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"Oberpriester" des Easy Listening: Burt Bacharach in München | BR24

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Mit 91 Jahren stand der frühere Bandleader von Marlene Dietrich und vielfach preisgekrönte Hit-Schreiber wieder auf der Bühne. Er plauderte über Scheidungen, den Musikmarkt und Donald Trump - und verriet dem BR das "Geheimnis" seiner Musik.

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"Oberpriester" des Easy Listening: Burt Bacharach in München

Mit 91 Jahren stand der frühere Bandleader von Marlene Dietrich und vielfach preisgekrönte Hit-Schreiber wieder auf der Bühne. Er plauderte über Scheidungen, den Musikmarkt und Donald Trump - und verriet dem BR das "Geheimnis" seiner Musik.

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Von wegen "Easy Listening", einfaches Zuhören! Versuchen Sie mal, zu einem Hit von Burt Bacharach den Takt zu schlagen oder mitzuwippen, Sie werden scheitern. Der Mann komponiert in seiner Liga wahrscheinlich die trickreichsten und hinterhältigsten Songs überhaupt - voller überraschender Tempo- und Rhythmuswechsel. Die Sänger jammern, die Musiker staunen, das Publikum ist hingerissen, und Burt Bacharach selbst gibt sich wahrhaft schelmisch: "Ich möchte es den Sängern nicht schwer machen, nicht kompliziert und anstrengend", sagte er 2012 der amerikanischen Kongressbibliothek, nachdem er den renommierten Gershwin-Preis für sein Lebenswerk erhalten hatte. Die Interpreten sollen sich bei seinen Liedern "nicht verausgaben". Da sei er sehr behutsam, sowohl bei der Lautstärke, als auch bei der Orchestrierung. Allerdings sei er in diesem Punkt wirklich sein eigener Richter, auch im Interesse des Publikums.

Er trägt die Jukebox im Kopf

Bacharach schrieb seine Hits schon auf Servietten und Bierdeckel, lässt sich überall inspirieren, ist ständig hellwach für Akkorde oder eine populäre Melodie - übrigens ziemlich anstrengend, meint er, immer so eine Jukebox im Kopf mitzuschleppen: Einerseits bekommt er dadurch wenig Schlaf, andererseits auch viele ungewöhnliche Ideen - Berufsrisiko. Ein Konzert war es natürlich nicht gestern Abend in der Münchner Philharmonie im Gasteig-Kulturzentrum, eher ein Hochamt oder eine Huldigung für den legendären Oberpriester des Easy Listening. Der Mann ist inzwischen 91 Jahre alt und stand das letzte Mal im Mai 1960 in München auf der Bühne, damals als Bandleader von Marlene Dietrich. Was für eine Lebensspanne, was für ein Gesamtwerk! Dabei bleibt Bacharach immer etwas ironisch, typisch für seine Wahlheimat Kalifornien, wo "Easy Living" angesagt ist. Drei Arten von Scheidung gab es dort einst, verriet er dem Publikum: Langwierig vor Ort, schnell drüben in Mexiko und in Las Vegas, wo trennungswillige Paare allerdings sechs Wochen wohnen mussten. Er entschied sich für letzteres.

© Paul Zinken/dpa

Trickreiche Songs

Geheimnis seiner Musik

Daneben gibt er sich überraschend politisch, zeigt sich bestürzt von den vielen Schießereien in amerikanischen Schulen und über Präsident Donald Trump. Beides hat er noch kürzlich in neuen, sehr nachdenklichen Songs verarbeitet. Er hadert mit dem Niedergang des Musikmarkts, amüsiert sich über seine Unfähigkeit, rockige Titel zu komponieren und zeigt sich demütig, weil andere seine Songs gelegentlich neu arrangieren und damit mehr Erfolg hatten als er selbst. Dem BR sagte er vor seinem Konzert am Telefon: "Das Geheimnis meiner Musik ist, dass es keines gibt. Das Geheimnis liegt im Zimmer, in dem ich arbeite, in meinem Kopf, in dem, was ich dort höre, was ich aus dem Keyboard heraushole. Die Orchestrierung kommt dann sofort beim Komponieren des Songs, so dass ich schon eine genaue Vorstellung davon habe, wie sich das Orchester anhören wird."

© Rainer Merkel/picture alliance

Er plaudert über Scheidungen und Trump

"Sie müssen durchweg interessant sein"

Leider war die Münchner Philharmonie erschreckend wenig besucht: Burt Bacharach ist demnach aus der Zeit gefallen, womöglich wurde auch viel zu wenig Werbung gemacht. Jüngere Zuschauer geben sich erstaunt, wenn sie seine Hits hören: Ach, das ist alles von dem? Ja, ist es! Und er singt tatsächlich mit 91 noch ein paar Zeilen selbst. Gut zwei Stunden steht er durch, als Pianist, als Moderator, als Dirigent und stolzer Vater: Seinen schüchternen Sohn hat er mitgebracht auf die Bühne. Auf die Frage, was es braucht zum Hitschreiben, antwortet Bacharach so sachlich wie ein Musik-Mechaniker: "Ich glaube, Sie sollten in dem Beruf ein sehr gutes Gefühl für Musik haben, Sie müssen es sogar haben. Sie arbeiten nämlich für eine sehr kurze Kunstform, die dreieinhalb, vier oder viereinhalb Minuten Lebenszeit kostet. Das sollte niemanden runterziehen, sondern durchweg interessant sein."

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