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Wehmut, Wind und Wellen: Fontane-Oper "Oceane" in Berlin | BR24

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Theodor Fontane beließ es bei einem Fragment: In einem Ostseebad mischt eine geheimnisvolle Fremde die Kurgäste auf. Detlev Glanert machte daraus eine wild bewegte Oper über den Freiheitskampf einer Frau. Die Zuschauer waren begeistert.

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Wehmut, Wind und Wellen: Fontane-Oper "Oceane" in Berlin

Theodor Fontane beließ es bei einem Fragment: In einem Ostseebad mischt eine geheimnisvolle Fremde die Kurgäste auf. Detlev Glanert machte daraus eine wild bewegte Oper über den Freiheitskampf einer Frau. Die Zuschauer waren begeistert.

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So viele Wassernixen, wie in der Operngeschichte herumplanschen, ist sie eigentlich eine ziemlich feuchte Angelegenheit. Undine, Melusine, Rusalka: Seit der Romantik sind Komponisten fasziniert von verführerischen, aber auch unheimlichen Frauen, die aus den Tiefen von Flüssen und Seen auftauchen und Männern den Kopf verdrehen. Das Wasser als Sinnbild für das Unbewusste, das Verdrängte, für Werden und Vergehen, aber auch für gefährliche, unbegrenzte Freiheit. Henrik Ibsen schrieb darüber sein Stück "Die Frau vom Meer", der umstrittene NS-Regisseur Veit Harlan drehte zu dem Thema sein höchst erfolgreiches Melodram "Opfergang" (1944) und Benjamin Britten schrieb die Oper "Peter Grimes" (1945), wo das Meer ebenfalls die Heimat und Zuflucht des Außenseiters ist.

"Ich benutze ja gerne alte Stoffe"

Insofern reiht sich der viel gefragte Komponist Detlev Glanert in eine lange und schillernde Tradition ein, nachdem er jetzt Theodor Fontanes unvollendeten Novellenentwurf "Oceane" aus dem Jahr 1882 vertonte. Detlev Glanert: "Das sind natürlich alles Dinge, die mit anklingen. Auch ganz besonders das alte Fontane-Thema 'clash of two cultures', das ist ganz wichtig, weil es heute auch so aktuell ist. Auch die mangelnde Empathie gegenüber den Menschen, wie geht man mit Outsidern um in der Gesellschaft! Darüber hat sich schon Fontane Gedanken gemacht, und das ist eine interessante Spiegelung auf unsere Zeit, ohne plump aktuell zu sein. Ich benutze ja gerne alte Stoffe, wie man weiß, weil ich denke, dass man den Wald besser sieht, wenn man nicht vor dem Baum steht. "

© Bernd Uhlig/Deutsche Oper Berlin

Unter Sturmwolken

Als "Sommerstück" bezeichnen Glanert und sein Textdichter Hans-Ulrich Treichel ihre Oper. Doch tatsächlich ist es ein düsteres Untergangsdrama. Bei Fontane spielt es noch unter den Kurgästen von Heringsdorf an der Ostsee, in der Oper ist der Schauplatz nebensächlich. Erzählt wird in knappen 100 Minuten, wie die titelgebende Oceane, eine offensichtlich reiche, mysteriöse und sehr attraktive Frau die Gästeschar eines heruntergekommenen Grandhotels aufmischt. Keiner weiß, wo sie herkommt: Sie hält sich an keine Regeln, tanzt wild und ekstatisch, verlobt sich plötzlich und verschwindet spurlos. Sie hat die Gesellschaft herausgefordert, deren hässliche Seiten herausgekitzelt, deren Fanatismus mobilisiert und die Gier nach Geld und Sex angestachelt.

"Die jungen Schriftsteller liebten Fontane"

Sehr modern, was Fontane da für eine Kurzgeschichte entworfen hat, meint nicht nur Detlef Glanert: "Er ist mir immer wichtiger geworden in den letzten dreißig Jahren. Das war ein sehr langsamer Prozess. Ich habe zunächst die 'Wanderungen in die Mark Brandenburg' gelesen, ganz toll gefunden, immer mehr grandiose Dinge an ihm entdeckt und dann schließlich kapiert, warum alle jungen Schriftsteller in Deutschland ihn geliebt haben, alle, nicht nur die alten Zausel, sondern die jungen, fortschrittlichen, und da gibt es einen Grund für."

© Bernd Uhlig/Deutsche Oper Berlin

Keine Chance auf Glück

Fontane war ein leiser, aber genialer Prophet der Moderne, und diese Oper illustriert das auf ergreifende Weise. Der Applaus des Publikums war für eine Uraufführung fast schon frenetisch, denn Glanert versteht sich auf die Vertonung von maritimen Themen: Das Wasser ist sozusagen sein Element, und hier spielt er die Stärke voll aus. Mächtige Chor-Sätze, ganz groß besetztes Orchester, sogar eine Windmaschine hat viel zu tun. Der Wellengang wird in allen Windstärken hörbar, vom leisen Plätschern bis zum tobenden Orkan. Großartig, wie Glanert seinen Stoff im Griff hat, fulminant, wie Hans-Ulrich Treichel den Text verdichtet. Sicher, sonderlich avantgardistisch ist diese Musiksprache nicht, aber dafür erreicht sie ihre Zuhörer, ist jederzeit theaterwirksam, unterhaltsam, abwechslungsreich, emotional und effektvoll.

Regisseur Robert Carsen und seine Ausstatter Luis F. Carvalho und Dorothea Katzer fanden dafür ungemein schwermütige, intensive Bilder, dabei war ihr Kunstgriff denkbar einfach. Auf der Bühne war wenig mehr als eine Leinwand sehen, auf der in schwarz-weiß die an einem Strand auslaufenden Wellen zu sehen waren, aber so ästhetisch, so wirkungsvoll, dass sofort die richtige Stimmung aufkam. Menschen unter Sturmwolken, die nicht wahrhaben wollen, dass die wahren Orkane in ihnen selbst toben, angefacht von ihrer Engstirnigkeit, ihrer Wut, ihren Vorurteilen.

© Bernd Uhlig/Deutsche Oper Berlin

Oceane (Maria Bengtsson) und Martin von Dircksen (Nikolai Schukoff)

Dirigent Donald Runnicles fand meisterhaft die orchestralen Farben für dieses durch und durch deutsche Seelengemälde, auf dem sich Wehmut und Hochmut, Weltschmerz und Weltekel munter mischen. Maria Bengtsson in der Titelrolle überzeugte stimmlich wie schauspielerisch als ausgegrenzte, angefeindete Frau, die ihren Freiheitskampf verliert. Doris Soffel war eine herrlich frustrierte Hotelbesitzerin vor der Pleite, Nikolai Schukoff ein glaubwürdig überforderter Liebhaber, der nicht so recht weiß, wie ihm mit Oceane geschieht. Endlich einmal wieder eine Uraufführung, die sicherlich bald nachgespielt wird, und eine so würdige wie zeitgemäße Gesamtleistung zu Theodor Fontanes 200. Geburtstag am 30. Dezember.

Wieder am 3., 15., 17. und 24. Mai 2019 an der Deutschen Oper Berlin.

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