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"Odeuropa": So lässt die EU ihre Geruchs-Geschichte erforschen | BR24

© Thomas Rowlandson/Picture Alliance

Wonach riecht Europa?

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    "Odeuropa": So lässt die EU ihre Geruchs-Geschichte erforschen

    Erstmals werden historische Aromen systematisch untersucht und archiviert: Mit 2,8 Millionen Euro fördert die EU ein entsprechendes Projekt. Es will klären, wie unterschiedlich die Nase in den vergangenen Jahrhunderten beansprucht war.

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    Fast alle wissen es: Sobald die Nase einen bestimmten Geruch wittert, löst das nicht selten sehr überraschende Erinnerungen aus, manchmal sogar von längst "vergessenen" Ereignissen: Der "Madeleine-Effekt", wie er nach einem Werk des Schriftsteller Marcel Proust benannt wurde. In dessen Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" wird der Held Charles Swann von frischen Madeleines angeregt, eine Mischung aus Zitrone, Rum und Tee. Friedrich Schiller stimulierte sich angeblich sogar mit einem allmählich vertrocknenden Apfel in seiner Schreibtisch-Schublade. Und mitunter dienen Gerüche sogar der nationalistischen Auseinandersetzung: Im 18. Jahrhundert bekämpfte England den Erzfeind Frankreich gern mit dem abschätzigen Hinweis darauf, dass es dort nach "Knoblauch" rieche.

    Welche Riech-Gewohnheiten haben uns geprägt?

    Das Aroma-Gedächtnis des Menschen reicht oft besonders weit und tief zurück. Das soll nun nicht nur für Einzelpersonen gelten, sondern auch für Europa als Ganzes: Mit knapp drei Millionen Euro wird "Odeuropa" gefördert, ein internationales Forschungsprojekt, das sich nach eigenen Worten vorgenommen hat, "aromatische und sensorische Erfahrungen in der Kulturgeschichte" aufzuspüren. Wörtlich heißt es in der Ankündigung des Vorhabens: "Der Geruch ist ein wichtiges Thema, das in verschiedenen Gemeinschaften rasch an Aufmerksamkeit gewinnt. Unter den Fragen, denen wir uns im Odeuropa-Projekt widmen, wird die nach den Schlüssel-Aromen sein, nach parfümierten Räumen, nach Riech-Gewohnheiten, die unsere Kultur geprägt haben. Wie können wir Geruchsinformationen aus längeren digitalen Texten und Bildern auswerten? Wir können wir den Geruch in all seinen Facetten in einer Datenbank speichern? Wir können wir unser Aroma-Erbe bewahren und sollten wir das überhaupt?"

    © Dmitry Ageev/Picture Alliance

    Die Nase hat zu tun

    Geleitet wird "Odeuropa" von den beiden Niederländerinnen Inger Leemans und Marieke van Erp von der holländischen Akademie der Künste und Wissenschaften. Aus Deutschland ist Peter Bell von der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg dabei. Sie alle wollen in der Geschichte und Kunstgeschichte, in den Museen, in der Chemie und nicht zuletzt mit Hilfe von Computeranalysen herausfinden, wie es um die Wirkmächtigkeit von Gerüchen in den vergangenen vier Jahrhunderten bestellt war. Alle erfassten Daten sollen schließlich in einer "Geruchs-Enzyklopädie" gespeichert und jederzeit abrufbar gehalten werden, so dass künftige Generationen sich darüber informieren können.

    Betörende Düfte eines Stilllebens

    Einige besonders wichtige europäische Düfte sollen sogar "rekonstruiert" werden, um einige herausragende Ereignisse und Orte über die Nase "aufzunehmen". Geplant ist, Besuchern die Vergangenheit über Gerüche nahezubringen: "Das Ziel von 'Odeuropa' ist letztlich zu zeigen, dass der kritische Umgang mit unseren Riechgewohnheiten und unserer Geruchs-Geschichte wichtig und angemessen ist, um Europas materielles und immaterielles Erbe zu erfassen." Wie vielfältig es dabei zugehen kann, illustriert "Odeuropa" mit einem Stillleben-Bild: Dort finden sich neben offensichtlich alten Käse-Laiben und verschiedenen Weintrauben auch Nüsse, unterschiedliche Apfelsorten und eine Birne, außerdem ein gelblicher Kohlkopf und daneben eine Messing-Kanne mit unbekanntem Inhalt. Wer will schon ohne Weiteres umschreiben, wie diese betörende Kombination einst die Nase gekitzelt hat?

    © Robert Kneschke/Picture Alliance

    Lecker Rotwein

    Wie der Website von "Odeuropa" zu entnehmen ist, hat sich Inger Leemans erst kürzlich mit dem "Gestank" der holländischen Metropolen Antwerpen und Amsterdam im sogenannten "Goldenen Zeitalter", also dem 17. Jahrhundert, beschäftigt und darüber einen Vortrag gehalten. Dabei hat der Duft-Designer Frank Bloem die Veranstaltung mit nachgebildeten Gerüchen belebt - sicherlich nicht sämtlich anziehende, denn Leemans hatte sich erklärtermaßen vorgenommen "Dreck aufzuwirbeln".

    Wartburg- und Trabant-Autos als Thema?

    Ein Kommentator auf der Website regte schon an, unbedingt an die Abgase von DDR-Autos wie Trabant und Wartburg zu denken, Aromen, die heute nur noch bei Dreharbeiten in Budapest präsent seien, wenn Regisseure historische Filme aufnähmen. Aber auch die Diesel-Wolken von rumänischen Lkws seien es wert, gespeichert zu werden, sie hätten etwas vom süßlichen Aroma von Sandelholz gehabt.

    Zu den zahlreichen, mitunter recht überraschenden Informationen von "Odeuropa" gehört die Beobachtung, dass riechende Menschen für den Betrachter oft etwas Meditatives hätten, obwohl niemand wissen könne, was die Dargestellten gerade empfänden. Aber schon die unwillkürliche Körperhaltung der Betreffenden sei aufschlussreich, würden sie sich doch so bücken oder strecken, dass sie den aufzunehmenden Geruch besonders gut in die Nase bekommen. Das führe dann ins Gebiet der "Geruchs-Psychologie". Und dass auch Pheromone Gegenstand der Forschung sind, also die körpereigenen Duftstoffe, versteht sich von selbst.

    Seit heute sucht "Odeuropa" übrigens eine Person, die an einer Doktorarbeit interessiert ist, Sitz dieses Forschungsprojekts sind Cambridge und Amsterdam.

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