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"Jede Form der Radikalität muss man genauer beleuchten" | BR24

© Mathias Bothor

Vorbereitungen für die erzwungene Hochzeit: Aynur (Almila Bagriacik) im Brautkleid, Filmszene aus "Nur eine Frau"

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"Jede Form der Radikalität muss man genauer beleuchten"

Der Film "Nur eine Frau" gibt Hatun Aynur Sürücü eine Stimme – der Frau, die 2005 von ihrem Bruder getötet wurde, mitten in Berlin. Im Interview erzählt Regisseurin Sherry Hormann, warum sie im Film nicht einfach auf "die anderen" zeigen wollte.

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Sherry Hormann ist bekannt für gesellschaftskritische Filme: In "Wüstenblume" (2009) erzählte sie von einer jungen Frau aus Somalia, die als Model in Großbritannien Karriere macht und auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn über die Tradition der Genitalverstümmelung in ihrem Heimatland spricht. Nun hat Hormann in "Nur eine Frau" den Fall um die Ermordung Hatun Aynur Sürücü aufgerollt: den ersten so genannten Ehrenmord, der in Berlin "so richtig fett Presse hatte", wie die Tote als Stimme aus dem Off erklärt. Marie Schoeß hat mit Sherry Hormann über da Schicksal von Hatun Aynur Sürücü gesprochen – und über das schwierige Verhältnis zwischen der deutschen und der türkisch-kurdischen Community.

Marie Schoeß: Sie geben der Verstorbenen im Film eine Stimme, lassen sie aus dem Off ihre Geschichte erzählen. Diese Stimme hat natürlich eine große Autorität: Aynur steht als Tote auf einer anderen Ebene als die anderen Figuren, nur sie kennt die Wahrheit über ihr Leben, ihren Tod, den Prozess gegen ihre Brüder. War Ihnen gleich klar, dass der Film diese machtvolle Stimme braucht?

Sherry Hormann: Die Idee der Stimme kam in der Entwicklung mit dem Drehbuchautoren Florian Oeller. Uns war schnell klar: Wenn wir diese Stimme haben, dann machen wir auch den Film. Wir wollten so in eine Emotionalität kommen, nicht dabei stehen bleiben, die Fakten abzulichten. Aynur ist ja rotzfrech im Film und das muss sie nach unseren Recherchen auch gewesen sein: lebensfroh, voller Aktivität, schnell. Und sie hatte zu vielen Dingen auch eine ungeschönte Meinung. Das wollte ich in dieser Stimme widerspiegeln.

Auch im Fingieren der Stimme liegt eine große Autorität. Die Tote kann dem Film schließlich nicht widersprechen, kann nicht sagen: Ich habe ich mich nicht so gefühlt, nicht so gedacht, wie es jetzt im Film dargestellt wird. Wie konnten Sie sicher sein, dass Ihre Darstellung stimmig ist?

Wir wissen: Sie ist ermordet worden. Auf offener Straße in Berlin und zwar durch ihren eigenen Bruder, den jüngsten Bruder. Das ist klar. Und das sagt sie auch zu Beginn des Films von sich selbst: Das ist so, das bin ich. Ende. Wir haben also aufgrund der Recherchen und der Gespräche mit Freunden, Zeugen, Menschen, die mit Aynur zu tun hatten, die Sprache gefunden, mit der sie sich im Film ausdrückt. Wir haben diesen Off-Text, der ja wie ein Film im Film ist, drei Mal aufgenommen. Vor Drehbeginn, während des Drehs und Monate später mit der Distanz, nachdem der Film fertig geschnitten war.

Was hat sich in der Zeit verändert?

Viel, weil wir am Ende wussten, was wir eigentlich erzählen wollen. Die Stimme und die Augen sind zwei Dinge, die man nicht verändern kann. Sie sprechen die Wahrheit. Und der erste Entwurf – also nicht der geschriebene Entwurf, sondern die Tonalität und der Ausdruck von Almila, die den Text gesprochen hat – der erste Entwurf war: Wir müssen es ganz neutral machen, bloß nicht Stellung beziehen, bloß nicht werten. Der zweite Entwurf war: Was empfindest du? Das war ein unglaublich wütender, emotionaler Entwurf – fast übergriffig. Mit der Distanz kam dann der Entwurf, den Sie im Film hören, bis auf ein paar Sätze aus dem allerersten Entwurf. Man hatte das Gefühl, Almila weiß jetzt, wer diese Aynur ist. Sie ist durch alles durchgegangen – die Dreharbeiten, die Recherchen, eigene Empfindungen – bis wir dahin kommen konnten.

© Mathias Bothor

Aynur (Almila Bagriacik) erstattet Anzeige gegen ihre Brüder, Filmszene aus "Nur eine Frau"

Gab es aber – nichtsdestotrotz – Bedenken? Es liegt ja doch ein Risiko darin, einer Verstorbenen eine Stimme zu geben...

