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Der Auslöser: Kasper König
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Iris Buchheim
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Der Auslöser: Kasper König

Es ist einen knappen Monat her: Am 12. November hatte die in München lebende Künstlerin und Filmemacherin Cana Bilir-Meier an einer Podiumsdiskussion zum Thema "Rechtsruck" an den Münchner Kammerspielen teilgenommen, zu der Deutschlands prominentester Kurator Kaspar König eingeladen hatte. Im Zuge der Diskussion hatte sich dieser zu ausfallenden Äußerungen über die "Typen in Kreuzberg" mit ihren "dicken Autos" hinreißen lassen.

Cana Bilir-Meier, selbst Enkelin türkischer Gastarbeiter, hatte im Anschluss an die Veranstaltung mit einen empörten Post auf ihrer Facebook Seite reagiert. Daraufhin hatten sich die Münchner Kammerspiele auf ihrer Website entschuldigt: "Äußerungen des Gastgebers können als herabsetzend insbesondere gegenüber (Post)Migrant*innen verstanden werden" hatten sie geschrieben und einen Video-Mitschnitt der gesamten Veranstaltung auf ihre Seite gestellt. Kaspar König selbst hatte sich mit einem handschriftlichen Brief bei Cana Bilir-Meier entschuldigt.

Exemplarisch für Rassismus im Kulturbetrieb

Damit hätte es vielleicht ein Bewenden haben können – wenn dieser rassistische Ausfall des sonst so weltoffen und kritisch sich gebenden Kurators ein Einzelfall gewesen wäre. Doch der Vorfall scheint ein grundsätzliches Problem in der Kulturszene zu enthüllen, denn zahlreiche Künster*innen erklärten sich solidarisch mit Cana Bilir-Meier und nehmen den Vorfall jetzt zum Anlass, mit dem Manifest "Es kotzt uns an" für veränderte Strukturen im System zu kämpfen.

Im Manifest heißt es unter anderem: "Wir stellen fest, dass die strukturelle Ebene von Rassismus und Diskriminierungen ausgeblendet wird, wenn wir unsere Kritik formulieren und wir anschließend beschuldigt werden, aggressiv oder wehleidig zu sein!" Der Rassismus, der in der Podiumsdiskussion zum Vorschein kam, ist für die protestierenden Künstler*innen exemplarisch. Wie auch Sexismus, Homophobie oder Antisemitismus sei auch antimuslimischer Rassismus ein Diskriminierungs-Werkzeug, mit dem die Herrschenden über Zugang und Teilhabe am Kulturbetrieb entscheiden würden.

Rassismus trotz vorgeblicher Offenheit

Das Perfide daran sei, dass sich die herrschenden Kultur-Institutionen zwar kritisch gäben und sich gegen Kolonialismus, Rassismus und Diskriminierung aller Art wendeten, genau diese Strukturen in ihren eigenen Reihen aber reproduzierten. So lautet Punkt zwei von "Es kotzt uns an", dass sich die großen Kunst- und Kulturinstitutionen zwar kritisch mit Rassismus, Migration und Kolonialismus auseinander setzen wollten, dann aber nur weiße Personen die gut bezahlten und nicht prekären Jobs bekämen. Dass sich "Personen und Institutionen zwar mit Offenheit, kritischem Bewusstsein und Diskursen schmücken, sich gleichzeitig jedoch Entscheidungen und Handlungen nicht verändern." In einem dritten Punkt kritisieren die Protestierenden die herrschenden Methoden der Einschüchterung, die zur Zementierung der Macht beitragen würden.

Unterzeichnet haben den offenen Brief unter anderem Keto Logua und Niko Abramidis, der Documenta-14-Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Şirin Şimşek und viele andere.

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