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Noah Baumbach hat endlich seinen eigenen Ton gefunden | BR24

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Vom Ende einer Ehe erzählt "Marriage Story", der neue Film von Noah Baumbach. Scarlett Johansson und Adam Driver spielen ein Paar aus New York, das sich einst innig geliebt hat. Jetzt stehen sie vor einem Trümmerhaufen. Ein Drama mit Oscar-Potential.

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Noah Baumbach hat endlich seinen eigenen Ton gefunden

Vom Ende einer Ehe erzählt "Marriage Story", der neue Film von Noah Baumbach. Scarlett Johansson und Adam Driver spielen ein Paar aus New York, das sich einst innig geliebt hat. Jetzt stehen sie vor einem Trümmerhaufen. Ein Drama mit Oscar-Potential.

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Der Rezensent hatte gar keine große Lust auf diesen Film. Denn: Will man wirklich zwei Stunden lang dabei zuschauen, wie elend und niederträchtig eine Scheidung verlaufen kann? Nicht zwingend. Doch zumindest die Besetzung des sich auseinanderlebenden Filmpaares mit Adam Driver und Scarlett Johansson weckte ein gewisses Interesse. Und dann bemerkt man im Kino überraschend schnell, dass man sich diesen Film sogar noch ein zweites Mal anschauen würde, weil er so komplex ist, so klug und auch so lustig – bei aller Tragik natürlich.

Im Soundtrack singt Otis Redding sein berühmtes "I’ve been loving you". Weil der Film aber auf raffinierte Weise keine Partei ergreift – oder vielmehr mal die eine und mal die andere – sowie die männliche und die weibliche Seite absolut gleichwertig in all ihrem Schmerz, Ärger und auch der Wut und Enttäuschung dargestellt werden, singt auch eine Frau noch dieses Lied, nämlich Cat Power.

Paartherapie mit Scarlett Johansson und Adam Driver

Der Film beginnt mit zwei Einschüben. Wie bei einer Paartherapie soll und darf jeder der beiden Partner sagen, was ihn am anderen fasziniert.

Es erscheint einem ziemlich undenkbar, dass ein Mensch, der seinen Partner so schätzt, nicht mehr mit ihm zusammenleben möchte. Regisseur Noah Baumbach hinterfragt die eigentümliche Dynamik einer Trennung, ohne eine Antwort darauf zu finden. Was zwischen Charlie und Nicole geschieht, erscheint so rätselhaft wie folgerichtig. Ständig wechseln die Momente in diesem ambivalent frischen Film, in dem man als Zuschauer selbst immer wieder in den Strudel der Gefühle gerät: Mal glaubt man an diese Liebe, dann wieder nicht.

Endgültige Loslösung von Woody Allen und Ingmar Bergman

"Marriage Story" ist Noah Baumbachs achter Film. Es scheint, als habe er jetzt endgültig seinen eigenen Ton gefunden. Immer noch schimmern seine Vorbilder Woody Allen und Ingmar Bergman durch, aber sie wirken nicht mehr wie konkrete Inspirationen sondern eher wie eine Referenz. Baumbachs Witz ist tiefgründiger als bei Allen – und die Tragik seiner Geschichten kommt weniger dramatisch rüber als bei Bergman. Er kombiniert auf eine inzwischen unnachahmliche Weise Wucht und Leichtigkeit – und hat eine gute Art gefunden, eben nicht (wie Allen und Bergman) vorwiegend über sich selbst und eigene Erfahrungen zu erzählen, sondern vielgestaltige und offene Ensemblestücke zu inszenieren.

Seine Schauspielerführung ist grandios – Oscarnominierungen für die beiden Hauptdarsteller Scarlett Johansson und Adam Driver dürften folgen. Doch das ist noch nicht alles! Wenn die Scheidungsanwälte ins Spiel kommen, nimmt "Marriage Story" nochmal kräftig Fahrt auf – Laura Dern, Ray Liotta und Alan Alda spielen sie mit so großer Präsenz und Lust, wie man das selten im Kino sieht. Die Handlung explodiert gewissermaßen – und kommt, ganz meisterhaft, doch auch immer wieder zu ruhigen, eher sprachlosen Momenten zurück.

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