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Kann Kunst die Erinnerung an den Nationalsozialismus bewahren? | BR24

© Courtesy Private Collection, Canada

Ausschnitt aus Kent Monkmans "The Deluge" (2019, Detail)

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Kann Kunst die Erinnerung an den Nationalsozialismus bewahren?

Kunstwerke neben Vitrinen zu Nazi-Verbrechen. Geht das? Das NS-Dokumentationszentrum München zeigt zeitgenössische Kunst, die von Ausgrenzung und Rassismus handelt. Ein Konzept, dass vielleicht nicht bei jedem ankommt.

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Ein Hingucker: Im Foyer des Münchner NS-Dokumentationszentrums hängt ein großformatiges Gemälde des kanadischen Künstlers Kent Monkman. Es heißt "The Deluge", also die Sintflut. Im Stil hochpathetischer Bibelillustrationen zeigt es einen Trans-Menschen, der zwei Kinder vor der herannahenden Flut auf einen Felsen zu ziehen versucht. Dort reichen ihnen drei Indianer in überdeutlichem Entsetzen die rettenden Arme.

Kunst neben Nazi-Verbrechen

Ziemlich kitschig, das war mein erster Eindruck. Aber das Werk übertreibt so offenkundig, zitiert so deutlich die Nazarener und den amerikanischen Regionalismus, dass ich ins Grübeln komme. Der Künstler Kent Monkman stammt vom nordamerikanischen Stamm der Cree ab und beschäftigt sich mit der Geschichte indigener Völker. Das heißt: auch mit dem Völkermord durch die weißen Siedler. Sehen wir also ein Bild, das indianische Widerständler zeigt, wie sie Menschen vor der herannahenden Siedler-Flut zu retten suchen? Aber warum tragen die dann moderne Kleidung, beziehungsweise die Kinder Feinripp-Unterwäsche? Und warum ist die Hauptfigur ein sogenannter "Zweigeist", also ein Angehöriger eines dritten Geschlechts? Handelt dieses Gemälde entgegen dem ersten Augenschein nicht eher davon, wie durch Kunst ein Bild von Geschichte geprägt wird? Wie Kunst also zum Büttel einer Sache gemacht wird?

Das NS-Dokumentationszentrum hat für die Bilder keine Säle freigeräumt, sondern zeigt die Kunstwerke neben den Schauvitrinen zum Nazi-Terror. Es ist ein kühner Versuch, eine didaktische Ausstellung mit offenen Kunstwerken zu kombinieren. Es gehe darum, den Blick des Publikums zu weiten, sagt die Direktorin Mirjam Zadoff.

© Courtesy Private Collection, Canada

Kent Monkman, "The Deluge" (2019, Detail)

Welche Bedeutung hat der Holocaust heute?

Die Judenvernichtung liegt über 70 Jahre zurück. Welche Rolle spielt sie heute noch - in Deutschland, in der Welt? Gibt es eine Distanz? Wie sprechen wir die Nachgeborenen an? Für den Ausstellungsmacher Nicolaus Schaffhausen wie für Direktorin Mirjam Zadoff geht es um die Frage, was der Holocaust mit uns heutigen Menschen zu tun hat: "Welche Bedeutung hat die Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust für Menschen heute, und wie können wir das Gespräch hier führen?", fragt Zadoff. Sollen wir, wie Carolin Emcke es immer wieder betont, unsere Erinnerungskultur allen Einwanderern vermitteln, auch den muslimischen? Mirjam Zadoff sieht die aktuelle Politik in der Pflicht: "Die Frage, die sich uns stellt, ist natürlich: was passiert jetzt in einer Welt, in der Rassismus, Antisemitismus, Faschismus auch in Deutschland wieder präsent sind? Welche Zugänge wollen wir finden? Welche Gespräche wollen wir führen? Und da machen die künstlerischen Positionen Türen auf."

Thomas Manns Haus in Puppengröße

Einige wenige Arbeiten behandeln direkt den Nationalsozialismus. Etwa wenn Michaela Melián das Münchner Haus von Thomas Mann in Puppengröße nachbaut. Der Nobelpreisträger verließ auf Anraten seiner politisch umsichtigeren Tochter Erika Deutschland, als das noch ging. Aus einem Fenster werden Zitate aus Briefen der Familie an eine Wand geworfen, leise erklingt aus dem Modell ein Wagner-Motiv, von Manns jüdischem Schwiegervater Alfred Pringsheim für Klavier bearbeitet. Eine zarte Arbeit über die deutsch-jüdische (Kultur-)Geschichte.

Nazi-Kunst und Kunst eines Überlebenden

Die Ausstellung thematisiert vieles: Kolonialismus, Einwanderung, Nachkriegsgeschichte, Machtverhältnisse. Und sie beschränkt sich nicht auf zeitgenössische Kunst. Sie zeigt auch ein Bild des bekennenden Nationalsozialisten Emil Nolde. Und in einem anderen Gang ein Blumenstillleben von Artur Nacht-Samborski. Der überlebte, weil er aus dem Ghetto fliehen konnte und den polnischen Namen annahm. Nach dem Krieg fügte er den Namen, der ihn beschützt hatte, seinem alten bei.

Dem Kurator Nicolaus Schaffhausen ist es durch eine umsichtige Auswahl gelungen, Arbeiten und KünstlerInnen zu finden, deren Bezug zum Nationalsozialismus nicht immer direkt ins Auge springt – die aber den Besucher anregen, genau nach den Verbindungen zu suchen. Diese Gruppenausstellung ist eine der besten, die in den letzten Jahren in München zu sehen war.

Die Ausstellung "Tell me about (yesterday) tomorrow" im NS-Dokumentationszentrum München ist bis zum 30. August 2020 zu sehen.

© Bayern 2

Was hat Geschichte mit der Gegenwart zu tun? Das NS-Dokumentationszentrum München geht dieser Frage nun mit Kunstwerken zu Ausgrenzung und Rassismus in der Dauerausstellung nach. Ist das eine gute Idee? Nein, meint unser Autor.

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