Ich sage mal so: Ein Stoff wie "Nur eine Frau" braucht eine große Behutsamkeit und es muss wirklich genau überlegt werden, was man erzählt. Die Stimme war für mich der Trigger zu sagen: Diejenige, die erschossen worden ist, aus unserer Mitte, die werden wir nie wieder hören. Deswegen wollte ich, dass wir sie hören, um auch zu wissen, was wir nicht mehr hören können, um aus einem so genannten Fall einen Menschen zu machen.

In dem Film stecken viele Emotionen, auch viel Wut. Zum einen Wut gegenüber den Brüdern, der Familie überhaupt. Zum anderen gegenüber einem deutschen Publikum und dessen Desinteresse an der türkischen Sprache, Kultur und an den türkischen Menschen im Allgemeinen. Erleben Sie die deutsche Gesellschaft so? Vor allem desinteressiert an der türkischen Kultur?

Der Hauptauslöser, diese Geschichte zu verfilmen, war, dass ich nicht von einer fremden Welt erzählen möchte oder zeigen möchte: Das sind die anderen. Im Gegenteil, wir sind alle ein Wir, wir gehören alle zusammen. Wir leben in einem Land, wir leben in einer Stadt, aber wir machen uns nicht die Mühe, uns miteinander auseinanderzusetzen – weder von der einen Seite, noch von der anderen. Es muss doch hinausgehen über das: "Ah, da ist ein guter Dönerladen, da müssen wir mal hingehen." Die Berührungsängste sind aber inzwischen so groß, dass sich der Begriff Parallelgesellschaften leider durchsetzt. Es darf diesen Begriff aber nicht geben. Es muss ein Wir geben und darauf arbeite ich in "Nur eine Frau" sehr stark hin. Ich habe die Täter weniger zu Wort kommen lassen, aber dennoch erzählen wir ja von Menschen. Es war also die Herausforderung, nicht ans Set zu gehen und zu sagen: "Ah, wie konnten die nur so sein?", sondern immer wertfrei zu bleiben. Da haben auch die Schauspieler sehr geholfen, die einen kurdisch-irakischen Hintergrund haben oder einen türkischen wie Almila. Ich kann so einen Film nicht ohne Leidenschaft machen und ohne Emotionen. Das ist keine Wertung, es ist einfach ein Ansinnen, wenn man in einer Demokratie lebt, dass man etwas beiträgt und nicht erwartet, dass es immer von den anderen kommt. Da von den anderen nicht so viel kommt, muss man selbst etwas beitragen.

Aber woher kommt das: die Berührungsängste, das Desinteresse?

Es muss viel mit der Not zu tun haben, sich zu fragen: Wo gehöre ich hin? Also, dieser Begriff der Heimat. Wo gehöre ich hin? Jetzt bin ich hier. Das ist nicht meine Heimat. Aber wird es meine Heimat? Die nächsten Generationen empfinden dieses Land ja immer mehr als ihre Heimat, aber wenn wir ihnen keine Chance geben, sich auszudrücken, sich auszuleben, dann ist das ein Fehler von unserer Seite. Ich erwarte aber auch von allen, die in unser Land kommen, dass sie sich in einen Dialog begeben. Beide Seiten brauchen die Neugierde. Auf der einen Seite zu fragen: Was ist das für ein Land, in dem ich jetzt lebe? Und auf der anderen Seite zu sagen: Kommt in unser Land, nicht nur als Arbeitskräfte, sondern kommt in unser Land und werdet Teil unserer Gesellschaft. Der Grund, warum wir mit so brennendem Herzen "Nur eine Frau" gedreht haben, ist auch: Eine Frau begleitet ihren Bruder zu einer Bushaltestelle und plötzlich sieht sie diese Waffe in ihrem Gesicht, von ihrem Bruder auf sie gerichtet. Er löscht ihr Gesicht aus, weil sie eine Schande darstellt. Zwei Meter weiter weg sind Wohngebäude. Warum haben die Leute diesen Schuss nicht gehört? Jede Form des Fanatismus, jede Form der Radikalität muss man genauer beleuchten – ob das jetzt aus der muslimischen Community kommt, ob das aus den rechtsradikalen Communities kommt oder aus radikalen christlichen Communities. Jeder Form der Radikalität, die ich nicht im Blick habe, gebe ich Raum.

Sherry Hormanns Film "Nur eine Frau" erscheint am 09. Mai in den deutschen Kinos.

Rezension: "Nur eine Frau" von Sherry Hormann

Drei Schüsse in den Kopf beendeten ihr Leben: Hatun Aynur Sürücü wurde auf offener Straße von ihrem jüngsten Bruder ermordet. Weil sie aus der von der Familie erzwungenen Ehe geflüchtet war und ein freies Leben führen wollte. "Nur eine Frau" erzählt ihre Geschichte – aus der Perspektive von Aynur.

© Bayern 2

Dadad

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