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"Niederschmetternd": New Yorker Met verschiebt Neustart auf 2021 | BR24

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Auf Anraten von Gesundheitsexperten wird das renommierteste Opernhaus der USA erst wieder im September 2021 öffnen. Intendant Peter Gelb spricht von "enormen Kosten", Dirigent Yannick Nézet-Séguin ist zutiefst enttäuscht. Ein Signal an die Branche?

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"Niederschmetternd": New Yorker Met verschiebt Neustart auf 2021

Auf Anraten von Gesundheitsexperten wird das renommierteste Opernhaus der USA erst wieder im September 2021 öffnen. Intendant Peter Gelb spricht von "enormen Kosten", Dirigent Yannick Nézet-Séguin ist zutiefst enttäuscht. Ein Signal an die Branche?

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Das wird in der Opernszene weltweit für Aufsehen und Entsetzen sorgen: Statt, wie bisher geplant, am 30. Dezember mit einer großen Gala in die neue Saison zu starten, bleibt die Metropolitan Opera bis weit ins nächste Jahr hinein geschlossen. Erst im kommenden September soll sich wieder der Vorhang heben. Diese Entscheidung fiel gestern Abend. Intendant Peter Gelb begründete sie damit, dass normalerweise "hunderte von Darstellern" in vergleichsweise engen Räumen proben müssten und der Haupt-Saal im größten Opernhaus der Welt bis zu 3900 Zuschauer fasst. Deshalb, so Gesundheitsexperten der Met, könne der dortige Betrieb erst wieder starten, wenn eine Impfung "weit verbreitet", die "Herden-Immunität" erreicht und Abstände und Masken nicht mehr notwendig seien.

Aufführungen werden gekürzt

"Unsere Zukunft ist unterdessen nur gesichert, wenn wir große künstlerische Fortschritte machen und unsere Kosten senken", so Peter Gelb. Er verwies darauf, dass es nach aktuellen Umfragen "eine ganze Zeit" dauern werde, bis die Ticketverkäufe wieder das Niveau vor der Pandemie erreichten: "Aber wir sind zuversichtlich, dass unsere Mitarbeiter und die Öffentlichkeit verstehen werden, warum und wie wir die Rückkehr zur Normalität so handhaben müssen. Zwischenzeitlich werden wir unsere digitalen Angebote aufrechterhalten, mit der die Met während der Schließzeit die Verbindung zum heimischen und auswärtigen Publikum hält."

Die "New York Times" rechnete aus, dass die Oper seit Mitte März bereits 150 Millionen Dollar an Einnahme-Ausfällen verkraften muss. Der Jahresetat liegt etwa bei 300 Millionen Dollar. Rund 1000 Mitarbeiter, darunter Chor und Orchester, hätten seit April kein Gehalt mehr bezogen. Gegenüber der Zeitung hatte Peter Gelb auch nicht viel Motivierendes zu sagen: Weitere Einsparungen sei unvermeidlich, alle Beteiligten müssten sich beim Neustart umso mehr anstrengen, um das Publikum zurückzuholen. Die American Guild of Musical Artists, in der die Chormitglieder, Tänzer, Inspizienten und andere Bühnen-Mitarbeiter organisiert sind, kritisierte, die Met wolle ihre Probleme auf dem Rücken der Angestellten lösen, und das Orchester teilte mit, Einsparungen allein seien noch keine Perspektive.

Schon vor Corona rückläufige Kartenverkäufe

Dabei hatte das Opernhaus schon vor der Pandemie erhebliche wirtschaftliche Probleme, weil die Kartenverkäufe drastisch zurückgingen und die Überalterung des Publikums unübersehbar war. Dass der wegen angeblicher sexueller Übergriffe gekündigte ehemalige Chefdirigent James Levine in einem Vergleichsverfahren 3,5 Millionen Dollar Abfindung erhalten haben soll, was kürzlich publik wurde, dürfte unter den Beschäftigten ebenfalls für schlechte Stimmung sorgen. Die "New York Times" hält es jedenfalls für möglich, dass dies die Verhandlungen mit den Gewerkschaften "erschwere".

