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Thomas Hirschhorn, Skizze zu "Never Give Up The Spot" (Ausschnitt)
© Courtesy of the artist

Autoren

Julie Metzdorf
© Courtesy of the artist

Thomas Hirschhorn, Skizze zu "Never Give Up The Spot" (Ausschnitt)

Eine Betonsäule ist eingestürzt, hat eine hölzerne Zwischendecke mit sich gerissen. Lüftungsrohre ragen aus der Wand und abgerissene Kabel, in fünf Meter Höhe klebt eine Kloschüssel und am Boden liegen Betonbrocken, zerbrochene Glaslüster und Styroporplatten. Es herrscht ein kaum zu überbietendes Chaos, selbst die logischen Strukturen eines planvollen Abrisses oder eines systematisch voranschreitenden langsamen Verfalls sind wild miteinander vermischt.

Das Museum zerstört

Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn hat das Ateliergebäude Franz von Stucks zerstört. Der Raum, wie wir ihn kennen, mit seiner sieben Meter hohen Decke und den großen Nordfenstern existiert nicht mehr. Doch die Zerstörung ist konstruiert: Mit Hilfe von sehr viel Pappe und noch mehr Klebestreifen hat Hirschhorn dem blitzblanken Museumsraum ein Ruinenkostüm übergestülpt und ihn in eine Mischung aus Baustelle, besetztem Haus und Kriegsschauplatz umgestaltet. Und das war gar nicht so einfach, sagt Hirschhorn: "Einfach aus technischen Gründen, weil ja eine Ruine meistens von oben entsteht, und in sieben Meter Höhe zu arbeiten und Dinge zu befestigen, ist ja gar nicht so einfach. Eine Skulptur bildet sich normalerweise vom Boden aus, mit Sockel usw., und hier kommt sie von der Decke her, und das ist schwierig, weil man muss gegen die Schwerkraft ankämpfen."

Das Ergebnis ist ein begehbares Kunstwerk, das gleichzeitig den Rahmen für neue Werke schafft. Denn mitten in diesem Bild der totalen Destruktion gibt es Inseln der Konstruktion: Kleine Unterstände, in denen Tische stehen und Sofas, Computer und Drucker, Sägen und Bohrmaschinen, Farben, Pappen, Styropor. Hier und da sind schon einige Skulpturen zu sehen: ein Christus, ein Hund, eine Reihe riesiger Lippenstifte. Andernorts sind Bilder an die Wand geklebt: Eine Katze mit einer Perücke aus Spaghetti zum Beispiel, Gedichte von Erich Kästner, gleich daneben hat jemand Spinoza-Zitate an die Wand gesprüht. Nach den üblichen "Bitte nicht berühren"-Schildern sucht man vergebens, denn die Besucher sollen – nach dem Willen von Thomas Hirschhorn – Hand anlegen: "Die Idee ist ja, dass man in diesen Unterständen sein kann und etwas produzieren kann, das könnte auch ein Gespräch sein, man kann auch nur rumliegen. Man kann aber auch was produzieren, einen Text ausdrucken und ankleben, Bilder ausdrucken, man kann Styroporskulpturen machen, man kann ganz viele Sachen machen, es gibt Werkzeuge und Materialien, mit denen man sich ausdrücken kann."

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Thomas Hirschhorn, Aufbau von "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Thomas Hirschhorn, Aufbau von "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Thomas Hirschhorn, Aufbau von "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Thomas Hirschhorn, Aufbau von "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Thomas Hirschhorn, Aufbau von "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Thomas Hirschhorn, Aufbau von "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Thomas Hirschhorn, "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Thomas Hirschhorn, "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Thomas Hirschhorn, "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Thomas Hirschhorn, "Never Give Up The Spot" in der Münchner Villa Stuck

Das Museum neu denken

Aus einem Ort des Betrachtens ist ein Ort des Machens geworden. Statt Wachpersonal gibt es ein Welcome-Team, das den Besuchern die Werkzeuge erklärt und Kaffee kocht – denn ja: Essen und Trinken ist natürlich erlaubt, wenn es in erster Linie darum geht, dass Menschen sich hier aufhalten, miteinander ins Gespräch kommen und etwas erschaffen, sagt Hirschhorn: "Ich wollte einen Raum schaffen mit diesen beiden Dynamiken, der Destruktion und der Konstruktion, die gleich schwierig sind, nach Antonio Gramsci, den ich verehre. Auch, dass sie verbunden sind, das ist nichts Neues, aber ich wollte einen Raum machen, in dem beides gleichzeitig sichtbar und spürbar wird."

"Never give up the spot!" heißt das Projekt, und es ist kein Zufall, dass Hirschhorn seine Ruinenlandschaft gerade in der Villa Stuck realisiert hat: Das ehemalige Wohnhaus und Atelier Franz von Stucks war nach dem Zweiten Weltkrieg selbst viele Jahre Ruine, bevor es dank eines privaten Investors als Museum erhalten werden konnte. In seinen Ursprüngen aber war das Haus ein Atelier, also ein Ort der Kreativität. "Never give up the spot!" knüpft an diese Ur-Funktion des Hauses an, wenn es nun wieder zum Hort für Kreativität wird.

Und doch ist das Ganze mehr als eine "Jeder ist ein Künstler"-Spielerei, mit der ein renommierter Künstler seine anarchistischen Hausbesetzerfantasien umsetzt: Es geht um die Zukunft der Institution Museum. Das alte Modell – als sauberer, weiß getünchter Raum, in dem nichts von den Kunstwerken ablenkt und man sich kaum zu sprechen traut – diese Museumsform wird hier symbolisch zerstört. Um Raum zu schaffen für eine neue Vision von Museum, sagt Hirschhorn: "Das wäre natürlich tatsächlich ein Versuch, das Museum neu zu denken, das alte Modell des Museums mindestens teilweise in Frage zu stellen und einen neuen Versuch zu machen. Auch hier: Zerstören des alten Modells und Versuch – was auch nicht ganz einfach ist – ein neues Modell zu bauen."

Die Ausstellung "Thomas Hirschhorn 'Never Give Up The Spot!'" ist bis zum 3. Februar 2019 in der Villa Stuck in München zu sehen.

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Autoren

Julie Metzdorf

Sendung

kulturWelt vom 19.10.2018 - 08:30 Uhr