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Nürnbergs Kongresshalle: Wie Kultur einem Koloss zu Leibe rückt | BR24

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Nürnberg bewirbt sich unter der Losung "Past Forward" als Kulturhauptstadt Europas 2025. Dafür soll die Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände als Kulturort erschlossen werden - und der Erinnerungskultur neue Dimensionen verleihen.

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Nürnbergs Kongresshalle: Wie Kultur einem Koloss zu Leibe rückt

Nürnberg bewirbt sich unter der Losung "Past Forward" als Kulturhauptstadt Europas 2025. Dafür soll die Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände als Kulturort erschlossen werden – und der Erinnerungskultur neue Dimensionen verleihen.

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Unter der Überschrift "Past Forward" hat Nürnberg sich ein ehrgeiziges Programm auferlegt: Mehr als 60 konkrete Projekte sind im Kulturhauptstadtjahr geplant – von der klassischen Ausstellung über Diskussionsformate, Mitmachaktionen im öffentlichen Raum bis zu umfangreichen, genreübergreifenden Festivals. Jedes Projekt fußt auf der Nürnberger Geschichte, wird aber in die Gegenwart und Zukunft gedacht. So auch die Nürnberger Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände.

Vom "Ausstellungsrundbau" zur Lagerhalle

Das monströse Halbrund, das bislang weitgehend ungenutzt ist, soll als Kulturort erschlossen werden und auch der Nürnberger Erinnerungskultur eine neue Dimension verleihen. Ein Paradigmenwechsel – denn seit den 1950er-Jahren wird das Gebäude, das den massivsten Baukörper auf dem gesamten ehemaligen Reichsparteitagsgelände darstellt, ganz pragmatisch hauptsächlich als Lagerfläche genutzt: Nach dem Krieg dient der massive Baukörper der Stadt zunächst als Fläche für die Deutsche Bauausstellung 1949. Eine Auseinandersetzung mit der Historie des Geländes wird dabei konsequent vermieden – genauso wie der Begriff "Kongresshalle". In den Katalogen wird stattdessen konsequent das Kunstwort "Ausstellungsrundbau" verwendet, auch bei der 900-Jahrfeier der Stadt 1950.

Quelle als wichtigster Mieter

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten scheitern sowohl die Pläne für ein Fußball-Stadion, als auch für einen Abriss. Als in den 1980er-Jahren ein Investor ein Erlebnis-Zentrum realisieren will, lehnt der Stadtrat ab. Das Versandhaus Quelle ist bis 2007 der wichtigste Mieter. Nürnberger Faschingsvereine, Autoschrauber, ein Kanuverein, städtische Dienste, der Schaustellerverband und zig andere mehr haben in dem Koloss Platz gefunden. Die Miet-Einnahmen sichern zumindest den Erhalt des Gebäudes.

Offene Wunde in der Identität der Stadt

Es scheint, als hätte die Stadt Berührungsängste dem Koloss gegenüber, bestätigt auch Marietta Piekenbrock. Die Kuratorin und Kulturmanagerin entwickelt bei Nürnbergs Kulturhauptstadtbewerbung Perspektiven zur Transformation des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes und war als Außenstehende zunächst verwundert über die bislang so heterogene Nutzung des Geländes mit den ikonischen Bauten – etwa als Freizeitort, Ort für Sportveranstaltungen und das Volksfest, aber eben auch Erinnerungsort. Sie habe sehr schnell gespürt, dass es große Berührungsängste gebe, vor allen Dingen auf Seiten der Kulturpolitik. "Dieses Gelände ist immer noch wie eine Wunde in der kollektiven Identität der Stadt. Und ich glaube, dass die kommende, die nächste Gesellschaft, weniger Berührungsängste haben wird, das zu gestalten oder diesen Prozess zu gestalten, als die der letzten Dekaden."