© John Minchillo/Picture Alliance

Warten auf Zuschauer - Eröffnung mit Werk über Rassismus geplant

Selbst, wenn der Betrieb nächstes Jahr wieder anläuft, wird manches noch sehr ungewohnt sein. Gelb kündigte an, mehr Vorstellungen bereits vor sieben Uhr abends beginnen zu lassen und die üblichen Aufführungsdauern zu verringern. Grund dafür sei die Erwartung, dass zumindest Teile des Publikums auch Ende 2021 weiterhin "sehr vorsichtig" sein werden. So soll Modest Petrowitsch Mussorgskis "Boris Godunow" in einer gut zweistündigen Originalversion auf die Bühne kommen, auch eine Barockoper wie "Rodelinda" soll gekürzt werden und Puccinis "Madama Butterfly" ohne Pause aufgeführt werden. Weitere Angebote wie "Cinderella" sollen auf "familienfreundliche" neunzig Minuten beschränkt werden.

Oper über Rassismus zum Neustart

Als Eröffnungspremiere ist am 27. September 2021 Terence Blanchards "Fire Shut Up in My Bones" vorgesehen, eine Oper, die auf den gleichnamigen Lebenserinnerungen des Schwarzen Journalisten Charles M. Blow beruht. Die Uraufführung fand 2019 in Saint Louis statt. Blow, Jahrgang 1970, arbeitet für die Meinungsseite der "New York Times", wo er zwei Mal wöchentlich eine Kolumne schreibt, gehört zu den scharfen Kritikern von Präsident Donald Trump und äußert sich häufig und teils polemisch zum Alltags-Rassismus in den USA. Derzeit arbeitet er an einem Buch, dass im kommenden Februar erscheinen soll: "The Devil You Know: A Black Power Manifesto". Darin will er seine Schwarzen Landsleute auffordern, deutlich energischer als bisher politisch aktiv zu werden.

Die Schwarze Filmemacherin Kasi Lemmons schrieb nach Blows aufwühlenden Memoiren das Libretto. Chef-Dirigent Yannick Nézet-Séguin, der die Absage der Saison 2020/21 als "niederschmetternd" bezeichnete, sprach von einem "absoluten Thrill", die Premiere leiten zu dürfen und gab sich dankbar, dass die Met mit diesem Programm auf die "wichtigen sozialen Veränderungen" reagiert, die sich gerade abspielten.

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Charles M. Blow: Kämpferischer Journalist

Um ein weiteres Zeichen in der aktuell tobenden Auseinandersetzung über Rassismus zu setzen, ernannte die Oper drei Schwarze Komponisten, Valerie Coleman, Jessie Montgomery und Joel Thompson zu Mitgliedern eines Förderprogramms und beauftragte den ebenfalls Schwarzen Künstler Rashid Johnson, großformatige Arbeiten für die Lobby-Räume der Met zu schaffen.

Zu den fünf Neuproduktionen der Saison 2021/22 gehören Matthew Aucoins "Eurydice" (Regie Mary Zimmerman, uraufgeführt am 1. Februar 2020 in Los Angeles), Verdis "Rigoletto" (Regie Bartlett Sher) und dessen "Don Carlos" (Regie Sir David McVicar). Außerdem ist eine "Lucia di Lammermoor"-Version von Simon Stone zu sehen und Neil Armfield wird Brett Deans "Hamlet" inszenieren, ein Werk, das 2017 in Glyndebourne uraufgeführt wurde.

Droht jetzt aus Pessimismus Fatalismus zu werden?

Da die Met international als führendes Opernhaus gilt, was kommerzielle Maßstäbe betrifft, ist ihre jüngste Entscheidung zweifellos auch ein verheerendes Signal für den derzeit "brachliegenden" New Yorker Broadway und das Londoner West End. Erst kürzlich hatte der Musical-Unternehmer und Komponist Andrew Lloyd Webber im britischen Unterhaus in einer "Brandrede" eine Lockerung der Pandemie-Maßnahmen angemahnt, weil es für die Branche sonst "keinen Weg mehr zurück" gebe. Das wichtige Weihnachtsgeschäft sei ohnehin bereits abgeschrieben. Jetzt dürfte aus dem Pessimismus vieler Theatermacher Fatalismus werden, denn vor 2022 erscheinen nennenswerte Schritte zur "Normalität" zunehmend undenkbar.

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