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Nikolaus Geyrhalter zeigt, wie wir die Erde ausbeuten | BR24

© Bayern 2

Weltweit rückt der Mensch der Erde mit schwerem Gerät zu Leibe: in Steinbrüchen, Tunnelbauten oder Minen. Nikolaus Geyrhalter führt das in seinem neuen Film "Erde" in starken Bildern vor – und stellt die Frage nach unserem Verhältnis zur Natur.

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Nikolaus Geyrhalter zeigt, wie wir die Erde ausbeuten

Weltweit rückt der Mensch der Erde mit schwerem Gerät zu Leibe: in Steinbrüchen, Tunnelbauten oder Minen. Nikolaus Geyrhalter führt das in seinem neuen Film "Erde" in starken Bildern vor – und stellt die Frage nach unserem Verhältnis zur Natur.

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Der österreichische Filmemacher Nikolaus Geyrhalter ist einer der ganz Großen des zeitgenössischen Dokumentarfilms. "Mich faszinieren Zonen, wo man normalerweise nicht hineinsieht", sagt der 1972 geborene Regisseur, Kameramann und Produzent. Folgerichtig erkundet er auch in seinem jüngsten Film "Erde" unvertrautes Gelände. Nikolaus Geyrhalter ist an sieben Orte unserer Erde gefahren, um zu zeigen, was es heißt, wenn der Mensch sich die Erde untertan macht. Ob das in Kanada ist, in Ungarn, Deutschland, Spanien, den Vereinigten Staaten, Italien oder in Österreich, wo sich Meter für Meter eine gewaltige Bohrmaschine durch den Berg fräst und frisst, damit wir dort dereinst durch den Brenner-Basistunnel mit dem Zug fahren können. Knut Cordsen hat mit Nikolaus Geyrhalter über seinen neuen Film gesprochen.

Knut Cordsen: Herr Geyrhalter, selten hat man die Zerstörung, die Plünderung und Ausbeutung unseres Planeten so eindringlich vor Augen geführt bekommen wie in Ihrem Film. Eine der von Ihnen befragten Personen, ein Bulldozerfahrer im kalifornischen San Fernando Valley, sagt zu Ihnen den schönen Satz: "The earth is definetely a cruel mistress." Die Erde ist definitiv eine grausame Geliebte. Damit meint er: Sie gibt einem nichts freiwillig, was man von ihr haben will, man kämpft mit ihr. Wenn man das waste land, das wüste Land sieht, das der Mensch dort und andernorts hinterlässt, hat man eher den Eindruck, dass der Mensch der grausame Geliebte der Erde ist, oder?

Nikolaus Geyrhalter: Ja, die Frage ist überhaupt, ob wir die Erde noch lieben oder ob wir sie eigentlich nur als selbstverständliche Lebensgrundlage betrachten. Es kommt mir eher so vor, als ob der Bezug zur Natur, zur Erde als Grundlage für unser Leben ein bisschen in den Hintergrund gerückt wäre vor der Ausbeutbarkeit.

Es hat etwas extrem Brutales, wie der Mensch mit Planierraupen, Sprengladungen von Dynamit, mit Schaufelradbaggern, Ölförderplattformen und anderem Großgerät der Erde zu Leibe rückt und alles an Rohstoffen aus ihr herausholt, was geht. Im Film sagt einer: "Etwas der Erde zu entnehmen, ist ein gewalttätiger und ziemlich aggressiver Prozess." Zeigt sich darin für Sie unsere wahre menschliche Natur?

Das kann man vielleicht so sagen. Ich weiß nicht, was unsere wahre menschliche Natur wirklich ist. Vielleicht wollen wir das auch gar nicht wissen. Aber sicherlich sind wir eine Spezies, mit der nicht einfach zu koexistieren ist. Ja, ich glaube schon, dass wir sehr egozentrisch handeln auf diesem Planeten.

© NGF

Filmszene (Italien) aus "Erde" von Nikolaus Geyrhalter

Mir ist aufgefallen, dass die Menschen, die Sie befragen, mehrmals die Metapher vom "Fleisch" verwenden. Da ist vom "Fleisch des Gebirges" die Rede, aber auch vom "Fleisch von Mutter Erde", das wir mutwillig verletzten, so sagt es eine Ureinwohnerin im kanadischen Fort McKay, wo der Fluss derart verdreckt ist, dass der Fisch darin nicht mehr gegessen werden darf. Man kennt die Weissagung der Cree: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann." Ist Ihr Film eine Visualisierung diese Weissagung?

Man kann, wenn man den Film sieht, da schon hinkommen. Aber ich würde ihn jetzt nicht als eine Visualisierung von einer These sehen, sondern eher als eine große Fragestellung. All das, was wir in dem Film sehen und was das Publikum erlebt, was ich erlebt habe, ist hier nichts anderes als ein Sich-Umsehen an Orten, die normalerweise der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Man sieht, was da passiert und was für ein großer Aufwand notwendig ist, um die Ressourcen zu gewinnen und Bauplätze für unser Leben zu generieren, um unsere Zivilgesellschaft mit dem zu versorgen, was wir zu brauchen glauben. Das ist das Spannende in der ganzen Geschichte. Es ist ja nicht so, dass dieser Film eine eindeutige Aussage trifft. Es ist eine sehr kritische Umschau.