Dabei besteht Piekenbrocks Worten zufolge dringender Handlungsbedarf: Die Generation der Holocaust-Zeitzeugen verschwinde, gleichzeitig erlebe die Welt aktuell wieder viele demokratiefeindliche Dynamiken. Es gelte also die Demokratie zu verteidigen. Inzwischen gilt die Transformation der Kongresshalle als Herzstück der Nürnberger Bewerbung zur Kulturhauptstadt. Ateliers und kulturelle Ermöglichungsräume sollen entstehen, sagt Nürnbergs Kulturbürgermeisterin Julia Lehner. Und die künstlerische Arbeit soll in der Transparenz, für die Öffentlichkeit zugänglich und sichtbar stattfinden. Es sei der Stadt ein Anliegen, der Bevölkerung dieses Baumonument "zurückzugeben". Wie genau das aussehen soll, ist noch unklar: Die Stadt spricht von einem "partizipativem Prozess" und betont, dass vor der Umnutzung erst die Bausubstanz überprüft werden muss.

Offene Fragen zum Brandschutz

Unklar sei unter anderem noch, welche Maßnahmen etwa für den Brandschutz und Fluchtwege ergriffen werden müssten und möglich sind. Außerdem werde die Kongresshalle 2025 auch keinesfalls ein modern umgebauter "White Cube" sein, sondern vielmehr ein nutzbarer Rohbau, den Kulturschaffende dann in einer Art Laborsituation weiter für sich erobern könnten, betont der Leiter des Bewerbungsbüros, Hans-Joachim Wagner.

Künstler statt Auf AEG in der Kongresshalle

Eine viel konkretere Vorstellung beschreibt da schon Projektentwickler Bertram Schultze. Der Immobilienentwickler hat sich mit der Sanierung und Wiederbelebung der Leipziger Baumwollspinnerei einen Namen gemacht und ist in der Nürnberger Kunst- und Kulturszene spätestens seit der Konversion Auf AEG eine feste Größe.

Öffnung für die Öffentlichkeit

Gemeinsam mit einem Architekturbüro hat er nun auch einen Plan zur Revitalisierung der Kongresshalle entwickelt. Der sieht vor, das Sockelgeschosses von außen in den Innenhof zu durchdringen – und auch vom Arkadengeschoss aus Zugänge ins Innere zu schaffen. Der Innenhof soll dafür in eine wellenförmige Hügellandschaft verwandelt werden und als öffentlicher Raum Kunstschaffenden aber auch den Nürnbergerinnen und Nürnbergern zur Verfügung stehen. Das Gebäude sei prädestiniert dafür, schon jetzt sei in den Mauern eine Atmosphäre spürbar, die zeige, dass hier eine quirlige, freisinnige, kreative Situation entstehen könne, so Schultze.

Reichsparteitagsgelände rückt näher an die Stadt

Dazu beitragen könnte auch die Stadtentwicklung im Umfeld des Reichsparteitagsgeländes. Denn durch den Bau der neuen technischen Universität wird das Areal einen neuen stadträumlichen Kontext erhalten, ist auch Hans-Joachim Wagner, vom Kulturhauptstadt-Bewerbungsbüro überzeugt: "Das Gelände wird zu einem Durchgangs-Gelände. Es wird der Stadt sehr viel näher rücken, als es jetzt der Fall ist. Es wird also ein Ort sein, ein Raum sein, an dem sich die Menschen sehr viel häufiger und auch sehr viel natürlicher aufhalten werden, als das bislang der Fall ist."

Graswelle und Licht

Schultzes Plänen zufolge sollen die provisorisch zugemauerten Öffnungen der Kongresshalle geöffnet und verglast werden. Damit werde dem Denkmalschutz genüge getan und Licht in das dunkle Gebäude gebracht. Depots und Archive, Galerien und Ausstellungsräume, Cafés, Proberäume und vieles mehr kann Schultze sich in den Mauern der Kongresshalle vorstellen, verteilt über alle Etagen und das komplette Halbrund der Kongresshalle. Ein ambitioniertes Projekt – und vor allem noch ganz theoretisch und größer, als es die Stadt bislang dimensioniert. Doch internationale Beachtung wäre Nürnberg damit sicher, ist Schultze überzeugt.

