Erfahrung, selber zu wissen, man hat sich dementsprechend entschieden, hat anderen Menschen nicht geholfen und muss dann aber auch mit der Konsequenz leben, zu sehen und mitzubekommen, was mit diesen Menschen passiert.

© Jan-Pieter Fuhr/Theater Augsburg

Hoffnungslos im Konsulat

Mit der Verantwortung weiterleben, genau. „Der Konsul“, eine Oper in sechs Bildern von Gian Carlo Menotti. Wie ist die Musik zu verstehen? Was würden Sie zur Musik sagen?

Also sperrig, schwierig, empfinde ich sie überhaupt nicht. Aber die Bezeichnung „traditionell“ finde ich auch schwierig. Ich würde sie tatsächlich eher beschreiben als eine Musik, die mich zu Beginn häufig an Filmmusik erinnert hat. Tatsächlich auch aus der Zeit, wo sie komponiert wurde.

Also illustrativ?

Relativ illustrativ. Sie ist auch tonal, sie ist sehr emotional. Es gibt sehr große, dramatische, spannende Bögen. Eine sehr schöne Musik, wie ich finde, an vielen Stellen. Aber sie ist nicht atonal, und sie ist sehr bühnenwirksam komponiert. Und das hat auch damit zu tun, dass Menotti seine Libretti selbst geschrieben hat. Und das merkt man tatsächlich nicht nur in der Musik, sondern dann auch beim Inszenieren. Also Text und Musik hängen sehr zusammen und an manchen Stellen hört man wirklich quasi jeden Schatten an der Wand. Daher ist das eine sehr dichte Komposition und auch eine sehr dichte Geschichte. Die ist sehr abwechslungsreich.

Am 1., 6. und 25. Februar 2020 am Theater Augsburg im Martinipark, weitere Termine.

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