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Ein deutschsprachiges Kinderbuch wurde zurückgezogen, weil sich die chinesischen Behörden darüber aufregten. Der Druck aus Peking nimmt zu, das Regime greift auch zu Strafanzeigen, um seine Ansichten durchzusetzen. Wie soll der Westen damit umgehen?

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Nur "gute" Geschichten: Darum drohte China deutschem Verlag

Ein deutschsprachiges Kinderbuch wurde zurückgezogen, weil sich die chinesischen Behörden darüber aufregten. Der Druck aus Peking nimmt zu, das Regime greift auch zu Strafanzeigen, um seine Ansichten durchzusetzen. Wie soll der Westen damit umgehen?

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Von
  • Peter Jungblut

Echte chinesische Tapeten, die gibt es auch an der Universität Basel, und auf die ist Ralph Weber auch angewiesen, wenn er Kunst aus dem Reich der Mitte sehen will. Denn reisen darf er dorthin erst mal nicht mehr, und das liegt nicht an der Pandemie. Der Professor für European Global Studies und Kenner der chinesischen Machtpolitik hat sich mit einer seiner kritischen Veröffentlichungen in Peking unbeliebt gemacht, und das ist derzeit leichter denn je. Die chinesische Propagandabehörde hat nämlich ein ganz einfaches Motto: "Über China nur gute Geschichten." Welche das sind, darüber entscheiden nicht die Autoren, sondern die Mächtigen in der Kommunistischen Partei.

Behörden können auf Knopfdruck das Lager wechseln

Und selbst denen wird mitunter schwindlig. So wurde die in Peking geborene amerikanische Regisseurin Chloé Zhao zunächst groß gefeiert, weil sie mit ihrem Film "Nomadland" schon viele Preise abgeräumt hat und wohl auch Oscars einheimsen wird. Als eifrige Funktionäre im Netz allerdings kritische Äußerungen der Künstlerin über China fanden, war es mit den wohlwollenden Schlagzeilen auf Knopfdruck vorbei. Inzwischen ist nicht mal mehr sicher, ob der Film in China überhaupt jemals zu sehen sein wird. Zhao wird totgeschwiegen.

"Dieser Film war zuerst mal eine gute Geschichte, und solange er das war, wurde er unterstützt und gepusht", erklärt Ralph Weber: "In dem Moment, wo es keine gute Geschichte über China mehr ist, wechselt man das Lager und bekämpft es. Es muss uns gelingen, bei den Spannungen, die häufiger sein werden, zwischen der Kommunistischen Partei, dem Regime, und den Chinesen zu unterscheiden."

China versucht "immer mehr Einfluss" zu nehmen

Keine "gute" Geschichte war auch ein Satz im Kinderbuch "Ein Corona-Regenbogen für Anna und Moritz" des Hamburger Carlsen-Verlags. Dort war zu lesen, das Corona-Virus habe in China seinen Ursprung und sich von dort weltweit verbreitet. Darüber war das chinesische Generalkonsulat in Hamburg so erzürnt, dass es mit Strafanzeige drohte. Der Verlag knickte ein und zog das Buch aus dem Verkehr, um eine neue Auflage ohne den kritisierten Satz zu drucken, der sei ja nun nicht so "relevant".

"Das hat mich überhaupt nicht gewundert. Für mich ist das Teil eines Musters, das wir schon länger beobachten. Die chinesischen Behörden, seien es Konsulate oder Botschaften, versuchen immer mehr, Einfluss zu nehmen", so Ralph Weber gegenüber dem BR.

