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"Der Traum in uns", Norwegens Motto zur Frankfurter Buchmesse | BR24

© picture alliance/Bildagentur-online

Blick auf die Berge Manestind und Olningsskaran in der Gemeinde Torsken auf der Insel Senja, in der Provinz Troms, Norwegen

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    "Der Traum in uns", Norwegens Motto zur Frankfurter Buchmesse

    "Ich bin ein wortkarger Mann, doch gelegentlich führe ich Selbstgespräche", heißt Band 1 der Gesamtausgabe des Norwegers Kjell Askildsen. Heute wird er 90 Jahre und mit seinen existentiellen Geschichten starten Afterwork-Lesungen im Literaturhaus.

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    Er schreibe vor allem für sich selbst, sagte Kjell Askildsen einmal. Zur täglichen Schreibroutine gehörten ein Glas Wein und eine Zigarette. Heute wird der virtuose Erzähler minimalistischer Geschichten 90 Jahre alt. Zwar schreibt er längst nicht mehr und lebt zurückgezogen, aber noch immer sind seine minimalistischen, zeitlosen Erzählungen, wie seit einem halben Jahrhundert, Vorbild für jüngere Autorengenerationen.

    Sprachlosigkeit, Misstrauen und Einsamkeit

    Einsame, wortkarge, meist misanthropische Männer bestimmen Askildsens Geschichten: Ein Erzähler besucht seine Schwester und begegnet einem Mörder. Ein Mann kommt zum Bruder und bringt Unruhe in dessen schwierige Ehe. Ein anderer fügt sich für die Frau, die er liebt, in eine Ménage à trois. Meist schildert Kjell Askildsen Beziehungen zwischen zwei, drei Menschen, oft zwischen Mann und Frau. Und er skizziert das fragile Alltägliche, das durch ein Ereignis rasch aus der Balance gebracht werden kann. Askildsen gibt sich nicht als Psychologe, aber er kennt das Wesen der Menschen. Seine Erzählungen sind subtil, leise, karg, scheinbar beiläufig erzählt, tatsächlich formvollendet, auf den Kern reduziert und gekennzeichnet vom Schweigen und der Sprachlosigkeit, dem Misstrauen, der Einsamkeit ihrer Figuren. Selten ist einer wie er scheint. "Ich bin nicht so, ich bin nicht so" heißt denn auch eine Geschichte, die der Schauspieler Martin Feifel morgen zum Auftakt der BR-Afterwork-Lesungen zu Live-Musik im Literaturhaus München liest.

    Kjell Askildsen, der Beckett Norwegens

    Am 30. September 1929 wurde Kjell Askildsen in Mandal in Südnorwegen in eine pietistische Familie geboren. Nach seinem Dienst als Soldat erprobte er sich in verschiedenen Berufen, bevor er 1953 seinen ersten Erzählband veröffentlichte: "Von nun an begleite ich Dich nach Hause".

    © Finn Stale Felberg

    Kjell Askildsen

    Sein Vater, ein strenger christlicher Landespolitiker und Kirchenmann, warf das Buch ins Feuer. Der Pfarrer von Mandal bannte es, die Bibliothekare lehnten es als pornographisch ab, weil die Titelgeschichte von einer zart knospenden körperlichen Liebe sprach. Zu lesen sind alle seine Geschichten jetzt neu in der Gesamtausgabe bei Luchterhand.

    Kjell Askildsen: Das Gesamtwerk in zwei Bänden mit Begleitbuch, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, ist bei Luchterhand erschienen.

    Unter dem Motto "Der Traum in uns'" ist Norwegen ist in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Die Afterwork-Lesungen des BR im Literaturhaus München geben an drei Abenden Eindrücke von der Literatur des Skandinavischen Landes.

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