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"Das 18. Jahrhundert kommt mir nicht exotisch vor" | BR24

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Einer der großen Krimi-Bestseller war vergangenes Jahr ein historischer Roman aus Schweden: "1793". Nun erscheint die Fortsetzung "1794". Was ihn an der Zeit um 1800 so fasziniert, erzählt Autor Niklas Natt och Dag im Interview.

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"Das 18. Jahrhundert kommt mir nicht exotisch vor"

Einer der großen Krimi-Bestseller war vergangenes Jahr ein historischer Roman aus Schweden: "1793". Nun erscheint die Fortsetzung "1794". Was ihn an der dramatischen Zeit um 1800 so fasziniert, erzählt der Autor Niklas Natt och Dag im Interview.

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Niklas Natt och Dag entstammt dem ältesten Adelsgeschlecht Schwedens, dessen Name ins Deutsche übersetzt schlicht "Nacht und Tag" bedeutet. Seine historischen Krimis führen ins 18. Jahrhundert. Dass das eine ferne Zeit ist, merkt man schon daran, dass die Hebamme hier noch "Wehfrau" heißt, die Reisetasche "Knappsack" und der Wachsbildhauer "Wachsbossierer". Dennoch kommen einem die Romane von Niklas Natt och Dag erstaunlich nahe. Knut Cordsen hat mit dem schwedischen Autor gesprochen.

Knut Cordsen: Schon in Ihrem preisgekrönten Debüt fiel der Satz: "Was wisst Ihr denn schon von den Begierden der adligen Herren?" Ihre Begierde ist offenbar das Schreiben. Was begeistert einen 40 Jahre alten Nachfahren des schwedischen Uradels so an der Literatur, dass er nach Jahren als Journalist nun Buch um Buch schreibt?

Niklas Natt och Dag: Nun, meine Familie war im 17. Jahrhundert hier in Deutschland im Krieg und stahl all euer Geld. Die Familie Natt och Dag gehörte immer schon dem Militär an, aber einer meiner Vorfahren brachte das gesamte Vermögen durch. Nichts blieb davon übrig. Seitdem müssen wir unser Geld so wie jeder andere verdienen: früher als Offiziere und heute als Journalisten und Schriftsteller.

Wir tauchen in Ihrem neuen Buch tief ein ins späte 18. Jahrhundert. Allerdings steht in Stockholm, der "Stadt zwischen den Brücken", schon das Restaurant "Den Gyldene Freden" – "Der Goldene Frieden", ein berühmtes Restaurant von 1722, das heute noch existiert und in dem sich Jahr für Jahr das Literaturnobelpreis-Komitee versammelt zu seinen Beratungen. Da also gibt es einen Verbindungsfaden zur Gegenwart, sonst verbindet uns nicht mehr viel mit dieser Epoche. Was fasziniert Sie so an dieser Zeit Ende des 18. Jahrhunderts?

Es ist eine ganze Reihe von Dingen, die mich am 18. Jahrhundert faszinieren – als Teenager stieß ich zum Beispiel auf das Werk des schwedischen Dichters und Komponisten Carl Michael Bellman. Er ist 1795 gestorben, aber er ist unvergessen. Bellman schrieb als junger Mann absonderliche Gedichte über arme Leute, eigentlich Bibel-Parodien, in denen die Jünger grotesk betrunkene alte Männer sind, die durch Stockholm taumeln. Mit zunehmenden Alter berührte Bellman das tragische Schicksal der armen Leute mehr und mehr, also kommt auf fünf lustige Lieder bei ihm eines, das dich umwirft, das dich weinen lässt. Davon abgesehen liebe ich seine Musik. Also kommt mir Bellmans Zeit gar nicht so exotisch vor wie sie anderen erscheinen mag.

Und natürlich war das späte 18. Jahrhundert eine politisch dramatische Zeit: der König wurde 1792 ermordet. Er wurde erschossen, Verdis Oper "Maskenball" erzählt davon. Nach seinem Tod gab es ein mehrjähriges Interims-Regime, das mit dem Kunstsinn Gustavs III. brach und die Lebensverhältnisse extrem verschlechterte. Außerdem spürte man die Nachbeben der Französischen Revolution, man fürchtete bei uns wie in allen europäischen Monarchien die Verbreitung der Ideen der Aufklärung.

Es herrschte seinerzeit ein offizielles Kaffee-Verbot und alles lief Grau in Grau herum, bunte Kleidung war verboten aufgrund einer sogenannten "Luxus-Verordnung". Spitze Zungen nennen deshalb in Ihrem Roman das Jahr 1794 die "Eisenzeit" und sprechen von "Reuterholms Tyrannei" – wer war dieser Baron Gustaf Adolf Reuterholm und was hatte er gegen Kaffee und bunte Kleider?

Offiziell trat der jüngere Bruder des Königs nach dessen Tod die Thronfolge an, aber der hatte keine Lust zu regieren und beschäftigte sich lieber mit seinen zahlreichen Mätressen am Hof. Die Regierungsgeschäfte überließ er dem Baron Reuterholm, dem er vertraute. Die Wirtschaft lag damals darnieder, deshalb erließ Reuterholm die sogenannte Luxus-Verordnung. Spitze, Seide, Stickereien, Farbenpracht – das alles zu tragen war verboten, damit schwedische Reichstaler nicht länger in den Taschen ausländischer Händler landeten. Eine denkbar schlechte Idee, die in Stockholm für viel Unmut sorgte, denn die Schweden konnten so auch nicht mehr ihre reich verzierten Trachten tragen, die sie von einer Generation auf die nächste vererbten.

