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Offener Brief an Söder: "Keine Infektionsgefahr" in Theatern | BR24

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Zehn Intendanten fordern von Ministerpräsident Markus Söder, auch bei hohen Infektionszahlen wie bisher weiterspielen zu dürfen: In den Theatern gebe es dank der Hygiene-Konzepte keine Ansteckungsgefahr. Alles andere sei existenzgefährdend.

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Offener Brief an Söder: "Keine Infektionsgefahr" in Theatern

Zehn Intendanten fordern von Ministerpräsident Markus Söder, auch bei hohen Infektionszahlen wie bisher weiterspielen zu dürfen: In den Theatern gebe es dank der Hygiene-Konzepte keine Ansteckungsgefahr. Der Kunstminister äußert Verständnis.

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Von
  • Peter Jungblut

Zehn Intendanten bayerischer Staats- und Stadttheater fordern in der Pandemie "Sonderkonditionen" und beharren darauf, dass trotz hoher Infektionszahlen der Besuch von Vorstellungen vergleichsweise sicher ist. In einem Offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder schreiben sie, es gebe "nachweislich greifende Hygiene-Konzepte" für die "sehr besondere Situation". Da der Mindestabstand von 1,50 Meter eingehalten werden könne und der Frischluft-Austausch garantiert sei, bestehe "keine Infektionsgefahr".

Daher "insistieren" die Intendanten darauf, auch weiterhin vor je maximal 200 Zuschauern spielen zu dürfen, beziehungsweise bei den drei "Pilotversuchen" in Bayern sogar bis zu 500 Besucher empfangen zu dürfen: "Alles andere käme einem zweiten Lockdown gleich und bedeutet eine Existenzbedrohung für alle Bühnen in Bayern".

Kunstminister sucht das Gespräch

Kunstminister Bernd Sibler will den Offenen Brief nutzen, mit den Intendanten über die nächsten Maßnahmen ins Gespräch zu kommen. Er sagte dem BR: "Ich habe Verständnis für das Anliegen der Intendanten. Deshalb habe ich mich in den vergangenen Monaten für weitere Öffnungen stark gemacht und zum Beispiel den Modellversuch mit 500 Personen auf den Weg gebracht. Momentan sind aber die Infektionszahlen alarmierend hoch. Darauf müssen wir mit Blick auf unsere gesamte Gesellschaft umsichtig und vorsichtig reagieren, jeder ist gefragt. Ich bin bereits in Gesprächen mit den Intendanten, um die momentane Situation gemeinsam zu analysieren."

Söder hatte in seiner Regierungserklärung am vergangenen Mittwoch im Bayerischen Landtag eine neue, "dunkelrote" Warnstufe bei der Pandemie-Bekämpfung ausgerufen, die für alle Städte und Kreise gelten soll, die innerhalb von einer Woche auf mehr als 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern kommen. Für diese Gebiete soll künftig bei allen Veranstaltungen eine Obergrenze von 50 Zuschauern gelten.

Augsburg muss schon umplanen

In Augsburg musste das dortige Staatstheater bereits den Spielplan anpassen (laut Robert-Koch-Institut aktuelle Inzidenz 121,7), auch für das Theater an der Rott in Eggenfelden gilt die Stufe "dunkelrot" (Landkreis Rottal-Inn, 161,3). Das Theater der Stadt Schweinfurt (114,2) und Bad Reichenhall, wo die dortigen Philharmoniker Kurkonzerte geben, sind ebenfalls bereits betroffen. Andere Theater-Städte haben den Grenzwert von 100 noch nicht erreicht, sind aber nicht weit davon entfernt: Würzburg (89,1), München (86,8) und Nürnberg (71,2).

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Wenig Zuschauer: Saal des Deutschen Theaters

Schreiben von Intendanten bayerischer Bühnen an Söder

Unterzeichnet haben den Offenen Brief an Söder der Chef der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, sowie die Intendantinnen und Intendanten des Residenztheaters, Andreas Beck, des Augsburger Staatstheaters, André Bücker, des Nürnberger Staatstheaters, Jens-Daniel Herzog und der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel. Auch Josef Köpplinger, der das Gärtnerplatz-Theater leitet, ist dabei, sowie Christian Stückl vom Münchner Volkstheater, Max Wagner, der Chef des Münchner Gasteig, Hans-Jürgen Drescher von der Bayerischen Theaterakademie und Till Hofmann (Lustspielhaus München, Lach & Schießgesellschaft).

Sie alle schließen das Schreiben an Söder mit den Worten: "Wir hoffen auf Ihre positive Rückmeldung und brauchen Sonderkonditionen für unsere besondere Kunst."

"Nicht nachvollziehbar und kulturblind"

Auch Jens Neundorff von Enzberg, Intendant am Theater Regensburg und Sprecher der Intendanten-Gruppe im bayerischen Landesverband des Deutschen Bühnenvereins, forderte in einer Stellungnahme mehr "Umsicht und Differenzierung bei der Ausgestaltung solcher Maßnahmen." Die erneute massive Begrenzung des Publikums sei "nicht nachvollziehbar und aus unserer Sicht kulturblind" und gefährde Theater wie Orchester: "Mit dieser Entscheidung wird in den betroffenen bayerischen Städten die monatelange Arbeit der Theater und Orchester für einen Spielbetrieb auf der Grundlage sicherer Hygienekonzepte massiv erschwert."

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Demonstration für mehr Möglichkeiten in der Kultur

Der Unmut vieler bayerischer Theaterintendanten ist auch deshalb groß, weil sie zu einem vertraulichen Gespräch mit Ministerpräsident Markus Söder in dieser Woche nicht eingeladen waren. Dort ging es in kleiner Runde um neue Hilfsprogramme für arbeitslose Künstler und krisengeschüttelte Kultureinrichtungen, aber auch um die Rahmenbedingungen für Veranstaltungen.

Baden-Württemberg als Vorbild

In seiner Regierungserklärung hatte Söder angekündigt, Bayern werde sich, was die Hilfen für Solo-Selbstständige angeht, künftig am Förder-Programm von Baden-Württemberg orientieren und die Unterstützungsangebote zeitlich nicht mehr befristen, "bis zum Ende der Pandemie".

Ein erstes, auf maximal drei Monate angelegtes Hilfsprogramm für Solo-Selbständige war zum 30. September ausgelaufen und hatte sich als Flop erwiesen. Voraussichtlich nächste Woche, nach der Sitzung des bayerischen Kabinetts, will Kunstminister Bernd Sibler Einzelheiten über die neuen Konzepte bekanntgeben.

Sechs Wochen ohne Ansteckung unter Zuschauern

Bei einem "Pilotversuch" mit bis zu 500 Zuschauern pro Vorstellung, an dem seit dem 1. September die Bayerische Staatsoper, die Meistersingerhalle in Nürnberg und die Münchner Philharmonie teilnehmen, gab es nach rund sechs Wochen keinen einzigen Fall, bei dem sich ein Zuschauer während einer Aufführung mit Covid-19 infiziert hätte. Virologen der TU München überwachen den Versuch, insbesondere die Hygiene-Maßnahmen.

Nach einer Stichprobe der Bayerischen Staatsoper waren über 94 Prozent der befragten Zuschauer mit den Abständen und übrigen Begleitumständen zufrieden und fühlten sich den Umständen entsprechend "sicher".

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