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"Ohne Kunst wird's still": Menschenkette für Kulturbetriebe | BR24

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Die Kulturbranche trifft der ab Montag geltende Teil-Lockdown besonders hart. Vor allem für freischaffende Künstler ist er existenzbedrohend. Deshalb sind die Beschäftigten der Münchner Theater heute auf die Straße gegangen.

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"Ohne Kunst wird's still": Menschenkette für Kulturbetriebe

Mehrere hundert Teilnehmer demonstrierten in München für die Nöte der Kulturschaffenden. Die Menschenkette "auf Abstand" ging quer durch die Innenstadt. Intendantinnen äußerten Sorgen um die Demokratie und forderten mehr Gehör durch die Politik.

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Ja, es gab ein paar wenige Lücken in der Menschenkette zwischen den Münchner Kammerspielen an teuren Maximilianstraße bis zum Volkstheater in der ebenfalls nicht gerade günstigen Briennerstraße. Und so rollten die Luxuslimousinen und tiefergelegten, extrem kostspieligen Super-Sportwagen im Sekundentakt an all den besorgten Demonstranten vorbei, die Angst um ihre Arbeitsplätze in der Kultur haben, die das Theater vermissen, die solidarisch sein wollen mit den krisengeschüttelten Bühnen-Betrieben.

Schwere Zeiten für Berufseinsteiger

Maureen Zollinger ist eine von ihnen, eine Tänzerin, die gerade durchstarten will, im Januar ein Projekt an den Kammerspielen hätte - aber solche Pläne erscheinen derzeit äußerst vage: "Da wir gerade jetzt erst Abgänger sind, bis vor kurzem Studenten waren, also gerade erst mit der Ausbildung fertig geworden sind, ist es sehr schwierig. Wir haben ja nichts vorzuweisen, deshalb fallen wir gerade durch alle Lücken."

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Maureen Zollinger

Jetzt, wo die bayerische Staatsregierung ein Stipendien-Programm für Berufseinsteiger wie sie aufgelegt hat, einmalig 5.000 Euro ab Januar, hofft Maureen Zollinger dringend auf das Geld, will auf jeden Fall einen Antrag stellen.

Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, schaut unterdessen zu, wie sich die Menschenkette formiert und begründet ihre Kritik an der Politik gegenüber dem BR so: "Weil ich die Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt sehe. Weil ich ziemlich sicher bin, dass diese Theater-Räume sicher sind, weil wir an einem Teil unserer Arbeit gehindert werden, und weil ich finde, dass eine Demokratie offene Räume braucht, und das kann nicht nur die Digitalisierung sein."

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Klare Botschaft

Zweifel an der Strategie der Politiker

Auf den Transparenten der Demonstranten in der Menschenkette waren viele bittere Sprüche gegen die Bevorzugung der Wirtschaft zu lesen und immer wieder Botschaften, die die Angst ausdrückten um ein wichtiges Stück Demokratie. Andrea Gronemeyer, die Intendantin der Schauburg in München, ein Kinder- und Jugendtheater, ist auch skeptisch, was die längerfristigen Maßnahmen betrifft: "Ich glaube, wir alle verstehen, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen. Die Zahlen sind alarmierend, aber wir hoffen, dass das jetzt eine andere Strategie ist als im Frühjahr und dass das mit dem 'Wellenbrecher' ernst gemeint ist. Ich denke mal, wieder für vier Wochen weg zu sein, das ist schlimm für uns und das Publikum, aber wenn es dann ab 1. Dezember wieder weitergeht, dann ist das ja eine Strategie. Dann tragen wir das auch mit, weil wir uns natürlich große Sorgen machen, ich als Intendantin eines Kinder- und Jugendtheaters ganz besonders. Wo sollen denn die Kinder und Jugendlichen hin, wenn sie nicht mal in die geschützten Räume dürfen? Unsere Hygiene-Konzepte sind ja bewährt."

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Barbara Mundel und Andrea Gronemeyer

Rotweiße Absperrbänder und Punkte auf dem Straßenpflaster, alle fünf Meter einer, sollten sicher stellen, dass diese Menschenkette auf Abstand gebildet wird. Manch einer setzte sich auch auf die Bordsteinkante. Die gesamte Strecke war sehr belebt durch viele Fußgänger, die bei schönstem Sonnenschein einkaufen gingen oder Cafés ansteuerten. Von dem ab Montag bevorstehenden Teil-Lockdown war noch nichts zu merken, eher im Gegenteil. Und vor der Bayerischen Staatsoper mussten sich die Kultur-Demonstranten den Platz mit einer weiteren Demonstration teilen.

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Maus-Kostüm in der Brienner Straße

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Menschenkette Richtung Volkstheater

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Kritik an der Gewichtung der Politik

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Immer wieder Kritik an Flugzeugen und Autos

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Menschenkette am Karolinenplatz

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Laute Message

Barbara Mundel ist vor allem darüber irritiert, dass die Politik derzeit so wenig Gesprächsbedarf mit der Kultur sieht."Ich leugne nichts, ich bin nicht gegen etwas, ich bin einfach nur dafür, dass wir, nachdem wir jetzt ein halbes Jahr mit der Pandemie leben, differenziert hinschauen, wie wir vielleicht noch ein halbes Jahr überstehen", sagt Barbara Mundel. "Es gibt eine große Not und Angst auf Seiten der Politik, dass die Lage außer Kontrolle geraten könnte, das verstehe ich. Deswegen gibt es auch keine Gesprächsmöglichkeit, weil der Gesetzgeber Angst hat, Ausnahmen zuzulassen, obwohl er selbst Ausnahmeregeln vorsieht, die aber niemand bekommt. Insofern ist das eine ganz kritische Frage: Muss es in unserem Land Ausnahmen geben?"

"Dann gute Nacht, Demokratie"

Andrea Gronemeyer verweist darauf, dass gerade junge Leute sich andere Räume suchen, wenn Clubs und Theater geschlossen werden. Das ist aus ihrer Sicht nicht ohne Risiko: "Wir sind der Ort, wo Demokratie stattfindet, ein interesseloser Ort, heißt es ja, ein werbefreier Ort, wo Menschen über Themen reden, ohne dass ihnen gleich etwas verkauft werden soll, ohne dass sie manipuliert werden sollen, wo sie einfach über Themen reden. Ich glaube, das braucht unsere Gesellschaft sehr schnell wieder, denn wenn wir diese Räume der Verständigung, des gesellschaftlichen Miteinanders schließen, dann folgt die Radikalisierung auf dem Fuße, dann sage ich: Gute Nacht, Demokratie."

Noch haben viele Künstler und Theaterfans Mut zur Satire, wie die vielen witzigen Sprüche und teils fantasievollen Kostüme in der Menschenkette bewiesen. Ob diese durchaus kämpferische Zuversicht allerdings den Winter übersteht, erscheint doch eher fraglich.

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Demonstranten in der Menschenkette.

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