Kaffee wurde verboten, weil man konspirative Versammlungen in den Kaffeehäusern fürchtete, wo unterschiedlichste Gesellschaftsschichten zusammenkamen: Adlige, Kaufleute, Arbeiter und Bauern. Man hatte Angst, dass dort revolutionäre Gedanken aufkämen. Ein Kaffee-Verbot in einem Land, das heute noch zu den stärksten Kaffee-Konsumenten der Welt zählt, ist natürlich ebenfalls keine gute Idee. Es führte überdies zu diplomatischen Verwerfungen, weil die Botschaftsangehörigen sich damals in einem Club trafen, über den auch das Kaffee-Verbot verhängt wurde.

© Piper Verlag

Buchcover: Nach dem Erfolg von "1793" ist jetzt bei Piper "1794" erschienen

Sie führen uns Leser gleich zu Beginn des Romans erst einmal weit weg von Stockholm: Mit dem Schiff geht es auf eine Antillen-Insel in der Karibik, Saint-Barthélemy. Die befand sich damals im schwedischen Besitz. Wie das?

Das ging auf eine Idee Gustavs III. zurück, der Schweden zu alter Größe zurückführen wollte. Deshalb sollte die Krone eine Kolonie in der Westindischen Inselwelt haben. Man sicherte sich durch einen Handel mit Frankreich die Insel Saint-Barthélemy und glaubte, nun nicht länger auf den Import von Zucker, Tabak und Baumwolle angewiesen zu sein. Als aber das erste Schiff in Barthélemy ankam, stellte sich dieses Eiland als ein nackter Felsen im weiten Ozean heraus, der noch nicht mal über eigenes Trinkwasser verfügte. Die Insel war völlig nutzlos, kaum etwas konnte auf ihr angebaut werden – bis Barthélemy mit seiner Hauptstadt Gustavia für eine kurze Zeit der einzige neutrale, steuerfreie Hafen der Westindischen Inseln wurde. Das machte die Insel für einige Jahre zum Zentrum des internationalen Sklavenhandels.

Dort auf der schwedischen Kronkolonie Barthélemy lernen wir auch das dunkle Zentrum Ihrer Geschichte kennen, den Sklaventreiber und Baumwollplantagen-Besitzer Tycho Ceton. Es ist recht schnell klar, dass er der Schreckensmann in Ihrem Roman ist, danach geht es darum, ob und wie man seiner habhaft werden kann. Tycho Ceton, der sich daran ergötzt, Menschen abschlachten zu lassen, vergleicht sich mit dem berühmten schwedischen Bildhauer Johan Tobias Sergel: "Ich habe mich lange wie Sergel gefühlt, nur dass ich – anders als der große Bildhauer – mein Meisterwerk unter Laken in einem verschlossenen Atelier verstecken musste. Wie frustrierend! Denn was ist Kunst, die nicht bewundert wird, so wie sie es verdient?" Tycho Ceton scheint das Böse schlechthin zu sein.

Tycho Ceton ist eine Art Archetypus des Libertin, des Freigeistes, wie ihn Marquis de Sade gezeichnet hat in seinen Büchern. Ich wollte herausfinden, wie sich eine solche fiktive Figur im realen Leben verhalten würde. Die Bücher des Marquis de Sade sind ja recht langweilig, sie erschöpfen sich meist in Fantasien sagenhafter Potenz und sexueller Unermüdlichkeit, und wenn die Orgie an ihr Ende gerät, folgt das Mansplaining seiner misanthropischen Philosophie. Mein Tycho Ceton ist vielleicht der Typ Mann, der de Sade immer sein wollte. Ich kann unglücklicherweise noch nichts über die Motive meiner Figur sagen, denn die werde ich erst im abschließenden Band meiner Trilogie offenlegen. Das bleibt also vorerst im Dunkeln, aber der Leser sollte daran denken, dass mein Erzähler ein unzuverlässiger Erzähler ist, und ganz am Ende von "1794" ist ein kleiner Hinweis versteckt, dass er vielleicht doch ein anderer ist als er zu sein behauptet.

Wie schon in Ihrem ersten Roman spielt auch hier die Musik zumindest eine Nebenrolle. Es wird Johann Pachelbels berühmter Kanon in D-Dur aufgeführt bei einem Hauskonzert. Tycho Ceton, der eiskalte Killer, "verliert sich gänzlich" in dieser Musik. Sie selbst spielen einige Instrumente – Gitarre, Mandoline, Geige, die japanische Bambuslängsflöte Shakuhachi – wie wichtig ist Ihnen Musik?

Gut, dass Sie das Pachelbel-Stück von 1694 erkannt haben, ich erwähne seinen Namen ja gar nicht. Es gibt eine lustige Geschichte über Pachelbels Kanon: Pachelbels Freundin, die Cellistin war, soll aufgrund dieses Kanons mit ihm Schluss gemacht haben. Warum? Sein Kanon für D-Dur ist für vier Instrumente, drei Violinen und ein Cello. Die drei Geigen spielen wundervoll sublime Melodien, das Cello aber spielt die immer selben acht Noten wieder und wieder. Jeder Cellist kann das nach einer Woche spielen und langweilt sich zu Tode. Dieser Kanon wird gern auf Hochzeiten gespielt. Ich wette: Wenn Sie Pachelbels Stück in meinem Buch erkennen, werden Sie es nie und nimmer auf Ihrer Hochzeit spielen wollen. Aber zurück zu ihrer Frage: Ich liebe die Musik, ich bin weit davon entfernt, ein musikalisches Genie zu sein, aber ich besitze in der Tat eine Menge Instrumente.

Niklas Natt och Dags Kriminalroman "1794" ist in der Übersetzung von Leena Flegler bei Piper erschienen.

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