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Öko-Muslime: Mit dem Propheten für die Umwelt | BR24

© Hima

Mitglieder von Hima, einer muslimischen Umweltschutz Initiative

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    Öko-Muslime: Mit dem Propheten für die Umwelt

    Nicht nur christliche Kirchen engagieren sich für die Umwelt. Immer mehr Muslime installieren Solarpanels auf Moscheedächern, rufen zum Plastikfasten auf oder ernähren sich vegetarisch – inspiriert von einer islamischen Umweltethik.

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    Von
    • Julia Ley

    Amra Bobar sitzt auf dem blau gemusterten Teppichboden des Gebetsraums im Münchner Forum für Islam. Die 37-Jährige Doktorandin ist Mutter von drei Kindern und engagiert sich in ihrer wenigen verbleibenden Zeit bei Hima – einer muslimischen Umweltinitiative. HIMA e.V. organisiert religiöse Waldspaziergänge, Kleidertausch-Parties und Filmvorführungen zu Umweltthemen. Ihr Engagement, sagt Amra Bobar, entstammt einem zutiefst religiösen Gefühl: "Es geht Hand in Hand mit der Dankbarkeit für alles, was uns gegeben worden ist. Wenn man einmal so eine ganz tiefe Dankbarkeit dafür empfindet, müsste es in der Konsequenz auch zu einem verantwortungsbewussten Verhalten kommen."

    Der achtsame Umgang mit der Natur

    Dass der achtsame Umgang mit der Natur in den islamischen Quellen tief verankert ist, sagt auch Asmaa El-Maroufi, wissenschaftliche Mitarbeiterin am theologischen Institut der Universität Münster. Für viele gläubige Muslime sei die Schönheit der Natur selbst ein zentraler Gottesbeweis. In jedem Berg, jedem Fluss, jedem Tier sehen sie ein Zeichen, das auf seinen Schöpfer hindeutet, so El-Maroufi: "Es geht sogar soweit zu sagen, dass alles ebenfalls eine Offenbarung von Gott ist. Also haben wir nicht nur den Koran als Text, sondern auch die Ziege, die Katze, der Baum können in ihrer Art und Weise eine Offenbarung sein, insofern sie mich durch ihr Sein an Gott erinnern."

    Koran: Die ganze Schöpfung hat Bewusstsein

    Der Koran wird noch konkreter: Die Schöpfung – steht da geschrieben – gedenke ihres Schöpfers auch selbst. Sie sei im ständigen "Dhikr" – arabisch für "Gottesgedenken". So heißt es etwa in Sure 17, Vers 44: "Die sieben Himmel und die Erde und alle darin lobpreisen Ihn; und es gibt nichts, was Seine Herrlichkeit nicht preist; ihr aber versteht deren Lobpreisung nicht. Wahrlich, Er ist nachsichtig, allverzeihend."

    Es ist ein Koranvers, der insbesondere die islamischen Mystiker inspiriert hat. In unzähligen Gedichten und Gesängen schildern sie diesen Lobpreis der Natur: "Also: Das muss man sich dann so bildlich vorstellen, wie das gefühlt wurde in diesem Moment und betrachtet wurde: Ein Mensch, der durch den Wald spazieren geht und alles preist Gott. Überall hört er Gott."

    © Julia Ley

    Amra Bobar im Münchner Forum für Islam

    Die Natur hat also eine Art Bewusstsein - und ist allein deshalb schützenswert. Dass die islamischen Quellen aber nicht nur zur Achtsamkeit aufrufen, sondern durchaus konkrete Vorgaben machen, davon ist Ilhaam El-Qasem überzeugt. Die 36-Jährige ist die deutschlandweite Sprecherin von Hima.

