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Dynamisch und weise: Das Erfolgsrezept älterer Frauen | BR24

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Interview mit Nicole Andries zu ihrem Buch "Wir wollen es nochmal wissen! Frauen, die kein Alter kennen"

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Dynamisch und weise: Das Erfolgsrezept älterer Frauen

Die Autorin Nicole Andries porträtiert charismatische Frauen über 65. Im Interview erzählt sie, wie eine Salondame sie zu ihrem Buch inspirierte und welche Charaktereigenschaft die ältere Generation von Frauen auszeichnet.

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"Wenn neben John Wayne eine gleichaltrige Frau auftritt, kann man sicher sein dass sie seine Mutter spielt." Diese Anekdote zitiert die Filmemacherin Margarethe von Trotta im Vorwort eines Buches, das vehement dafür eintritt, Frauen auch im Alter als das wahrzunehmen was sie sind: dynamisch, weise, voller Aktivität und Neugier. Und jung im Kopf. Mittlerweile dürfen zwar auch Filmfrauen ein bisschen altern, aber die Rollenbilder, die Frauen in der Öffentlichkeit zugeschrieben werden, hinken der Wirklichkeit noch weit hinterher. Die Berliner Autorin Nicole Andries hat 15 sehr charismatische Frauen porträtiert, alle über 65, manche über 80, von der Unternehmerin bis zur Bohemienne. Dienstagabend stellt sie im Münchner Literaturhaus ihr Buch vor, das einen Titel mit Ausrufezeichen trägt: "Wir wollen es nochmal wissen!" Barbara Knopf hat mit Nicole Andries über "Frauen, die kein Alter kennen" gesprochen.

Alles begann, als Sie in Berlin in einer Szenebar einer Salondame begegneten und diese Salondame war 74 Jahre alt. Was war denn das für eine Begegnung?

Nicole Andries: Eine blitzartige Begegnung, die mich so umgeworfen hat. Da war das Publikum zwischen 20 und 40 und ich auch schon deutlich älter, und da rotierte diese Frau, Wera Bunge, die auch unser Covergirl auf dem Buch ist, und machte ganz schlicht Service, aber stiftete auch Gespräche. Und dann kam ich mit den Gästen ins Gespräch und alle zeigten sich unglaublich euphorisch, ob dieser alten Schule, ob der Kultur, ob der Art und Weise, wie man miteinander umgegangen ist. Und da ist diese Idee geboren. Was irre war in den Gesprächen mit diesem jungen Publikum, war diese Sehnsucht nach dem Dialog, einem Generationendialog, den wir in meinen Augen einfach irgendwie wieder in Gang bringen müssen oder den ich eigentlich als junge Frau auch sehr vermisst habe und mit diesem Buch herstellen will.

Es sind ja sehr unterschiedliche Lebensgeschichten, die Sie gesammelt haben: zum Beispiel von der Liedermacherin Bettina Wegner, die in der DDR bei sehr systemtreuen Eltern aufwächst und dann einen eigenen nonkonformen Weg geht. Die pensionierte Lehrerin, die dann als Model arbeitet im Alter. Oder die Tangolehrerin, die erst beim Tanzen sich selbst und ihre eigenen Wünsche eigentlich so wirklich entdeckt. Im Grunde sind sie ja alles so Selbstfindungsgeschichten?

Ich weiß nicht, ob ich das so sagen würde. Was ich sagen würde ist eigentlich, es eint alle diese Personen ein Motto: "Geht nicht, gibt's nicht". Die gehören einer Generation an, die ja eine Kriegsgeneration ist. Und sie suchen ihren persönlichen Weg und das schon teilweise sehr früh. Gerade in München werden am Abend anwesend sein: Barbara Glauning, die macht Kulturmanagement in den 70er Jahren - da gibt's dieses Wort noch gar nicht. Oder Lianne Kolf, die begründet die erste Agentur für deutschsprachige Literatur - das gab es damals noch nicht Mitte der 80er-Jahre. Sie sind sehr unternehmerisch, haben Pioniergeist, packen Dinge an, finden Lösungen, sind irgendwie patent. Und ich glaube, das resultiert aus dieser besonderen Generationenerfahrung.

Der Generation zwischen 1939 und 1950, also Kriegs- und Nachkriegsgeneration, Ost wie West. Was mich so frappiert hat, war diese hohe Flexibilität der Frauen. Die haben auch Rückschläge erfahren. Woher kam diese Flexibilität? Ist es so, weil Frauen einfach oft nicht diese geradlinigen Berufsverläufe haben?

Das ist zumindest mal die These, die ich in meinem Buch vertrete, dass Frauen natürlich brüchigere Erwerbsbiografien haben, und dadurch einfach gewohnt sind, permanent viele Dinge gleichzeitig zu machen und im Kopf zu jonglieren und miteinander zu verbinden. Und das nimmt im Alter nicht ab, sondern es bleibt, und macht sie eigentlich vielleicht eher zu den Pionierinnen, die ausmessen oder neu vermessen, wie man dieses längere Leben - das wir inzwischen alle haben - wie man das eben einfach neu gestalten kann.

