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"Ökozid": In diesem Fernsehfilm muss Merkel vors Klima-Gericht | BR24

© Bayern 2 / Bild: Julia Terjung/dpa

Um 20.15 Uhr im Ersten und schon jetzt in der ARD-Mediathek: Andres Veiels höchst beeindruckender Fernsehfilm "Ökozid", in dem eine Kanzlerin Rechenschaft ablegen muss, wie ihrem Staat das Klima so egal sein konnte.

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"Ökozid": In diesem Fernsehfilm muss Merkel vors Klima-Gericht

Muss ein Staat gegen den Klimawandel kämpfen? Kann er verurteilt werden, wenn er es nicht tut? Andres Veiel macht aus diesen Fragen einen beeindruckenden Fernsehfilm – mit einem von Sturmfluten zerstörten Gerichtshof und einem Verhör der Kanzlerin.

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Berlin, im Jahr 2034: Die Sammelklage von 31 Ländern des globalen Südens gegen den Klimasünder Deutschland wird vor dem Internationalen Gerichtshof verhandelt. Der Prozess beginnt wegen wiederholter Sturmfluten in Den Haag aber nicht dort, sondern wird – ausgerechnet – in die deutsche Hauptstadt verlegt. Der Vorsitzende eröffnet das Verfahren: "Lassen sich tatsächlich aus den Menschenrechten Pflichten für die Staaten hinsichtlich des Umgangs mit dem Klimawandel ableiten? Die Bundesrepublik verneint dies."

Welche Schuld trifft Merkels Regierung?

Regisseur Andres Veiel entwirft hier ein Science-Fiction-Kammerspiel, das schon in der ARD-Mediathek zu sehen ist und den Genreregeln des Gerichtsfilms gehorcht: Die Beweisaufnahme beginnt, Zeugen und Zeuginnen werden verhört. Als Generalzeugin der Verteidigung sitzt Ex-Kanzlerin Angela Merkel mit im Saal – ihre Rolle im Versagen der deutschen Klimapolitik steht im Vordergrund. Nach Ansicht des Regisseurs hat sie sich als Hauptakteurin dieser Zeit schuldig gemacht: "Es ist eine Kanzlerin, die auf der Höhe wissenschaftlicher Erkenntnis ist und so wenig daraus gelernt hat."

Anfang des Jahrtausends, auch das wird in der Verhandlung thematisiert, hält die Autoindustrie die freiwillige Verpflichtung zur Emissionsreduktion nicht ein. Staatliche Sanktionen: Fehlanzeige. Eine EU-weit zur Diskussion stehende Strafsteuer für übermotorisierte SUVs wird von der deutschen Regierung in Brüssel ausgehebelt, wie im Film Jürgen Resch deutlich macht, der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe.

Balanceakt: Komplexes Thema in nur 90 Minuten

Nicht immer ist "Ökozid" so anschaulich wie in dieser Szene. Bisweilen wünschte man sich einen Verzicht auf manche Nebenhandlung und dafür längere erhellende Zeugenbefragungen. Es ist ein dramaturgischer Balanceakt auf schmalem Grat: Wie erzählt man ein ungemein komplexes Thema in nur 90 Minuten? Was erzählt man?

Alexandra Kemmerer, Juristin und Spezialistin für ausländisches öffentliches Recht am Berliner Max-Planck-Institut, hat die Filmemacher beraten: "Was ist überhaupt vermittelbar?", fragt sie. "Wie viel Komplexität ist vermittelbar für ein großes Fernsehpublikum? Wir Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen würden uns da natürlich wünschen, dass man etwas mutiger ist, dem Zuschauer auch mehr Komplexität zuzumuten. Und ich glaube, die letzten Monate in der Pandemie haben uns auch gezeigt, dass es doch eine viel größere Bereitschaft und ein viel größeres Interesse gibt, sich lange wissenschaftliche Inhalte anzueignen und damit umzugehen."

Andres Veiel ist es in seinen Dokumentar- und Spielfilmen immer wieder gelungen, gesellschaftliche und politische Versäumnisse deutlich zu formulieren. In "Ökozid" benennt er die deutschen Klimawandel-Defizite. Die Wirtschaftsnation setzt auf Wachstum und geringe Arbeitslosigkeit, dafür werden ohne weitreichende Konzepte und alternative Strategien Klimaziele geopfert, immer nach der Methode: Demonstriere Problembewusstsein, um schließlich – Kompromiss, Kompromiss – weniger als das Machbare durchzusetzen, immer mit der Industrielobby als Nutznießer im Hintergrund.

Viele vertane Chancen

"In den Jahren, die wir untersucht haben, von 1998 bis 2020, hat es so viele Chancen gegeben", sagt Veiel. "Vorlagen von der EU-Kommission zur Reduktion von CO2 – und diese Chancen sind verpasst worden. Dieses systemische Versagen hat mich immer wieder schockiert, und da bin ich sehr froh, dass das im Film auch so komprimiert erzählt wird."

Veiel inszeniert das nicht als große Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern als Aufforderung, endlich die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Seiner Hauptzeugin Angela Merkel gesteht er dafür einen fulminanten Bewusstseinswandel zu. Über das Ende von "Ökozid" kann und soll man streiten, es ist – so viel sei verraten – überraschend: Ein Urteil wird verkündet.

"Ökozid" – heute (Mittwoch, 18.11.) um 20.15 Uhr im Ersten und schon jetzt in der ARD-Mediathek. Angeklagt ist Deutschland. In den Hauptrollen Edgar Selge, Nina Kunzendorf und Ulrich Tukur.

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