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"Nürnberg hat ein Pfund, mit dem man wuchern kann" | BR24

© Christine Dierenbach

Hält alle Fäden für Nürnbergs Bewerbung als Kulturhauptstadt in der Hand: Hans-Joachim Wagner.

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    "Nürnberg hat ein Pfund, mit dem man wuchern kann"

    Hans-Joachim Wagner ist der Kopf hinter der Nürnberger Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025. Er ist guter Hoffnung, dass das Konzept unter dem Slogan "Past Forward" die Jury überzeugt und die Stadt am 28. Oktober den Zuschlag bekommt.

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    Hans-Joachim Wagner leitet seit Januar 2018 das städtische Bewerbungsbüro, das sich um alle Belange rund um die Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2025 kümmert. Der Kulturwissenschaftler kommt aus dem Rheinland, hat die Stadt und die Region in den vergangenen gut zweieinhalb Jahren inzwischen gut kennengelernt.

    BR24: Glauben Sie, dass Nürnberg Kulturhauptstadt 2025 werden kann?

    Wagner: Es gab im Gesamtprozess für mich einen ganz entscheidenden Moment. Das war die Regionalkonferenz mit den Partnerinnen und Partnern in der europäischen Metropolregion. Nach dieser Konferenz war ich mir sicher, dass Nürnberg den Titel holt.

    BR24: Wie möchten Sie das Kultur-Feuer bei der Bevölkerung entfachen, das derzeit ja eher noch eine kleine Flamme ist?

    Wagner: Wir sprechen über ein Programm des Jahres 2025. Insofern ist es natürlich schwierig, ein das Feuer zu entfachen für ein Ereignis, das erst in fünf Jahren stattfinden wird. Wenn Nürnberg den Zuschlag bekommen sollte, wovon wir alle ausgehen, werden wir ab dem Jahr 2021 unter hoffentlich gelockerten Bedingungen wieder Programme in der Stadt mit den Menschen hier vor Ort durchführen. Und wenn es uns gelingt, dann wieder mit ganz konkreten künstlerischen und kulturellen Ereignissen das Bewusstsein für die Kulturhauptstadt zu schärfen, dann wird es uns auch gelingen, das Feuer zu entfachen.

    BR24: Bei den Aktiven im Kulturbetrieb mussten Sie nichts entfachen. Die waren schon immer Feuer und Flamme.

    Wagner: Es gibt unglaublich viele Menschen hier in der Stadt, die mit ihren Aktivitäten gestaltend an dem Prozess und auch an dem Kulturhauptstadtjahr teilhaben wollen. Ich kenne keine andere Stadt, in der diese Aktivitäten so ausgeprägt sind wie hier in Nürnberg. Und je länger ich mit den Akteurinnen unterwegs war, umso großartiger bewerte ich heute die Aktivitäten. Das fängt an bei den Aktionen rund um die Fragen nach Nachhaltigkeit, nach einer grünen Stadt, nach einer neuen Mobilität. Und da sind die künstlerischen Zusammenschlüsse wie zum Beispiel das "Heizhaus". Da hat Nürnberg wirklich ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Und auch das wird ein Argument für die Jury sein, sich für Nürnberg zu entscheiden.

    BR24: Diese Szene hat es jetzt auch erreicht, dass für sie etwas getan wird. Es wird sogenannte kulturelle Ermöglichungsräume geben. Was wird das sein?

    Wagner: Das Haus des Spielens wird sich zum Beispiel für die Gaming-Szene in der Stadt öffnen. In der Kongresshalle wird es Ateliers, Proberäume und Ähnliches für die unterschiedlichsten Szenen geben. Wir werden mit dem Kultur- und Kreativwirtschafts-Zentrum in der alten Feuerwache an der Reutersbrunnenstraße einen Ort für eine ganz besondere Form von kultureller Praxis schaffen. Dabei werden wir nicht stehen bleiben. So werden sich zum Beispiel die städtischen Kulturläden fort- und weiterentwickeln hin zu einer größeren Kooperation mit den einzelnen Szenen in der Stadt.

    BR24: Auch bei den städtischen Museen sind größere Veränderungen geplant. Um was geht es da?

    Wagner: Alle Museen werden in den nächsten Jahren einem Relaunch unterzogen. Im Doku-Zentrum steht die Erweiterung mit einer Neukonzeption der Dauerausstellung an. Wir haben das Memorium mit dem neuen Besucherzentrum und der Renovierung des Saal 600. Das Stadtmuseum Fembohaus bekommt eine neue Ausstellung und eine komplett neue Konzeption. Das Spielzeugmuseum hat schon jetzt Veränderungen in der Ausstellungsarchitektur erfahren. Das Museum Industriekultur wird einer kompletten Neukonzeption unterzogen. So steht zu hoffen, dass wir 2025 einen ganzen Reigen von kommunalen Museen in neuem Gewand zeigen können.

    BR24: Können Sie einige Schwerpunkte des Programms nennen. Sie wollen mit dem Programm ja auch provozieren?

    Wagner: Die Frage nach der Zukunft der Erinnerungskultur wird ganz im Zentrum des Nürnberger Kulturhauptstadtjahres stehen. Das ist gut und wichtig, weil das ein Thema ist, das genuin aus dieser Stadt heraus bearbeitet und beantwortet werden muss. Wir wenden uns auch den dunklen Seiten des Nationalsozialismus zu, indem wir uns mit einer zentralen Figur für die Kunst und Kultur des Nationalsozialismus beschäftigen, nämlich mit Leni Riefenstahl. Das wird sicherlich Kontroversen hervorrufen. Es ist wichtig, dass wir uns mit den Mechanismen von Diktaturen und Totalitarismus auseinandersetzen.

    BR24: Können Sie noch ein Beispiel nennen?

    Wagner: Wir werden auch im Bereich des Spielens Themen aufgreifen, die wahrscheinlich nicht für uns alle so direkt auf dem Tisch liegen. Wir werden uns mit der Frage "Spiel und Totalitarismus, Spiel und Diktatur" auseinandersetzen. Und so glaube ich, dass wir 2025 in der sehr dezidierten, zeitgenössischen Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe von Nürnberg und der Europäischen Metropolregion auch einiges Wichtiges, vielleicht auch Kontroverses zu sagen haben.

    BR24: Und gibt es auch was Schönes, was zum Freuen, was fürs Herz?

    Wagner: Was fürs Herz ist auf jeden Fall das Eröffnungsfest vom 3. bis zum 6. Januar. Da werden wir ein Thema ganz zentral setzen, das uns dann das ganze Jahr über beschäftigen wird. Und das ist das Thema Essen und Trinken.

    BR24: Auf was dürfen wir uns da freuen?

    Wagner: Das verrate ich nicht. Aber wir sind vor Ort mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Gastronomie in einem engen Austausch. Und ich glaube, das wird höchst interessant. Vielleicht gibt es die Rostbratwürste 2025 auch mal mit anderen Gewürzen, als wir sie kennen. Und vielleicht experimentieren wir mal ein bisschen mit dem Essen und Trinken in Nürnberg und in der Region.

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