Sie klagen nicht an, Sie kommentieren auch nichts in Ihrem Film. Das ist charakteristisch für Ihre Filme. Sie lassen allein die Bilder sprechen. Sehr beeindruckend sind zum Beispiel die Bilder aus den Steinbrüchen von Carrara, wo gigantische Marmor-Blöcke, riesige Quader herausgeschnitten werden. Und der Arbeiter dort weiß genauso wie der Mann im ungarischen Tagebau oder die Frau in den andalusischen Minen von Riotinto, dass all das der Erde irreparablen Schaden zufügt. Aber der Grundtenor scheint zu sein: Wir wissen, dass wir etwas falsch machen, aber wir machen weiter so.

Aber trifft das nicht unsere ganze Gesellschaft im Moment zu? Wissen wir nicht alle, dass wir etwas falsch machen insgesamt und machen trotzdem weiter?

Sicherlich. Lässt Sie das an der "Moral des Menschen" zweifeln, so wie das bei einem Ihrer Gesprächspartner der Fall ist?

Es gibt einen Archäologen im Film, der sagt: Die Menschheit lernt nichts, und schon gar nicht aus der Geschichte. Das ist, fürchte ich, ziemlich wahr. Das könnte man jetzt politisch belegen mit dem, was gegenwärtig in Europa basiert. Es trifft aber generell zu: Es scheint so, als ob jede Generation von Anfang an ihre Erfahrungen neu machen müsste. Das ist natürlich ein bisschen schade, wenn ein kollektives Lernen nicht vorhanden ist, weil man offensichtlich wirklich aus vergangenen Fehlern wenig lernt.

© Philipp Horak

Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter

Sehr sprechend ist auch die Szene, in der erzählt wird, dass Schaufelradbagger im ungarischen Tagebau beim Abbau der Kohle mitunter auf uralte Wälder stoßen, Baumfossile, die in Millionen Jahren derart diamantenhart geworden sind, dass sich die Bagger buchstäblich daran die Zähne ausbeißen. Das lässt eine Ahnung aufkommen davon, dass der Homo sapiens wohl auch nur eine vorübergehende Erscheinung auf der Erde ist. "Homo sapiens" hieß einer Ihrer vorherigen Filme, der sich auch schon um die Endlichkeit unseres Daseins auf der Erde drehte und extrem realistisch ausmalte, wie eine Erde ohne den Menschen aussehen wird. Im Grunde sind beide Filme – "Homo sapiens" wie jetzt auch "Erde" – Meditationen über genau diese Frage.

Das sehe ich auch so. Ich glaube, dass diese Filme im besten Fall Erlebnisse sind, nach denen man mit vielen selbstkritischen Fragen aus dem Kino geht.

Die sorgsam komponierten Tableaus in Ihren Filmen, die Totalen und auch die Luftaufnahmen des wüsten Landes, ob nun in "Homo sapiens" oder hier in "Erde", sind manchmal so schön bei allem Grauen, das Sie zeigen, dass man vermuten könnten, Sie ästhetisierten den Schrecken.

Ich muss sagen, dass für mich in diesen Bildern, generell in diesen Orten eine ganz große Ästhetik liegt. Das hat mit der Dimension zu tun, es hat mit dem Ungewohnten zu tun, und es hat natürlich auch damit zu tun, dass man selten die Erde so nackt oder entblößt sieht, wie das nun mal an diesen Orten der Fall ist. Deswegen verstehe ich auch diese Maschinenführer, die sagen: "Wir nehmen dem Berg seine Jungfräulichkeit", oder: "Ich fühle mich im Berg wie ein Astronaut im All, wenn ich als erster Mensch diese Schieferungen und Steinformationen sehe, die noch keiner vor mir so gesehen hat". Man ist ja auch immer sehr ehrfürchtig vor diesen Zeitdimensionen, die da aufgehen. Das ist im Umgang mit Steinen genauso wie mit diesen Baumstämmen. Man weiß, dass diese Steinformationen Millionen Jahre gebraucht haben, um so zu entstehen. Das Interessante ist, dass wir gegenwärtig in der Lage sind, diese natürlichen Gebilde mit nur zwei Joysticks und modernen Maschinen in geringer Zeit zu verändern. Und was diese hohe Ästhetik betrifft: Es liegt ja auch eine große Schönheit in diesen Orten – so, wie in vielen Arten von Zerstörung eben auch Schönheit liegt. Beim Drehen war es mir wichtig, diese Ästhetik ins Kino zu transportieren und damit das Publikum erst mal zu packen, es an Orte zu versetzen, die etwas sehr Beeindruckendes haben, wovon man zunächst mal überwältigt ist und wo man erst auf den zweiten Blick beginnt, darüber nachzudenken: Was passiert hier eigentlich und warum passiert es? Warum brauchen wir das alles?

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