Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Nürnberger Menschenrechtsfilmfestival setzt auch auf Komik | BR24

© BR

Filme, die einen Moment lang schockieren - für Andrea Kuhn, Leiterin des Nürnberger Menschenrechtsfilmfestivals, sind sie am Ende geradezu unpolitisch. Gute engagierte Filme ziehen in ungewohnte Perspektiven, sagt sie - und dürfen auch lustig sein.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Nürnberger Menschenrechtsfilmfestival setzt auch auf Komik

Filme, die einen Moment lang schockieren - für Andrea Kuhn, Leiterin des Nürnberger Menschenrechtsfilmfestivals, sind sie am Ende geradezu unpolitisch. Gute engagierte Filme ziehen in ungewohnte Perspektiven, sagt sie - und dürfen auch lustig sein.

Per Mail sharen
Teilen

Das Nuremberg International Human Rights Film Festival (NIHRFF) ist Deutschlands größtes und ältestes Filmfestival zum Thema Menschenrechte. Seit 1999 präsentiert es alle zwei Jahre engagierte internationale Filmkunst. Dabei nutzt das Team um Andrea Kuhn seine Kontakte auch zugunsten mutiger Filmemacher in anderen Ländern. Mit der diesjährigen Reihe "Queer Faces, Migrant Voices" etwa - einem Projekt, in dem queere Geflüchtete in die Lage versetzt wurden, ihre Geschichten selbst zu erzählen. NIHRFF-Chefin Andrea Kuhn sieht im Jahr etwa 400 Filme - Judith Heitkamp hat mit ihr über das Festivalprogramm gesprochen und darüber, was einen guten Menschenrechtsfilm ausmacht.

Judith Heitkamp: Was ist ein guter Menschenrechtsfilm?

Andrea Kuhn: Erst mal ist es ein guter Film. Ein richtig guter Film, der auf eine Leinwand gehört. Das ist unser oberstes und erstes Auswahlkriterium. In unserem Fall muss er sich dann natürlich thematisch einordnen lassen in politisch-sozial interessiertes Kino. Und es kommt als Ebene noch dazu, dass nicht nur Themen besprochen werden, die in den Menschenrechtsbereich fallen, sondern dass auch das Filmemachen selbst sich dieses politischen Aspekts bewusst ist.

Das müssten Sie noch ein bisschen genauer erklären.

Es gibt eine ganze Reihe von Filmen, gerade im Dokumentarfilm-Bereich, die eigentlich eher illustrierte Vorträge sind. Sie begleiten ein Thema analytisch, aber die Geschichte steht vorher schon fest, die Meinung auch. Das ist für uns eigentlich entpolitisiertes Kino - ganz bequem für unser Publikum und für uns selbst, man hört sich das an und kann dann betroffen nach Hause gehen und hat seine Arbeit brav verrichtet.

Wir wollen eher Filme, die uns in andere Erfahrungen mitnehmen. Menschen begleiten, so dass man einen Eindruck bekommen kann von anderen Lebenswelten, gerne gedreht von Menschen, die in dem Land selbst leben. Nicht unbedingt mit unserem europäischen Blick darauf. Das kann konfrontativ sein, muss es aber nicht, wir haben auch gerne lustige Sachen oder action. Aber die Filme sollen ihr Thema nicht vorkauen. Sie sollen nicht den üblichen konventionellen Blick haben auf Menschen, denen was Schlimmes zugestoßen ist. Opfer nicht doppelt zu Opfern machen, sondern auch deren Stärke zeigen, das, was diese Menschen alles geleistet haben.

"Vier alte, sudanesische Regisseure"

Heißt das zwangsläufig viel Emotion? Sie haben gerade gesagt, Sie hätten gern mal was Lustiges. Aber ist nicht immer auch Erschütterung mit einem Film verknüpft, der mich ja zum Engagement bringen will?

Eigentlich nein. Wir glauben nicht, dass ein Schock oder das Gefühl von Betroffenheit irgendetwas aktiviert. Sowas zu erzeugen ist relativ einfach, wenn man die Bilder hat. Wir wissen, wie Körper ausschauen, wenn ihnen unterschiedliche Sachen zugefügt werden. Das politisiert, glaube ich, nicht. Es lässt einen eher passiv und in Schockstarre zurück. Wir wollen eher, dass man Menschen kennen lernt, dass man sich auseinandersetzt mit ihren Themen. Das erzeugt ein anderes Gefühl. Und deswegen können die Filme eben auch lustig sein.

© BR

In Nürnberg wird das 20. Internationale Menschenrechtsfilmfestival eröffnet. In diesem Jahr beschäftigt sich das Event unter anderem mit dem Thema "Queer Faces Migrant Voices".

Unser Eröffnungsfilm aus dem Sudan zum Beispiel bringt sein Publikum zum Schmunzeln. Ein ganz wunderbarer Dokumentarfilm über vier alte sudanesische Regisseure, deren Karrieren durch die Militärdiktatur verkürzt wurden und die ein Kino in Khartum eröffnen wollen, was aber ein Politikum ist. Man könnte sagen, wen interessiert ein sudanesischer Dokumentarfilm über Regisseure, von denen wir nie gehört haben? Wenn man den aber anschaut, begegnet man ganz wunderbaren Menschen und wird feststellen, dass dieser Film verschmitzt und poetisch und leicht daherkommt und trotzdem die Tiefe von Themen wie Diktatur, Meinungsfreiheit, Gefängnis aufgreift. Jeder, der aus dem Film herauskommt, glaube ich, wird verstanden haben, warum man diesen Film gesehen haben sollte. Und wird mit einem energetischen Gefühl herausgehen. Beim Festival gibt es dazu die Gelegenheit, den Regisseur und einen der Protagonisten kennen zu lernen. Und durch das Gespräch vertieft sich die Erfahrung natürlich noch mal.

Das Nürnberger Menschenrechtsfilmfestival läuft bis zum 9. Oktober im Künstlerhaus direkt am Nürnberger Hauptbahnhof, sowie im Caritas-Pirckheimer-Haus, der Tafelhalle und dem Cinecittà.

© Menschenrechts-Filmfestival Nürnberg

Andrea Kuhn, Chefin des Nürnberger Menschenrechts-Filmfestivals

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!