Dokuzentrum als wegweisender Eingriff

Richard Woditsch, Architekt und Professor für Architekturtheorie an der Technischen Hochschule Nürnberg betrachtet das 2001 fertiggestellte Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände im nördlichen Kopfbau als ersten wegweisenden Schritt im Umgang mit der Kongresshalle. Das Museum setzt sich nicht nur inhaltlich mit Nürnbergs Rolle im Nationalsozialismus auseinander, sondern setzt durch den Entwurf des Grazer Architekten Günther Domenig auch ein bauliches Zeichen: Der Pfahl aus Stahl und Glas, der sich vom Eingang des Doku-Zentrums bis in den Innenhof der Kongresshalle bohrt, bricht die Symmetrie der NS-Architektur und gilt als Akt der gestalterischen Selbstbehauptung gegenüber der nationalsozialistischen Überwältigungsarchitektur. Die Kongresshalle nun als Kulturort zu erschließen, wie es die Kulturhauptstadtbewerbung vorsieht, könnte Woditschs Ansicht nach einen ähnlich wegweisenden Eingriff darstellen – nämlich mit einem Programm, das dem ursprünglichen Sinn der Kongresshalle absolut widerspricht: "Da müsste natürlich dieser Hof mit dem Gebäude insgesamt auch weithin konzeptionell stärker eingebunden sein. Das muss man nicht nur darauf reduzieren, dass der Stein oder die Steine sprechen, sondern dass halt auch was dazu erklärt wird, dass es ein Konzept dafür gibt, das auch weiterentwickelt wird, dass jede Generation daran weiterarbeitet. Und es eben halt nicht zu banalisieren, sondern dass es natürlich eine Nutzung bekommt und damit eine Bedeutung erhält."

Nürnberger Symphoniker: Kultur zur sinnvollen Reflexion

Auch im anderen Kopfbau der Kongresshalle, bei den Nürnberger Symphonikern, ist man überzeugt, dass Kultur zur sinnvollen Reflexion des Gebäudes beitragen könnte. So wie es in den 1960er-Jahren der Einzug des Fränkischen Landesorchesters, wie die Symphoniker damals noch heißen, in die historischen Mauern war. Dazu Lucius A. Hemmer, Intendant der Nürnberger Symphoniker: "Um das, was die deutsche Kulturtradition ja auch zu leisten imstande war, hier zu verorten. Und das halte ich für eine gute, für eine sinnvolle Brechung. Wir haben auch Konzerte dazu. Wir haben Inhalte dazu, wir haben Veranstaltungen dazu, und insofern hat das, glaube ich, eine sinnvolle Reflexion an der Stelle."

Künstler wollen in die Kongresshalle

Auch eine Befragung der Stadt Nürnberg hat ergeben, dass Verbände, Vereine und Kulturschaffende aller Sparten die Kongresshalle gerne nutzen würden. Die Kulturschaffenden äußerten in der Vorstudie Wünsche wie Produktionsräume, Ateliers und Lagerflächen, ebenso wie von außen zugängliche Begegnungsräume. Die selbe Befragung ergab auch: Der Bedarf an Platz und der Wille, die Kongresshalle künstlerisch zu belegen ist unabhängig von der Kulturhauptstadt Europas 2025.

Projekt für Generationen

Inzwischen ist die Bewerbungsphase fast abgeschlossen. Ende Oktober wird die Jury bekanntgeben, wer das Rennen gemacht hat. Neben Nürnberg kämpfen für Deutschland noch Chemnitz, Hannover, Hildesheim und Magdeburg um den Titel. Nach der Jury-Entscheidung wird sich zeigen, was Nürnberg diesmal aus seinem Nationalsozialistischen Erbe macht. Projekt-Beraterin Marietta Piekenbrock ist überzeugt: Die Kongresshalle ist in jedem Fall ein Generationenprojekt.