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Arbeitet als Pressesprecherin im Sauriermuseum Aathal: Lily Honegger

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Barbara Glauning - eine Pionierin des Kulturmanagements

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Lianne Kolf begründete die erste Agentur für deutschsprachige Literatur.

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Autorin Nicole Andries

Es bleibt natürlich dieser biologische Faktor. Sie sprechen es an, es ist ein längeres Leben. Der Geist bleibt vielleicht rege, aber der Körper altert. Wie gehen die Frauen damit um - Sie hatten ja auch immer die Frage: "Wie gehen Sie mit dem Alter um?"

Man muss natürlich sagen, dass es all diesen Frauen, die ich interviewt habe, körperlich relativ gut geht. Das ist glaube ich auch eine Voraussetzung. Also zu sagen, Altern gibt's nicht, das ist absurd. Es gehört dazu geistige und körperliche Gesundheit. Und das haben die eben alle.

Aber eine sagt auch: Alter ist kein Witz.

Das natürlich die Endlichkeit des Lebens eine Rolle spielt, ist ja klar und all die eigenen körperlichen Schwierigkeiten - das festzustellen, ist schwierig.

Die Autorin Donata Elschenbroich hat zum Beispiel auch gesagt: "Ich möchte diese Welt nicht verlassen, bevor ich nicht eine Antwort darauf gefunden habe, warum Menschen anderen helfen wollen." Das wurde auch sichtbar, dass sehr viele Frauen einen Motor in sich haben, andere mitkommen zu lassen.

Auf jeden Fall. Also bei den unternehmerischen Tätigkeiten, bei Gisela Winkler beispielsweise, die "Saba-Wäsche" gegründet hat, also Wäsche für Menschen mit einem Handicap, spielt immer auch der soziale Aspekt eine Rolle. Das ist ein gesellschaftlicher Anspruch, der bei vielen dahinter steckt, der vielleicht auch ein generationentypisches Charakteristikum ist.

Eine Frau sagt auch, dass Frauen im Alter noch eine Entwicklung zusteht sei ein Reichtumsphänomen, also etwas, das typisch sei für unsere Gesellschaft.

Donata weist darauf hin. Sie arbeitet als NGO in Japan und hat viel mit Menschen aus der Dritten Welt zu tun, die dorthin kommen, um nachhaltige Landwirtschaft wieder zurückzubringen in ihre Länder. Und sie sagt, in Afrika ist man ausgelaugt ab einem gewissen Alter, und dann kann man nicht mehr. Da gehört man sozusagen zum alten Eisen und wird auch nicht mehr so angesehen - anders als wir das oft denken. Wir haben ja die Vorstellung, dass das Alter da vielleicht mehr respektiert würde. Das ist bei uns anders. Wir sind aufgrund unseres Wohlstands besser ausgestattet, uns geht es physisch besser und wir haben einfach bessere Möglichkeiten, uns auch im Alter weiterzuentwickeln und unsere Vorstellungen umzusetzen. Insofern ist es auf jeden Fall in unserer Gesellschaft hier einfacher.

Aber gleichzeitig verweisen Sie ja selbst in Ihrem Vorwort darauf, dass Frauen auch von einer größeren Altersarmut betroffen sind. Ihre Salondame hat gesagt, sie kann nicht aufhören zu arbeiten, sie braucht das Geld zum Leben.

Richtig. Wera ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass jemand von der Familienpolitik dieses Landes irgendwie sehr negativ betroffen ist. Sie ist nach der Scheidung nicht gut abgefunden worden und musste dann einfach nochmal selber arbeiten.

War es inspirierend, diese Frauen zu treffen?

Absolut, absolut. Und dieses Buch zielt ja nicht nur auf die Generation der Frauen, die dort porträtiert sind, sondern auch auf meine eigene. Da Mutmacherinnen zu finden, um die Angst zu nehmen vor dem eigenen Altern. Ich denke das Altern ist nach wie vor negativ besetzt. Dieses Buch soll dazu beitragen es irgendwie auch positiv zu durchleuchten und Mut zu machen.

Was wäre dann die wichtigste Botschaft, die Sie für sich persönlich mitgenommen haben?

Dass man immer wieder anfangen kann. Neugierde ist der Schlüssel zur Erneuerung. Und dass Jugendlichkeit kein Lebensabschnitt ist, sondern eine Haltung.

"Wir wollen es nochmal wissen - Frauen, die kein Alter kennen" von Nicole Andries ist im Elisabeth Sandmann Verlag erschienen, mit Fotografien von Felix Broech. Es kostet 29,95 Euro. Lesung und Diskussion mit Wera Bunge, Lianne Kolf und Nicole Andries im Literaturhaus München, 4. Juni 2019, 20 Uhr.

© Elisabeth Sandmann Verlag/Felix Broede

Cover des neuen Buches von Nicole Andries

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