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Hannah Höch, Der Zaun, 1928 (Detail)
© VG Bild-Kunst Bonn 2018, Berlinische Galerie, Berlin

Autoren

Barbara Bogen
© VG Bild-Kunst Bonn 2018, Berlinische Galerie, Berlin

Hannah Höch, Der Zaun, 1928 (Detail)

Sie verstanden sich als revolutionär und radikal, und sie verfolgten ein utopisches künstlerisches Ideal. Fest glaubten die Künstler der Novembergruppe daran, dass durch die Kunst der Mensch „besser“ werden könne - und demokratischer. Initiiert durch die Maler Max Pechstein und Georg Tappert gründet sich 1918 nach Ende des Ersten Weltkriegs und im Zuge der Novemberrevolution in Berlin eine riesige Vereinigung von Hunderten von Künstlern, zu der die Avantgarde der Zeit zählt, Paul Klee und Rudolf Belling, Otto Dix und Piet Mondrian, Kurt Schwitters und Hannah Höch, eine extrem heterogene Gruppe, die sich ungeachtet dessen als Gemeinschaft fühlt, geprägt von einer geradezu kolossal modernen Offenheit gegenüber den verschiedenen Stilrichtungen der Kunst. Neben Repräsentanten von Kubismus, Futurismus, Expressionismus finden sich die Künstler des Dada, der Abstraktion und der Neuen Sachlichkeit. Pluralismus heißt die Devise und: künstlerische Freiheit.

Ohne Freiheit der Kunst gibt es keine freien Menschen

"Wir haben uns ja sehr daran gewöhnt, dass die Kunst frei ist", sagt Janina Nentwig, eine der Kuratorinnen der aktuellen Schau. Die Kunst dürfe alles, es können eigentlich kaum noch Tabus gebrochen werden. Wir seien auch daran gewöhnt, dass wir in einem Land mit Meinungsfreiheit leben. "Aber das sind alles Werte, die in der Revolution von 1918/19 erstritten wurden", so Nentwig weiter. Ihr sei es wichtig darauf hinzuweisen, dass das alles nicht selbstverständlich sei. "Für die Novembergruppe war das in den Zwanziger Jahren von essenzieller Bedeutung: Nur, wenn die Kunst frei sein kann, dann ist auch der Mensch frei", sagt Nentwig. Darum sei diese Künstlergruppe auch so vehement für die Freiheit der Kunst eingetreten.

Otto Müller, Straßenlärm, 1920 (Detail)

Otto Müller, Straßenlärm, 1920 (Detail)

Den Künstlern der Novembergruppe geht es um die Realisierung einer „Vermischung von Volk und Kunst“. Und wie ließe sich Kunst aus den elitären Zirkeln des Bildungsbürgertums leichter lösen als in zahlreichen Ausstellungen. Tatsächlich realisieren die Künstler in der Zeit zwischen 1918 und 1932 an die vierzig Ausstellungen, auch außerhalb Berlins und im europäischen Ausland, die erstmals einem Massenpublikum offen stehen. Die Präsentation in der Berlinischen Galerie zeichnet jetzt in sechs Kapiteln und einem Prolog die Geschichte dieser Ausstellungen nach. Bei Presse und Besuchern allerdings sorgen die ersten Präsentationen noch für Spott, Unverständnis, offene Ablehnung, ja, sogar Gewalttätigkeit.

Vor allem die Werke der Dadaisten und die Formensprache des Expressionismus werden als abstoßend empfunden. Das Chaotische, Unruhige scheint die Verhältnisse der jungen, instabilen Demokratie zu spiegeln. Auch die Arbeiten der Bildhauer, Oswald Herzogs grandiose Bronzeplastik „Genießen“ oder Rudolf Bellings Skulptur „Erotik“ sorgen für Widerstand. Einige Arbeiten werden von aufgebrachten Besuchern sogar zerstört. Doch das zunächst irritierte Publikum gewöhnt sich überraschend schnell an die multiple Kunstsprache der Moderne, und die Ausstellungen der Novembergruppe werden zusehends populärer und von hunderttausend Neugierigen besucht.

Eine grandiose Ausstellung

Die aktuelle Präsentation in der Berlinischen Galerie aber ist so grandios und verblüffend auch vor allem deswegen, weil sie in der Zeit nach 1918 eine schier unfassbare Modernität ausmacht. Hannah Höchs großformatiges Gemälde mit dem Titel „Die Journalisten“ von 1925 etwa lässt gebrochene, gespaltene Physiognomien erkennen, die einen Francis Bacon vorweg zu nehmen scheinen. Und die ausgestellten Architekturmodelle im Zeichen des Neuen Bauens, so die „Sternkirche“ von Otto Bartning aus dem Jahr 1922 löst durchaus Assoziationen aus zur dekonstruktivistischen Architektur eines Frank Gehry. Natürlich sind berühmte Arbeiten wie George Groszs sozialkritisches Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ von 1926 zu sehen, daneben aber sind zahlreiche Entdeckungen zu machen, wie etwa die Werke des abstrakten Malers Walter Dexel, den die Kuratoren in direkte Nähe hängen zu Piet Mondrian, einem großen Namen der klassischen Moderne.

Georg Grosz, Stützen der Gesellschaft, 1926 (Detail)

Georg Grosz, Stützen der Gesellschaft, 1926 (Detail)

Die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten bereitete der Novembergruppe ein Ende. Ein Künstler wie der jüdische Maler und Bildhauer Otto Freundlich wurde 1943 im Konzentrationslager Sobibor ermordet. Das Verdienst der großartigen umfangreichen aktuellen Berliner Ausstellung ist, eine fast vergessene künstlerische Bewegung wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Heute fast vergessen

Die Novembergruppe sei heute nur in Fachkreisen ein Begriff, sagt Kuratorin Janina Nentwig. "Zum Einen hat tatsächlich der Nationalsozialismus da gründliche Arbeit geleistet, viele Künstler, die in der Novembergruppe organisiert waren, mussten ins Exil gehen oder wurden im KZ ermordet." Zum Anderen ließe sich die Novembergruppe in keine Schublade stecken, so Nentwig weiter. Die Künstler der Gruppe hätten es vehement abgelehnt, sich an den Ismen der Zeit festzuhalten oder zu orientieren. Da die Kunstgeschichte aber nun mal gern mit Schubladen arbeite, war diese Gruppe auch immer schwer zu fassen. "Heute empfinden wir diese Pluralität als eine Qualität, als einen Ausdruck des Geistes in der Weimarer Republik und schauen diese Gruppe anders an", sagt Nentwig. "Darum ist heute auch der richtige Moment, diese Gruppe wiederzuentdecken."

"Freiheit - Die Kunst der Novembergruppe 1918 bis 1935". Bis März 2019 in der Berlinischen Galerie in Berlin.

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kulturWelt vom 09.11.2018 - 08:30 Uhr