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Die Performerin und Dichterin über Sprache, Carl Zuckmayer und das Pathos - ein Interview mit Judith Heitkamp

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"Das Gute ist: Die hält uns schon aus – die deutsche Sprache"

Ihre Mutter liebte schon Zuckmayers lakonischen, klaren, manchmal auch bitteren Ton, Nora Gomringer entdeckt gerade seine Theaterstücke. Jetzt wird die Performerin mit der Carl Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet. Ein Gespräch mit der Dichterin.

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Von
  • Judith Heitkamp

"Ich bin ein Wesen, das nur strahlt, wenn es angestrahlt wird", so schrieb die Lyrikerin und Performerin Nora Gomringer – die nebenbei auch noch das Bamberger Künstlerhaus Villa Concordia leitet – vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung. Im Moment aber wolle keiner von ihren Gaben und Talenten etwas haben ... ein Gefühl, das zur Zeit vermutlich viele haben, die auf der Bühne arbeiten. Nora Gomringer jedenfalls wird gerade doch angeleuchtet, sie bekam jetzt in Mainz die Carl-Zuckmayer-Medaille verliehen. Wie sie auf den Dichter des "Hauptmann von Köpenick" gestoßen ist und was er ihr bedeutet, darüber spricht Nora Gomringer mit Judith Heitkamp.

Judith Heitkamp: Die Preisverleihung - zwangsläufig keine Veranstaltung mit Präsenzpublikum ... kann man eine Verbindung mit einem Streaming-Publikum herstellen?

Nora Gomringer: Meine Erfahrungen mit vielleicht vier Auftritten im letzten Jahr, größeren Konzerten, die mit viel Aufwand für Stream produziert wurden - da merkte ich erst im Nachhinein, dass die Leute zugeschaut haben, als sie sich anschließend gemeldet haben ... während man da sitzt, ist man eigentlich allein, oder genauer: ich war mit dem musikalischen Kompagnon Philipp Scholz zusammen allein ... beim Arbeiten hat man nicht wirklich einen Bezug zu den Menschen da draußen.

Carl Zuckmayer, Autor von "Der Hauptmann von Köpenick" oder "Des Teufels General" – für Ihre Generation der in den Achtzigern Geborenen nicht zwangsläufig ein Lieblingsautor. Woher Ihr Interesse für ihn?

Durch meine Mutter. Meine Mutter wurde über den großen Autor Lion Feuchtwanger promoviert. Da ging es natürlich auch um den gesamten Exil-Literaten-Komplex. Ich habe ziemlich viel davon mitbekommen, Mama hat alle Lektüre immer mit mir zusammen gewälzt. Und so habe ich immer gewusst, wer Carl Zuckmayer ist. Außerdem habe ich natürlich Heinz Rühmann gekannt und die tolle Verfilmung mit ihm als Hauptmann von Köpenick.

Und welche Gestalt hat sich aus diesen Informationen herausgeschält? Wer war Carl Zuckmayer für Sie?

Ich fand ihn faszinierend – zu wissen, dass er sich nach dem Krieg quasi wie ein Spion in Deutschland aufgehalten hat. Als jemand, der dieses Verdrängt-Werden, diese Lebensbedrohung durch die Nazis so aufgearbeitet hat, dass er Informant für die Amerikaner wurde in Nachkriegsdeutschland ... und er hat seine Tochter Winnetou genannt. Maria Winnetou. Total super.

Es gibt in Ihrem Gedichtband "Gottesanbieterin" sogar ein Gedicht zu Carl Zuckmayer. "... es sollte keine großen Worte am Ende der Gedichte stehen ... ", heißt es darin.

Naja, ich hab‘ das Gefühl, dass es so ein allgemeines Pathosdiktat gibt. Ich werde manchmal so kritisiert - ich wäre entweder zu albern oder ich hätte irgendwie einen Hang zum Pathos. Ich nehme mit der Zeile ein paar meiner Kollegen auf die Schippe. Wenn man sich das wunderbare Gedicht "Nachtgebet" von Carl Zuckmayer vornimmt – da ist ein sehr lakonischer, klarer, bitterer, aber auch versöhnlicher Ton drin zu finden. Es war ein Gedicht, das meine Mutter immer in der Tasche hatte. Oft hat sie es zitiert. Und deshalb schreibe ich auch von "zu viel Zuckmayer", von einem Zuviel dieser Lakonie, die ja aus einer gewissen Sehnsucht kommt beziehungsweise aus dem Selbstschutz. Da kann man dann auch so ein Gedicht schreiben und formulieren.

Also ging es in Ihrem Fall eigentlich um Zuckmayer-Emanzipation?

Ja, wahrscheinlich – und es ist mir wichtig, dass angedeutet ist, von wem und durch wen inspiriert.

Formal hat er eher traditionell entworfen und geschrieben. Können Sie als jemand, der progressiv mit Sprache umgeht, mit Zuckmayers Sprache was anfangen? Die Medaille zeichnet ja ausdrücklich Menschen aus, die sich um die deutsche Sprache und das künstlerische Wort verdient gemacht haben.

Ich finde die Gedichte von Zuckmayer schon noch interessant – viele haben so einen Brecht‘schen Ton. Im Duo mit Philipp Scholz habe ich angefangen, Zuckmayer-Texte zu vertonen, und das geht. Er hat vor allem eine sehr gute Theatersprache. Ich entdecke die ganzen Theaterstücke gerade erst richtig. Ich wusste natürlich, großes Stück, großes Werk, ich kannte den "Schinderhannes" und so ... was alles meiner Mutter zu verdanken ist. Ich bin ein bisschen para-literarisch aufgewachsen, Werke der Popkultur und der Filmkultur wurden einfach mit gefrühstückt.

Und ihr Verhältnis zur Sprache? Womit kann man der Sprache etwas Gutes tun – mit Sprach- und Sprechregelungen?

Ich bin für größtmögliche Offenheit bei gleichzeitig nicht zu vorschneller Aufgabe alter Regelungen, die sich bewährt haben. Das Gute ist: Die hält uns schon aus – die deutsche Sprache.

Unter ihren Vorgängern und Vorgängerinnen sind sehr unterschiedliche Menschen – von Friedrich Dürrenmatt über Katharina Thalbach bis Doris Dörrie, um ganz willkürlich drei zu nennen. Zuletzt wurde die Kabarettistin Maren Kroymann mit der Medaille ausgezeichnet.

Sie hat mir die große Ehre getan einer Mini-Produktion, und man kann uns am Bildschirm beide beim Sprechen eines Gedichts erleben. Ich bin ihr sehr dankbar, wir kennen uns ja eigentlich nicht, und sind so was wie Telefon-Freundinnen geworden.

Die Verleihung durch Ministerpräsidentin Malu Dreyer an Nora Gomringer ist im youtube Kanal der Landesregierung Rheinland-Pfalz übertragen worden.

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