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Obama gibt Buchtipps

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    Obama: Wer Amerika verstehen will, muss diese Bücher lesen

    Der Ex-Präsident verriet der "New York Times", welcher deutsch-amerikanische Prediger ihn besonders beeinflusst hat, warum er am liebsten nach 22 Uhr schreibt und welche Tipps er für alle bereit hält, die neugierig auf die Vereinigten Staaten sind.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Dass Barack Obama seit seiner Jugend ein leidenschaftlicher Leser ist, hat er bei jeder Gelegenheit betont, auch im ersten Band seiner gerade veröffentlichten Memoiren. Jetzt telefonierte er mit der "New York Times" und sprach ausführlich über seine prägendsten Erlebnisse mit Büchern. So hat ihn nach eigener Aussage in seinen frühen Erwachsenen-Jahren neben Martin Luther King Jr. und Abraham Lincoln vor allem der deutsch-amerikanische Prediger Reinhold Niebuhr (1892 - 1971) beeinflusst. Von ihm will Obama gelernt haben, trotz eines kühlen Blicks auf die unvollkommene Welt mit all ihren Verbrechen und Katastrophen die Hoffnung nicht aufzugeben, also Realismus mit Optimismus zu verbinden. Von Martin Luther King Jr. hat Obama demnach die Grundeinstellung übernommen, dass die Vereinigten Staaten stets im Werden sind, aber niemals ihr Ziel erreichen. Wichtig sei vielmehr, unverdrossen danach zu streben.

    Viele Klassiker des 19. Jahrhunderts

    Interessant ist die Bücherliste, die der Ex-Präsident für alle bereit hält, die die Mentalität Amerikas kennen lernen möchten. So verweist Obama auf Alexis de Tocquevilles Klassiker "Die Demokratie in Amerika" (1835/40), und zwar mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass dort nachzulesen sei, wie tief der Bruch war zwischen der Alten und der Neuen Welt. Zu den weiteren Sachbüchern, die er empfiehlt, gehören die Autobiografien des Ex-Sklaven Frederick Douglass (1845, nicht auf Deutsch erschienen) und des Bürgerrechtlers Malcolm X (2003), Henry David Thoreaus Selbstversuch in der ländlichen Idylle "Walden" (1854), Ralph Waldo Emersons Aufforderung zur "Selbstverantwortung" ("Self-Reliance", 1848), Abraham Lincolns Ansprache bei dessen zweiter Amtseinführung und Martin Luther Kings "Brief aus dem Gefängnis in Birmingham" (1963).

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    Bildrechte: Roger L. Wollenberg/Picture Alliance

    Beim Vorlesen für Kinder: Obama

    Nach Auffassung von Obama hat Tocqueville bereits vorhergesehen, dass der "Klebstoff" der Gesellschaft sich nach und nach auflöst, dass gemeinsame Werte erodieren können und dass die Vereinsamung und "Atomisierung" jede Demokratie verletzbar machen.

    Zu den Belletristik-Titeln, die Obama zum besseren Verständnis der USA empfiehlt, gehören die Gedichte von Walt Whitman, F. Scott Fitzgeralds "Der Große Gatsby" (1925) über die Einsamkeit eines Millionärs in den "wilden Zwanzigern", Ralph Ellisons "Der Unsichtbare Mann" (1952) über soziale Ausgrenzung, John Steinbecks "Früchte des Zorns" (1939) über die Große Depression in den 1930er Jahren und Toni Morrisons "Solomons Lied" (1977) über das Leben eines jungen Afroamerikaners, außerdem "so gut wie alles" von Ernest Hemingway, William Faulkner und Philip Roth. Den "griesgrämigen" V.S. Naipaul kann Obama zwar nicht sonderlich leiden, ist aber von dessen Fähigkeit zu argumentieren ebenso beeindruckt wie von dessen Stil, der in wenigen Strichen den Charakter einer Person erfasse. Und immer, wenn er sich frage, von wem er am meisten übers Schreiben gelernt habe, so Obama, melde sich die Stimme von James Baldwin.

    "Nachts verengt sich die Welt"

    Aus der eigenen "Schreibstube" berichtet der Ex-Präsident, der in seiner Jugend übrigens Kurzgeschichten verfasste, dass er am Besten nachts zwischen 22 Uhr und zwei Uhr morgens zu sich selbst finde: "Ich glaube, die Welt verengt sich zu der Zeit, und das ist gut für meine Einbildungskraft. Es ist, als ob rundherum tiefe Dunkelheit herrscht und bildlich gesprochen ein Lichtstrahl auf den Schreibtisch fällt, auf das Papier." Ein Tagebuch habe er in seiner Amtszeit aus Zeitgründen nicht führen können, wesentliche Momente allerdings sofort notiert, um sie im Gedächtnis zu behalten.

    Einmal mehr bestätigte Obama, dass er seine Werke mit einem schwarzen Faserstift niederschreibt, so dass die Übertragung in den Computer in gewisser Weise die allererste "Edition" darstellt. Seine Begründung für die Liebe zur Handschrift: Halbgare, unausgereifte Gedanken würden scheinbar geordnet aussehen, wenn sie in den Computer getippt würden.

    Und allen, denen über die Jahreswende mehr oder wenige scharfe "Lockdowns" drohen, spendet Obama mit dem Hinweis auf die segensreichen Wirkungen von Büchern Trost: "Sie können uns gut unsere Narreteien, unsere Selbstsucht und Kurzsichtigkeit vor Augen halten, aber auch an die Freuden, die Hoffnung und Schönheit erinnern, die wir miteinander teilen."

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