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NRW-Forum: So bebildern Künstler die "Weltverschwörung" | BR24

© NRW-Forum Düsseldorf

Tony Oursler: "N^u 2016"

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    NRW-Forum: So bebildern Künstler die "Weltverschwörung"

    An Verschwörungstheorien herrscht kein Mangel, Fake-News sind allgegenwärtig. In Düsseldorf zeigt das NRW-Forum unter dem Titel "Im Zweifel für den Zweifel", was so prominenten Künstler wie Olaf Metzel und Ólafur Elíasson zum Thema eingefallen ist.

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    Bis heute ranken sich Spekulationen um den Tod des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel 1987 in einem Genfer Hotelzimmer. War es eine Selbsttötung, war es Mord, spielten Geheimdienste eine Rolle? Die Fantasie der Berichterstatter kannte keine Grenzen, immer neue angebliche "Hintergründe" wurden veröffentlicht. Der Chemnitzer Künstler und Kommunikationsdesigner Michael Schirner nahm das zum Anlass, eine so unheimliche wie entlarvende "Digigraphie" unter dem Titel "BYE BYE, GEN 87" herzustellen, auf der das berühmte "Badewannen"-Foto aus dem "Stern" elektronisch verfremdet zu sehen ist. Eines der in Düsseldorf zu sehenden Kunstwerke, die von Verschwörungstheorien inspiriert sind. Die Kuratoren erklären Schirners Konzept so: "Er manipuliert Bilder aus Archiven und verändert damit Momente der Weltgeschichte und des kollektiven Gedächtnisses, die bis heute von Verschwörungstheorien umweht sind. Entscheidende Personen retuschiert er komplett aus den Bildern, wie beispielsweise Uwe Barschel aus der Badewanne im Hotel in Genf. Dadurch zwingt er den Betrachter, das Abwesende zu imaginieren, und je imaginärer etwas ist, desto intensiver ist die Imagination."

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    Michael Schirner, "BYE BYE, GEN87, 2002 – 2011", Digigraphie by Epson (Ausschnitt)

    Über die Video-Projektionen des amerikanischen Künstlers Tony Oursler heißt es, er "kreiere verwirrende Situationen und verwickele die Betrachter in kleine Psychodramen": "Mit seinen Videoprojektionen und multimedialen Installationen erforscht er die Auswirkungen der Technologie auf den menschlichen Geist und befragt Massenmedien in Beziehung zu psychologischen und sozialen Störungen. Oursler beschäftigt sich in seiner Arbeit immer wieder mit dem Okkulten und der Zauberei und sagt von sich selbst, dass seine Sammlung von Geisterfotografien zu den besten weltweit gehöre."

    Bildhauer Olaf Metzel steuerte eine Blech-Skulptur bei, in der das "Deutungsmonopol" der Medien kritisch befragt wird, der dänisch-isländische Künstler Ólafur Elíasson hat sich Suchscheinwerfer einfallen lassen, die Besucher der Ausstellung auf "Schritt und Tritt" verfolgen: "Highlighter" ist die Installation betitelt. Sie soll ein "diffuses Gefühl von Paranoia" erzeugen, wohl der Hauptantrieb vieler Verschwörungstheoretiker.

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    Iocose: A Crowded Apocalypse

    Von der Künstlergruppe Iocose sind Bilder aus der Serie "A crowded Apocalypse" zu sehen: Dafür wurden Passanten gebeten, jeweils ein Pappschild zu halten, auf dem "konspirative", aber völlig bedeutungslose, ja wirre Theorien zu lesen sind. Hier macht die Masse an Fotos deren künstlerisches Gewicht aus. Vermeintliches Verschwörungsdenken wird durch schiere Quantität wirksam. Der Amerikaner Trevor Paglen beschäftigt sich seit langem mit dem Militär und den Geheimdiensten der USA, was ihm hohe Aufmerksamkeit der Medien garantiert. Im NRW-Forum präsentiert er eine Liste mit den Namen militärischer Organisationen von 2001 bis heute, die als „Top Secret“ klassifiziert sind.

    Holger Wüst wagt einen Blick in die "Letzte linke Uni" und verbindet Fotos von Seminarräumen mit Bildern aus sozialen Netzwerken, um ideologiekritische Studien zu betreiben. Juliane Herrmann beschäftigt sich mit Freimaurern und fotografierte Logenräume, Stillleben und Logenbrüder auf der Suche nach "Identität und Zugehörigkeit".

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    Trevor Paglen: Code Names, 2009,

    Auch die NSU-Morde sind Thema. Für die Documenta in Kassel hatte die Gruppe "Forensic Architecture" ein komplettes Internetcafé nachgebaut, das bei den polizeilichen Ermittlungen und während des Prozesses Gegenstand vieler Spekulationen war, weil sich dort auch ein V-Mann aufgehalten haben soll. "77qm_9:26" heißt die Arbeit des Künstlerkollektivs, das an der Londoner Goldsmith University arbeitet und mit "architektonisch-forensischen Mitteln" die "öffentliche Wahrheit" hinterfragt.

    Letztlich sind Verschwörungstheorien eine Reaktion auf das scheinbar chaotische, undurchschaubare Weltgeschehen, das viele Menschen ängstigt, wie die Kuratoren herausgefunden haben: "Der Rückzug auf einfache Welterklärungen, wie Verschwörungstheorien sie anbieten, ist eine Strategie der Gegenwehr gegen eine zunehmend unübersichtliche Realität. Heute fordern Digitalisierung und Virtualisierung unsere Urteilskraft und Orientierungsfähigkeit in einer bisher nicht gekannten Weise. Die „alten Medien“ konkurrieren um die Deutungshoheit mit den sozialen Medien. Wo hört kritisches Zweifeln auf und wo fängt Paranoia an? Wo beginnt und endet das Recht auf freie Meinungsäußerung? Sicher ist, dass man sich bei der Überprüfung der Plausibilität einer Theorie vor allem fragen muss, wer einen Nutzen davon hat."

    Die Ausstellung "Im Zweifel für den Zweifel - die große Weltverschwörung" im NRW-Forum Düsseldorf ist noch bis zum 18. November 2018 zu sehen.

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    Holger Wüst "Letzte linke Uni" ("2018)