    Hima: Industrielle Landwirtschaft und Islam passen nicht zusammen

    Sie sagt, dass sich gerade in den Hadithen, also den Überlieferungen über Aussprüche und Lebenspraxis des Propheten Muhammad, konkrete Anweisungen fänden. So solle man etwa das Fleisch eines Tieres nicht essen, das "Schmutz" gefressen hat. Für Ilhaam ein klares Argument gegen die industrielle Landwirtschaft, wo Nutztiere allerlei Medikamente bekommen. Auch die Milch eines Muttertieres darf nur getrunken werden, wenn für die Jungtiere selbst genug übrig bleibt. Die Kälber direkt nach der Geburt von der Mutter zu trennen, das gehe also eigentlich gar nicht, meint Ilhaam: "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das in Ordnung ist. Und das sind Sachen, die die Muslime wirklich vergessen haben. Die wissen diese Dinge nicht. Die sind aber in den Quellen. Das ziehen wir uns nicht aus den Fingern. Das ist nicht irgendwie die neue, hippe, grüne, islamische Welle oder sowas."

    Die Glaubenspraxis dreht sich um die Natur

    Tatsächlich ist die Naturvergessenheit vieler Muslime heute durchaus überraschend. Denn schon durch die alltägliche Glaubenspraxis – die Gebetszeiten, die Gebetswaschung, das Fasten – seien sie eigentlich eng mit der Natur verbunden, sagt Ilhaam El-Qasem. "Und da liegt ja auch Schönheit drin. Vielleicht hatte ich gar keine Lust, die Sonne zu beobachten, den Sonnenaufgang. Aber ich will beten und dann muss ich das machen. Und wie viel Ruhe bekomme ich dann, wenn ich einfach dasitze und warte, und sage: Ja, jetzt ist der Zeitpunkt, jetzt kann ich mich hinstellen und beten."

    Darmstadt und Weinheim: Die ersten Moscheen mit Photovoltaikanlagen

    Wie die muslimische Umweltinitiative Hima richtet sich auch der in Darmstadt angesiedelte Verein NourEnergy spezifisch an Muslime. Anders als Hima, wo man vor allem auf Aufklärung setzt, nimmt NourEnergy auch große, technische Projekte in Angriff: die Installation von Photovoltaikanlagen etwa oder die Aufbereitung von Regenwasser. Diana Schild, Sprecherin von NourEnergy, erinnert sich an die Anfänge: "Wir haben mit den beiden Projekten in Darmstadt und Weinheim angefangen, wo erstmals in Deutschland Moscheen mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet wurden, was es vorher noch nie gegeben hat. Das ist jetzt acht Jahre her."

    Plastikfasten im Monat Ramadan

    Damals seien Umweltschutz und Nachhaltigkeit nur für wenige Muslime ein Thema gewesen, sagt Diana Schild. Heute ist das anders. Wie groß das Interesse ist, merkt sie vor allem bei einer Aktion, mit der NourEnergy inzwischen eine gewisse Bekanntheit erreicht hat: das "Plastikfasten", zu dem die Organisation seit 2017 immer im Fastenmonat Ramadan aufruft. "Es hat mit kleinen Veranstaltungen in Moscheen angefangen und jetzt sind es mittlerweile komplette Hochschulgemeinden und große Einrichtungen, die Open-Air-Fastenbrechen komplett ohne Plastik und nahezu 'zero waste' veranstalten."

    Wie genau so ein "zero-waste-Iftar" geht, also ein Fastenbrechen, bei dem kein Müll produziert wird, dafür gibt es inzwischen auch ein Handbuch mit praktischen Tipps. Im letzten Jahr hat NourEnergy mit der Aktion mehr als 30.000 Personen erreicht, freut sich Diana Schild.

    Muslime fragen: Wie kann man Umweltschutz praktisch umsetzen?

    Die große Frage sei für die meisten Muslime, die zu den Veranstaltungen kommen, heute nicht mehr "Braucht es den Umweltschutz wirklich?" sagt Ilhaam El-Qasem. Sondern eher: "Wie kann ich das umsetzen, wenn meine Familie jeden Tag Fleisch essen will? Oder es in meiner Herkunftskultur verpönt ist, gebrauchte Klamotten zu tragen?" Diana Schild hat für derartige Probleme eine ganz pragmatische Lösung: "Fangt irgendwo an! Und wenn es nur eine Sache ist: Wenn ihr nur sagt, wir lassen erstmal nur die Plastikflaschen weg. Oder nehmen einfach kein Einweggeschirr. Oder: Jeder bringt sein eigenes Essen mit. Fangt irgendwo an und denkt nicht, ihr könnt es nicht."