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Nura schreibt das Buch, das sie mit 14 gebraucht hätte | BR24

© Audio: BR/ Bild dpa/picture-alliance

Buchbesrpechung: Die Autobiografie der Rapperin Nura

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Nura schreibt das Buch, das sie mit 14 gebraucht hätte

Vom Heim für Asylbewerber in die Top 10: Nura, die in Kuwait geborene Rapperin hat das geschafft. Aber sie hat nicht vergessen, welche Steine ihr in diesen Weg gelegt wurden. Jetzt hat sie ihre Autobiografie geschrieben: "Weißt du, was ich meine?"

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Von
  • Matthias Scherer

Nura hat jetzt das Buch geschrieben, das sie selbst mit 14 oder 15 gern gelesen hätte. "Es wäre einfach cool gewesen, zu lesen, dass jemand anders die selben Probleme hat wie ich", sagt sie im Interview mit dem BR. "Damit ich weiß, dass ich normal bin. Das braucht man glaube ich als Teenager: dass man weiß, man ist normal, und man hat Probleme, die andere auch haben. Das ist das Alter, wo man sich selbst sucht, und manche sich nur finden, indem sie merken: "OK, dieser andere hat dasselbe Schicksal wie ich."

Nirgendwo zugehörig

Ihre Geschichte ist die eines Schwarzen Mädchens, das lange Zeit nirgendwo wirklich dazugehört: weder in ihrem muslimisch geprägten Familienumfeld, noch an ihrer fast komplett weißen Schule in Wuppertal, oder in der männerdominierten Deutschrap-Szene, in der sie später landet. Nura kannte man bisher hauptsächlich als Musikerin: mit ihrem ersten Solo-Album "Habibi" schaffte sie es letztes Jahr in die Top 20 der Charts. Nura ist aber auch Aktivistin: Auf ihren Social Media-Kanälen ruft sie ihre Fans dazu auf, sich gegen Rassismus zu engagieren, und sammelt Spendengelder für Flüchtlings-Initiativen. Dieses Engagement kommt nicht von ungefähr. Als Nura jünger ist, ruft ein Mitschüler jedes Mal "Banane", wenn sie den Raum betritt, und sie bekommt aus erster Hand mit, wie ihre junge Mutter auf der Asylbehörde jedes Jahr um ihr Bleiberecht in Deutschland kämpfen muss.

Das sei allerdings auch heute noch so, dass ihre Mutter dort respektlos behandelt werde. Und das sei nicht nur bei ihrer Mama so, das sagten viele Menschen. "Und deswegen frage ich mich: Warum arbeiten Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde, die einen Hass auf die Menschen dort haben und sie dadurch so verunsichern, dass man sich gar nicht mehr traut, nachzuhaken und mehr zu verlangen, obwohl man weiß, dass einem mehr zusteht."

Reise nach Eritrea

Nuras Beziehung zu ihrer Mutter ist ein Thema, das sich durch das komplette Buch zieht: das Wort "Mama" taucht mehr als 200 Mal auf. Nuras Mutter, die im Buch nicht mit Namen genannt wird, zog ihre vier Kinder ohne ihren Ehemann auf. Sie ist gläubige Muslima, und tut sich schwer damit, dass Nura schon als Kind in Frage stellt, warum ihre Brüder Dinge tun dürfen, die ihr als Mädchen verboten sind. Trotzdem unternehmen Nura und ihre Mutter mehrere gemeinsame Reisen, zum Beispiel 2005 nach Eritrea. Nura beschreibt in ihrem Buch, wie bereichernd sie diese Erfahrung findet - obwohl sie die Armut vor Ort traurig macht. "Trotz all dem waren die Menschen in Eritrea unglaublich herzlich und durchgehend gut gelaunt. Auch, weil die ganze Zeit Musik am Start war. Ich fand das so nice! Während das im arabischen Raum überhaupt nicht erlaubt war, lief hier überall Musik, zu der gesungen und getanzt wurde. Abends zogen meine Schwester Hannan und ich manchmal los und gingen in eine Bar mit Livemusik, wo Frauen und Männer gemeinsam feierten. Im Grunde war das wie in Europa, mit dem einzigen Unterschied, dass wir alle schwarz waren und es keine weißen Menschen gab."

"Weißt du, was ich meine?" ist mit knapp 200 Seiten ein kurzes Buch, dessen Ton mit Slang und Umgangssprache durchzogen ist. Aber die Themen, die Nura darin anspricht, sind vielseitig, und sie bearbeitet sie mit Tiefgang und viel Humor. Sie erzählt von der großen eritreischen Community, die es in Deutschland gibt, von der Härte des deutschen Asylsystems, von einer chaotischen Pilgerfahrt nach Mekka, und von ihrer Selbstfindung in der Party-Szene Berlins. Nura, das lernen wir beim Lesen, hat lange gebraucht, um sich in ihrer Haut wohl zu fühlen. Das hat sie jetzt geschafft. Sie hat ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, und ist selbst zu einer Identifikationsfigur für Tausende junge Menschen geworden, die, wie Nura sagt, sich selbst suchen. Vom Asylheim in die Bestseller-Listen? Unwahrscheinlich ist es nicht.

Nura Habib Omer "Weißt du, was ich meine? Vom Asylheim in die Charts" ist im Ullstein Verlag erschienen.

© Ullstein/ Montage BR

Cover: Weißt du, was ich meine? Vom Asylheim in die Charts

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