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Bildrechte: Ole Spata/Picture Alliance

Demo von Amnesty International

Aber ist das Vorgehen der Chinesen nicht etwas rabiat und ungeschickt? Hätte sich das nicht diskreter und diplomatischer lösen lassen? Ralph Weber: "Man darf nicht vergessen, dass alle diese Einheiten in ein System eingegliedert sind, in dem sie sich rechtfertigen müssen. Oft geschieht so etwas, weil man den Oberen ein Zeichen geben möchte, dass man aktiv ist. Die Rationalität dahinter erahnen zu wollen, ist eine schwierige Aufgabe." Der China-Kenner vermutet, dass sich die chinesische Seite jetzt erst einmal bestätigt sieht, trotz mancher unangenehmer Schlagzeile in deutschen Medien: "Kurzfristig war es erfolgreich, der Verlag hat ja gemacht, was das Generalkonsulat wollte und das zeigt zunächst einmal, dass sie im Generalkonsulat sagen, wir können es machen, also machen wir es. Das ist nicht zu unterschätzen, dieser Effekt." Und letztlich wird China auch darauf setzen, dass wenige Europäer sich intensiv darum kümmern, ob und wie ihre Informationsquellen manipuliert werden.

"China will steuern, wie wir denken und sprechen"

Der Umgang mit politischem Druck und Drohgebärden aus China wird immer schwerer, so Weber: "Es nimmt an Intensität zu. Der Druck, der durch die Medien ausgeübt wird, zum Beispiel durch die Beilagen, die von China finanziert werden, das hat zugenommen. Es geht letztlich um Diskurs-Steuerung in unseren Gesellschaften. Es geht darum, den Versuch zu unternehmen, zu beeinflussen, wie wir über China denken und sprechen. Dafür werden enorme Ressourcen von China eingesetzt."

Tatsächlich bekam auch die BBC Probleme, als sie in ihrem internationalen Programm über Chinas Versuche berichtete, den Ursprung der Corona-Pandemie in Wuhan möglichst vergessen zu machen, am besten völlig zu vertuschen. Das ist eben keine "gute" Story, und prompt wurde die BBC in China abgeschaltet. Großbritannien ließ sich das nicht bieten und knipste umgekehrt auch Chinas Auslandsprogramm aus, das sich nun notgedrungen nach einer Sendelizenz in Europa umsehen muss.

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Bildrechte: Dong Ning/Picture Alliance

Schöne Welt: Chinesische Moderatorin Tian Wei

Ralph Weber war natürlich in China und hatte dort zunehmend Probleme, seine Gesprächspartner einzuschätzen: "Das ist schwer zu entziffern, weil das Freunde machen ein Teil der Strategie ist. Das ist gut dokumentiert und geht weit zurück. Wenn man dieses System, nicht nur die Einheitsfront-Arbeit, auch die anderen Systeme, durch die China versucht, Einfluss auszuüben, wenn man die nicht kennt, dann kommt man in so einen Strudel rein, wo man ab und zu meint, man verstünde sich eigentlich besser, und es ist wahnsinnig schwer herauszufinden, wann man instrumentalisiert wird und wann gerade nicht. Deshalb ist es ein Gebot der politischen Klugheit, dass man erst mal von einer politischen Instrumentalisierung ausgeht. Das macht das Zwischenmenschliche sehr, sehr schwierig."

"Verträge machen, ohne Werte zu verkaufen: Geht das?"

Vor allem fordert Weber klare Kante im Umgang mit den chinesischen Behörden. Das sei allemal zweckdienlicher, als sich vor Konsequenzen zu drücken und einen "Schwebezustand" zu riskieren: "Wenn wir nicht dahin kommen, ab und zu auch die Kooperation einzustellen, dann haben wir eine unbedingte Kooperation, wir müssen aber zu einer bedingten kommen, in der beide Seiten ihre Bedingungen stellen, und nur, wenn das passt, etwas vorangeht. Wir sind hier etwas in eine missliche Lage geraten. Wie man das klug macht, darüber sollte man nachdenken. Aus der Geschichte wissen wir ja, dass es keine gute Idee ist, Regime zu isolieren."

Der Schweizer China-Kenner schrieb zum Beispiel Gastbeiträge, als er noch als "Freund Chinas" galt und wusste, dass Texte beliebig zensiert, gern auch Zitate aus dem Zusammenhang gerissen werden. Er fragt daher: "Wir müssen uns überlegen, wie können wir Verträge machen, ohne unsere Werte zu verkaufen. Ist das überhaupt möglich?"

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