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Praxisfragen statt großer Visionen dominieren die DLD Konferenz | BR24

© Picture Alliance for DLD / Hubert Burda Media

Divya Chander von der Singularity University auf der DLD Konferenz in München 2020

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Praxisfragen statt großer Visionen dominieren die DLD Konferenz

Bedrohen Quantencomputer die Sicherheit unserer Daten? Welche Firewall brauchen digital gesteuerte Prothesen? Es sind solche Praxisfragen, die die DLD Konferenz in München dominieren. Sie zeigen, dass die digitalen Visionen in der Realität ankommen.

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Was ist mit der digitalen Revolution passiert? Hat sie ihre Kraft verloren? Jene Revolution, die nur ein paar Bits und Bytes brauchte, um aus einer Idee eine ganz neue Welt zu erschaffen?

Auf der Münchner Innovationskonferenz "Digital Life Design" (DLD) erzählt die US-amerikanische Neurowissenschaftlerin Divya Chander, dass einige Programme auf dem Weg seien, unsere Gedanken zu lesen. In einem Laborumfeld wurden bei Probanden Passwörter anhand von Gehirnströmen erkannt. Der eigentliche Nutzen dieser Gehirnstrom-Analyse lege allerdings nicht darin, es Geheimdiensten leichter zu machen, unsere Gedanken mitzulesen. Sondern in der Medizin: Neue Prothesen seien durch das Auslesen von Muskelimpulsen oder eben Gedanken in Zukunft besser steuerbar.

Die neue Revolution: der Preis

Das Erfreuliche, so erklärt Divya Chander, sei nicht unbedingt die Technik, sondern der Verkaufspreis. Diese Armprothese, die natürliche Bewegungen erlaube, werde bald nur noch 10.000 Dollar kosten. Offenbar hat auch die digitale Revolution wie zuvor die Elektrifizierung das Stadium verlassen, wo extreme Fortschritte in kurzer Zeit zu erreichen waren. Jetzt gilt es, den großen Versprechen tatsächliche kleine Fortschritte folgen zu lassen. Die Neurowissenschaftlerin arbeitet selbst daran, immer bessere, kleinere, robustere Sensoren ins Gehirn zu verpflanzen, die Gedanken lesbar machen. Aber sie weiß auch um die Gefahren: Was für ein Programm zur Steuerung einer Prothese lesbar ist, kann auch von Hackern geknackt und missbraucht werden. Leider keine Science Fiction. So hätten Hacker nachgewiesen, dass die Impulse herkömmlicher Herzschrittmacher von außen manipuliert werden können. Das perfekte Verbrechen, weil es keine Spuren hinterlasse.

Die Zukunft der Verschlüsselung

Wie sich davor schützen? Und wie muss die Firewall von medizinischen Prothesen ausgelegt sein, damit sie auch noch in zehn Jahren nicht zu umgehen ist? Aus Agentenfilmen kennen wir Supercodes, die alle Verschlüsselungen knacken können. Das könnte demnächst Realität werden. Quantencomputer, eine neue Generation von Supercomputern, brechen aufgrund ihrer riesigen Rechnerleistung alle bisherigen kryptografischen Verfahren. Allerdings beruhigten einige Physiker auf der Konferenz sofort – ebendiese neuen Rechner würden in sich auch das Potential zu neuen Verschlüsselungstechniken tragen – also wieder unknackbar sein. Und anders als beim Transistor könne man diesmal gleich von Anfang an eine Sicherheitsarchitektur einbauen, die das Entschlüsseln fast unmöglich mache.

Ein Problem aber bleibe bestehen. Und dieses Problem sei nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit, erklärte Jack Hidary, der für X, der Forschungseinheit des Google-Mutterkonzerns Alphabet, an der Entwicklung von Quantencomputern arbeitet. Die Gefahr stehe im Raum, dass kriminelle Hacker jetzt verschlüsselte Bank- oder Gesundheitsdaten sammeln, um sie dann in ein paar Jahren mit einem Quantencomputer zu entschlüsseln.

Kommt der Quantencomputer wirklich?

Allerdings: Die theoretischen Konzepte für diese Technik sind schon über 30 Jahre alt. Und es ist nicht gewiss, dass die immensen technischen Schwierigkeiten – unter anderem müssen die Rechner auf unter minus 270 Grad heruntergekühlt werden, also nahe an den absoluten Nullpunkt – je überwunden werden. Ein warnendes Beispiel sollte der Fusionsreaktor sein. Wie der funktioniert, sehen wir alle, wenn wir zur Sonne hochschauen, bisher wurde aber noch keine funktionierende Lösung gefunden, die einen Dauerbetrieb auf unserer Erde ermöglicht.

Nach den Versprechen vom ewigen Leben, vom Reichtum für alle, vom viralen Siegeszug der Demokratie scheint, das zeigt die DLD, in der digitalen Welt Nüchternheit eingekehrt zu sein. Das ist weniger frustrierend als es auf den ersten Blick scheint. Praktischer Fortschritt ist schwieriger umzusetzen als das Erbauen von Luftschlössern. Dass die Digitalwirtschaft nun begreift, dass realer Fortschritt in kleinen Schritten erarbeitet werden muss, ist eine gute Erkenntnis. Eine ernüchternde, ja, aber eine sehr wichtige.

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