Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

So lassen sich die Oberammergauer im Heiligen Land inspirieren | BR24

© BR

Traditionell reist der Regisseur der Passionsspiele, Christian Stückl, mit seinen wichtigsten Darstellern vor Proben-Beginn nach Israel, um dort die Schauplätze der Bibel zu besichtigen. Eine der Fragen, um die es dabei geht: Wie radikal war Jesus?

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

So lassen sich die Oberammergauer im Heiligen Land inspirieren

Traditionell reist der Regisseur der Passionsspiele, Christian Stückl, mit seinen wichtigsten Darstellern vor Proben-Beginn nach Israel, um dort die Schauplätze der Bibel zu besichtigen. Eine der Fragen, um die es dabei geht: Wie radikal war Jesus?

Per Mail sharen
Teilen

Gerade sind die Oberammergauer in Galiläa unterwegs, um sich auf die Passion einzustimmen und zeigen sich angetan und neugierig. Abdullah Kenan Karaca, zweiter Spielleiter der kommenden Saison 2020: "Ich glaube, dass es ein ganz guter Anreiz ist, dass man sagt, man ist räumlich näher dran an den Orten, wo es tatsächlich passiert ist, als wenn man jetzt zu Hause wär und würde sich da irgendwie einlesen." Eva Reiser, die die Maria spielen wird: "Ich hoffe, dass gute Gespräche und Diskussionen entstehen und viele Eindrücke." Rochus Rückel, einer von zwei Christus-Darstellern: "Dadurch, dass man alles erlebt, kann man sich es viel besser vorstellen. Man hat ein konkreteres Bild, und das hilft einem dann bei der Darstellung."

© Christoph Leibold/BR

Wanderung am See Genezareth

Der Geist eines Ortes und die eigene Fantasie

Egal ob auf der Bootsfahrt über den See Genezareth, beim Besuch der "Brotvermehrungs"-Kirche an dessen Ufer oder auf dem "Berg der Seligpreisungen" – überall geht es darum, die eigene Fantasie mit dem Genius Loci aufzuladen. Aber ist das nicht eine romantische Vorstellung, die mit der Realität vor Ort nichts zu tun hat? Nicht nur, weil seit Jesu Wirken rund 2000 Jahre vergangen sind. Sondern auch, weil sein Wirken diese Orte mit einer Bedeutung aufgeladen hat, die sie zu seinen Lebzeiten noch nicht hatten, und die diese Orte radikal verändert hat, denn an fast alle diesen Stellen stehen heute: Kirchen.

Frederik Mayet, der andere der beiden Jesus-Darsteller, findet daher: Am besten kommt man den Ereignissen aus den Evangelien ein wenig abseits dieser Schauplätze nahe: "Wir versuchen ja in unserem Passionsspiel eine Geschichte zu erzählen, die vor 2000 Jahren hier passiert ist. Und ich kann mich da mehr rein denken, wenn ich sage, wie ist denn der Jesus auf dem Feld gesessen? Da brauche ich keine Kirche dafür. Und ob er zweihundert Meter weiter links auf dem Feld gesessen ist oder zweihundert Meter weiter rechts, das ist ja gar nicht so wichtig. Aber er hat denselben Blick gehabt wie wir heute, hat hier gesessen und hat diskutiert und gesprochen und gepredigt. Und dann kriegt man schon ein Gefühl und versucht das aufzusaugen."

© Christoph Leibold/BR

An der "Taufstelle Jesu"

Der zornige Jesus

Wenn Passionsspielleiter Christian Stückl im Schatten eines Baumes auf einem Hügel in Galiläa sitzt, und um ihn sein Ensemble, dann wirkt das auch ein wenig so, als diskutiere hier der Meister mit seinen Jüngern. Weil die männlichen Darsteller bereits ihre biblisch anmutenden Bärte tragen – und vor allem, weil Stückl mit geradezu messianischer Leidenschaft um die Sache ringt. Zum vierten Mal wird er das Oberammergauer Passionsspiel inszenieren. Und mit jedem Mal versucht er eine andere, eine neue Sicht auf die Figur Jesus Christus zu gewinnen. "Wir trauen uns bei Jesus ganz viel nicht, was wir uns schon trauen dürften", so Christian Stückl. "Wie weit darf man darüber reden, wie extrem der war? Seine Aggressivität ausloten? Aber irgendwie ist die Figur wahnsinnig verstellt. Jeder kennt sie und hat eine Ahnung von ihr. Und man kommt oft von diesen Bildern nicht weg."

Gerungen wird um den Abgleich zwischen Theologie und Theater. Wie weit zum Beispiel kann man gehen in der Darstellung eines zornigen Jesus, der mit Furor soziale Gerechtigkeit predigt? Und verträgt sich das dann noch mit der Vorstellung vom friedfertigen Verfechter der Nächstenliebe? Frederik Mayet: "Man hat das Gefühl, die Reichen in der Welt sind noch reicher geworden und die Armen noch ärmer. Und ich habe das Gefühl, der Christian sucht gerade ganz viele Beispiele raus, wo sich Jesus dazu äußert. Diese sozialen Standpunkte, die Jesus hatte, die sind so aktuell. Und da hoffe ich, dass das noch mehr als 2010 im Passionsspiel drin ist."

© Christoph Leibold/BR

Der Autor (Mitte) zwischen Jesus-Darstellern Mayet (links) und Rückel (rechts)

"Die Truppe aufeinander einschwören"

Dieses Passionsspiel beginnt erst mit Jesu Einzug in Jerusalem. Sein Wirken rund um den See Genezareth wird in Oberammergau nicht gezeigt. Für das Verständnis von Jesu Persönlichkeit ist Christian Stückl diese Vorgeschichte aber enorm wichtig. Deshalb der Aufenthalt in Galiläa. Der zweite Teil der Reise führt das Kern-Ensemble der Oberammergauer Passionsspiele nun nach Jerusalem. Dort wird Stückl weiter daran arbeiten, seine Spieler nicht nur auf die biblische Geschichte, sondern auch aufeinander einzustimmen. Christian Stückl: "Ich glaube, dass das eine ganz gute Geschichte ist, wie die Leute miteinander sind und sich kennenlernen. Wir haben welche dabei, die sind 16, und wir haben welche dabei, die sind fast 80. Und irgendwie sind die selber voneinander überrascht und tasten sich ab. Ich glaube, man muss schon versuchen, die Truppe aufeinander einzuschwören."

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Hörspiele, Krimis, Kinder-Angebote, Features, Dokumentationen, Gespräche und vieles mehr finden Sie in der ARD Audiothek.