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Noch mehr benachteiligt: Wohnungslose in Corona-Zeiten | BR24

© dpa-Bildfunk/Oliver Berg

Ein Obdachloser schläft vor einem Geschäft.

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    Noch mehr benachteiligt: Wohnungslose in Corona-Zeiten

    Weniger sichtbar, noch mehr sozial isoliert und benachteiligt. So könnte man die Folgen der Corona-Pandemie für Obdachlose zusammenfassen. Wie erleben Wohnungslose die aktuelle Situation und welche Hilfsangebote gibt es?

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    Von
    • Anja Wahnschaffe
    • Martin Jarde

    12 Uhr Mittag, München Hauptbahnhof. Vor dem roten Foodtruck der Caritas der Erzdiözese München und Freising warten rund 30 Menschen, jung wie alt, auf eine warme, kostenlose Mahlzeit und einen heißen Tee oder Kaffee. Viele, die hier anstehen, sind obdachlos, schlafen auf der Straße.

    Kontaktdaten? Obdachlose haben wenig Vertrauen in Staat

    Nahe dem Foodtruck, im Bahnhofsgebäude, wurde eine leerstehende Ladenfläche zum Speiseraum umfunktioniert. 450 bis 500 Essen pro Tag verteilen Marlies Brunner, Projektleiterin der Korbiniansküche, und ihr Team. Nicht mal ein Viertel der Menschen würden aber in dem Speiseraum im Bahnhof Platz nehmen, sagt Brunner. "Weil die diese Räumlichkeiten, diese Enge gar nicht aushalten, sondern dann mit ihrer Suppe gleich weitergehen oder es anders verzehren."

    Und auch weil sie ihre Kontaktdaten, eine der Infektionsschutzmaßnahmen, nicht preisgeben möchten, denn viele Obdachlose vertrauen dem Staat nicht, so Marlies Brunner. Ovidio aus Rumänien hat damit kein Problem. Er ist obdachlos und arbeitet ehrenamtlich in der Suppenküche, desinfiziert Tische und erledigt Botengänge. Auch er fürchtet eine Infektion und versucht sich so gut wie möglich zu schützen – mit Abstand, Maske und "ohne Bier", da Alkohol den Körper schwäche, wie er erzählt.

    Bahnhofsmission meldet immer mehr Bedürftige

    Die Korbiniansküche der Münchner Caritas wurde vergangenes Jahr eröffnet. Denn die Bahnhofsmission München meldete wegen der Corona-Krise immer mehr Bedürftige. Die Pandemie hat das Leben von Wohnungslosen noch schwieriger gemacht. Hilfsangebote sind weggebrochen oder nur noch eingeschränkt erreichbar.

    In den Tagesaufenthalten sind wegen der begrenzten Plätze weniger Obdachlose anzutreffen. Räumlichkeiten, wo sich sie sich eine warme Mahlzeit zubereiten, mit Freunden ein Schwätzchen halten, Karten spielen oder einfach mal duschen und die Hände waschen können. Auch viele andere wichtige Orte in der Stadt seien derzeit geschlossen, weiß Marlies Brunner:

    "Sonst gibt es ja auch die Möglichkeit im Müllerschen Volksbad zum Beispiel, dass man sich da baden kann, aufwärmen kann. Büchereien sind zu, da kann man sich auch nicht erholen. Das ist schon sehr schwierig, die Lage der Menschen." Marlies Brunner

    Kaum mehr Einnahme-Möglichkeiten

    Hinzu kommt: An den Orten, wo sie gebettelt oder die Obdachlosen-Zeitung verkauft haben, kommen weniger Menschen vorbei. Flaschensammeln wie zum Beispiel bei Fußballspielen ist auch passé. Viele Minijobs sind weggebrochen. Einigen wird dadurch ihre Lebensgrundlage entzogen.

    Auch Gordon Bürk, Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks, bemerkt, dass sich die Situation für die - laut Schätzungen - etwa 1.000 Obdachlosen in der Landeshauptstadt verschärft hat. Die Hygienemaßnahmen seien schwierig umzusetzen, da man ohne eigenen Wohnraum sich nicht so häufig waschen, geschweige denn duschen könne. "Dann kommen noch andere Umstände hinzu: Alkohol etc. Diese ganzen Faktoren führen dazu, dass eine gewisse gesundheitliche Belastung da ist und dass diese Menschen zu den Risikogruppen zählen können."

    Aufenthaltsmöglichkeiten in Bayernkaserne

    Zudem sind viele Obdachlose entweder über 65 oder leiden an einer Vorerkrankung. Um die Not zu lindern, bietet das Evangelische Hilfswerk Obdachlosen jetzt auch tagsüber – befristet bis Ende März – Aufenthaltsmöglichkeiten in der ehemaligen Bayernkaserne an. Bedürftige können dort kochen, duschen und sich waschen. Zudem seien Ärzte vor Ort, die die Menschen bei Beschwerden untersuchen. Und es gibt es einen Wärmebus, der vier Mal in der Woche durch München fährt.

    Nicht nur Obdachlose, die auf der Straße leben, haben unter der Krise besonders zu kämpfen. Auch Wohnungslose, die in Notunterkünften, Wohnprojekten oder bei Bekannten Unterschlupf finden, trifft die Pandemie hart und isoliert sie noch mehr. 2017 waren es bayernweit laut einer Befragung knapp 18.000 Menschen - Tendenz steigend.

    Kontakte brechen weg, Tagesstruktur wird zerstört

    Im Haus an der Kyreinstraße in München vom Katholischen Männerfürsorgeverein wohnen 50 wohnungslose Männer. Viele haben psychische Probleme, einige Alkoholprobleme. Der ehemalige Mittelschullehrer Ladislav Richter lebt seit sieben Jahren hier. Der 75-Jährige vermisst vor allem das Leben außerhalb des Hauses:

    "Ich gehe gerne in Gasthäuser, die sind ja alle geschlossen. Das fehlt mir, da kenne ich auch Leute. Die kann ich nicht mehr treffen, das fehlt mir sehr. Die Tagesstruktur ist nicht nur eingeschränkt, sondern zerstört." Ladislav Richter

    Die Arbeit von Barbara Cunradi, Sozialarbeiterin im Haus an der Kyreinstraße, ist schwieriger geworden. Sie müsse mit den Bewohnern viel mehr reden, die sich ständig ändernden Regeln erklären und manche auch erst davon überzeugen, sie zu befolgen. Einige Männer leiden mehr, andere weniger unter den Beschränkungen, sagt Cundradi. Es gebe "viel mehr kritische Situationen im Haus", die aufgefangen werden müssten.

    Zahl der Wohnungslosen könnte durch Corona-Krise steigen

    Kurzarbeit, Jobverlust, weniger Neben- und Minijobs: Seit Mitte März sind in Bayern knapp 300.000 Menschen arbeitslos geworden. Vieles deutet darauf hin, dass die Wohnungslosen-Zahlen steigen könnten. Gerade in teuren Ballungsgebieten wie München und Umland.

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