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Coole Gang: Carmen (Anna Dowsley, sitzend) und ihre Schmuggler

Bildrechte: Bettina Stoess/Staatstheater Nürnberg
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Null Bock auf Flamenco: Frostige "Carmen" in Nürnberg

Eine Freiheitsheldin in Cargo-Hosen und derben Stiefeln: Dieser Abend passt eher nach Berlin-Neukölln als nach Andalusien, und die Liebe ist so unglaubwürdig wie die Eifersucht. Gleichwohl gab es herzlichen Beifall - und eine berührende Geste.

Von
Peter JungblutPeter Jungblut
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Ziemlich unterkühlt dieses Sevilla: Da können die Andalusier eine Jacke vertragen, oder auch zwei. Aber auch das scheint nicht wirklich zu helfen: Es wird unentwegt gequalmt, und hier und da flackert auch ein Feuerchen im Ölfass. Normalerweise finden Stierkämpfe ja im Sommer statt, aber in dieser "Carmen" herrscht zumindest gefühlsmäßig tiefer Winter. Und so stapft die Titelheldin denn auch in derben Stiefeln und auf Profilsohlen durch ihre tragische Geschichte, statt wie sonst oft zu sehen auf hohen Absätzen. Bisweilen wirft sie sich Lederjacken über, mal rot, mal abgewetzt und schwarz: Eine Anarchistin?

Lässig-Outfit: Cargo-Hosen und Totenkopf-Applikation

Regisseurin Vera Nemirova hatte offenbar null Bock auf Flamenco, obwohl sie drei Tänzerinnen mit Fächern und Rüschenkleidern auftreten lässt, aber ihre Carmen passt eher nach Berlin-Neukölln als unter die heiße Sonne des Südens. Arbeiten geht diese Freiheitheldin allem Anschein nach nicht, bei Georges Bizet schuftet sie ja in einer Tabakfabrik. Hier jedoch schlurft sie in Cargo-Hosen herum, trägt ein T-Shirt mit Totenkopf-Applikation (war vor ein paar Jahre mal modern) und ist eher ein Männerschreck als eine Projektionsfläche für deren sexuelle Fantasien.

Deshalb funktioniert diese Inszenierung auch nicht wirklich: Sie lässt vollkommen kalt, weil diese ruppig-burschikose Carmen im Lässig-Outfit und mit verwahrloster Turmfrisur von der ersten bis zur letzten Minute nur ihre Freiheit liebt, niemand anderen, und deshalb ist es auch vollkommen unglaubwürdig, dass sie am Ende plötzlich das handzahme Opfer ihres eifersüchtigen Liebhabers José wird. Zumal sie zum Finale als weiblicher Torero auftritt, und davon gibt es ja tatsächlich ungefähr ein Dutzend - die alle nicht dafür bekannt sind, einer Todessehnsucht zu frönen. Und dass diese Carmen als Schleuserin von Flüchtlingen arbeitet, macht sie auch nicht gerade sympathischer.

Ehrlich gesagt haben hier eigentlich nur die Soldaten ein Herz, allen voran der aufgeblasene Leutnant, die Übrigen sind offenbar dem Kokain und dem Geld verfallen. Eine merkwürdig bizarre Deutung. Das Bühnenbild von Heike Scheele allerdings ist poetischer als die Personenregie: Sie zeigt ein verfallenes Theater, dessen verstaubte Requisiten an der Seite vor sich hin modern. Und der Flüchtlingstransport im Container erfolgt unter dem kalten Licht eines düsteren Sternenhimmels. Warum abgehackte Stierköpfe herumgetragen werden, ist ein Rätsel: Wer jemals in der Arena war, der weiß, dass den toten Tieren für den Triumphzug des siegreichen Toreros allerhöchstens die Ohren oder der Schwanz abgeschnitten werden.

Musikalisch zu pauschal und unbeteiligt

Wie auch immer: Musikalisch gab es ebenfalls erhebliche Fragezeichen. Dirigent Guido Johannes Rumstadt galoppierte von der Ouvertüre an recht geschwind und lautstark durch die Partitur, bisweilen ans Oberflächliche und Grelle grenzend. Nun passen kräftige Farben zweifellos zur "Carmen", doch in diesem Fall klangen sie zu oft pauschal und unbeteiligt. Die australische Mezzosopranistin Anna Dowsley in der Titelrolle war eine grandiose Schauspielerin mit herber, charaktervoller, aber nicht verführerischer Stimme, und der aus Warschau stammende Tenor Tadeusz Szlenkier wirkte von Beginn an sehr angestrengt und metallisch, musste gegen Ende auch stimmlich ein paar Abstriche machen. Der südkoreanische Bariton Sangmin Lee als gefeierter Matador Escamillo überzeugte dagegen mit seinem warmen, souveränen Ausdruck, auch wenn er schauspielerisch für so einen Macho viel zu vornehm zurückhaltend war.

Gleichwohl applaudierte das Publikum, das erfreulich zahlreich erschienen war, sehr herzlich. Und langweilig war es ja auch keinen Augenblick: Der Chor war sehr bewegungsfreudig und mit Leidenschaft im Einsatz, der Kinderchor marschierte zackig auf und ab, ständig war was los, nie beschränkten sich die Mitwirkenden auf Standardgesten, und was rundum überzeugend war: Alle auf der Bühne folgten jeweils konzentriert dem Geschehen, auch wenn sie gerade nicht selbst "dran" waren, was leider im Opernbetrieb nicht selbstverständlich ist. Letztlich wäre dieses Konzept im Schauspiel womöglich besser aufgegangen als im Musiktheater, denn Bizet komponierte nun mal sehr reißerisch und streckenweise eindimensional, diese "falsche" Folklore verträgt sich schwer mit vielschichtigen Interpretationen.

Vera Nemirova legte zum Beifall eine Rose auf den Souffleurkasten, sichtlich ergriffen. Grund dafür: Ihre Mutter, die einstige Sängerin Sonja Nemirova, die an dieser Inszenierung wie an vielen anderen Regiekonzepten mitgewirkt hatte, ist am 13. August in Sofia gestorben. Die Rose war ein letzter Gruß, eine traurige Geste - und das war von berührender Schlichtheit.

Wieder am 10., 12., 14 und 17. Oktober am Staatstheater Nürnberg, weitere Termine.

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