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Neun Leben mit starken Brüchen: Zum Tod von Herbert Feuerstein | BR24

© pa/Dpa/Oliver Berg

Herbert Feuerstein

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    Neun Leben mit starken Brüchen: Zum Tod von Herbert Feuerstein

    Er war der stets "mürrische" Partner von Harald Schmidt und leitete zwanzig Jahre als Chefredakteur die deutsche Ausgabe des Satire-Magazins MAD. Jetzt ist Herbert Feuerstein in Erftstadt mit 83 Jahren gestorben.

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    "Es war Abneigung auf den ersten Blick", so Herbert Feuerstein laut WDR über seine Zusammenarbeit mit Harald Schmidt: "Und damit die Grundlage für eine fruchtbare Zusammenarbeit". Das ungleiche Paar prägte bis 1994 die unvergessene TV-Show "Schmidteinander", in der die beiden sich die Bälle zuwarfen. Feuerstein mimte den gespielt übellaunigen, stets zum Blödeln aufgelegten, scheinbar "seriösen" Herrn, Schmidt begeisterte durch demonstrative Eitelkeit und oft übersteigerten Frohsinn. Dieses Spannungsverhältnis machte die Sendung so unterhaltsam, neben den bizarren Einfällen: Feuerstein spielte "Nasenflöte" und kletterte in Laufställe.

    "Harald Schmidt hat mich gequält"

    Dass er diese Phase seines Berufslebens später nie mehr los wurde, ja darauf reduziert wurde, nervte Feuerstein zunehmend: "Harald Schmidt hat mich nicht geschont, nein, er hat mich gequält. Vor der Sendung sagte er immer zu mir, was ich für eine Niete sei und wie ich wieder die Show verbocken würde. Das ist die beste Art, mich zu motivieren," so seine Antwort auf eine Frage der "Welt". Tatsächlich hatten sich Feuerstein und Schmidt privat wenig zu sagen. Dass sie mit ihrer gegenseitigen Abneigung öffentlich kokettierten, erinnerte an das Verhältnis von Bodo Hauser und Ulrich Kienzle, die mit ihren Frotzeleien einst die ZDF-Sendung "frontal" entstaubten.

    © Xamax/Picture Allliance

    Feuerstein als "Teufel" im Berliner "Jedermann" 2019

    Wie auch immer, im Gespräch mit dem WDR zeigte sich Harald Schmidt jetzt versöhnlich: "Feuerstein war ein Genie - das hat er mir selbst gesagt, und ich habe es ihm bestätigt." Im Grund verdanke er Feuerstein seine Karriere, so Schmidt. Das habe er seinem Förderer auch beim letzten Treffen "an der Sicherheitskontrolle am Flughafen Berlin-Tegel" gesagt: "Er hat es mir bestätigt - Feuerstein ist unsterblich, zumindest solange mir noch wildfremde Leute auf Rolltreppen das Putzgeräusch der Zwergbrillenratte vorspielen."

    Fehlende Freunde als "eigentliches Defizit"

    Dem Spiegel verriet Feuerstein 2014 in einem Gespräch, er habe "im Leben zu wenig darauf geachtet, was ich wirklich selbst will" und bezeichnete sich als "Sozialmuffel": "Meine neun Leben enthielten ziemlich starke Brüche und waren sehr durchorganisiert. Ich hatte wechselnde Lebensentwürfe, die ich dann versucht habe, zu verwirklichen. Der Journalismus war mein Grundhandwerk, einer der wenigen Berufe, die man nicht aussitzen muss, sondern die man jederzeit verändern kann." Keine Freunde gewonnen zu haben, hielt Feuerstein demnach für das "eigentliche Defizit" in seinem Leben. Zu den wenigen erklärten Förderern und Vertrauten gehörte der frühere MDR-Intendant Udo Reiter.

    © Oliver Berg/Picture Alliance

    Neun Leben gelebt

    Der Entertainer und "Komiker, der nicht lachen kann" (Die Welt) wurde 1937 in Zell am See geboren. Seine Mutter war Nazi-Blockwart, der Vater Kreisgeschäftsführer der NSDAP im österreichischen Bischofshofen, "nur ein Ehrenamt", soll er später behauptet haben: "Mein Vater war also ein Heuchler, aber das kann ich ihm nicht zum Vorwurf machen, denn das bin ich in vielen Situationen selber", so Feuerstein in seinen Erinnerungen. Er sei "vaterlos" geblieben: "Für mich existierte er nicht." Die Mutter wiederum sei "von keinerlei Gefühl" besetzt gewesen.

    "Giftzwerg der Musikkritik"

    Feuerstein studierte zunächst am Salzburger Mozarteum Klavier, Cembalo und Komposition. Schon damals wusste er die Leute gegen sich aufzubringen: Nachdem er ein Werk des Präsidenten der Salzburger Festspiele verrissen hatte, musste er die Hochschule verlassen. Ein Kapitel in seinen Lebenserinnerungen heißt denn auch vielsagend: "Kaffeehausliterat in Wien und Giftzwerg der Musikkritik". 1960 ging er mit seiner ersten Ehefrau, der Hawaiianerin Pearl Higa, nach New York, wo er als Journalist tätig war, u.a. bei der deutschsprachigen "New Yorker Staatszeitung".

    © Gerhard Schnatmeyer/Picture Alliance

    Schmidteinander: Große TV-Zeit von Feuerstein

    Für das Satireblatt "Pardon" berichtete er zunächst aus den USA, ab 1969 übernahm er als Leiter den Bärmeier & Nikel-Verlag, wo "Pardon" erschien. Sein Kommentar dazu: "Drei Jahre Buchverlagsleiter in Frankfurt - zählt wie dreißig Jahre Buchhalter". Von 1971 bis 1991 leitete Feuerstein das konkurrierende Satireblatt "MAD". Über seine dortige Arbeit sagte Feuerstein der "Welt" in einem Interview: "Diese Art von Humor entstammt der Gewissheit, dass man ein Nichts ist in diesem Universum. Dass ich keine Chance habe, in dieser Milliarden von Jahren alten Welt auch nur den geringsten Eindruck zu hinterlassen."

    "Fernsehen und Trallala"

    Anfang der achtziger Jahre startete seine TV-Karriere. Zunächst war er als Gag-Schreiber für die WDR-Jugendsendungen "Die Michael-Braun-Show " und "Wild am Sonntag" beschäftigt. Als er an der Seite von Harald Schmidt im Rateteam der WDR-Spielshow "Pssst ... " und der 1990 begonnenen WDR-Sendung "Schmidteinander" durchstartet, ist er schon über fünfzig. Es entstanden insgesamt neun Reise-Filme, aus Schanghai und Tokio, selbst aus dem abgelegenen Bhutan. Liebster privater Aufenthaltsort blieb jedoch die kanarische Insel Fuerteventura.

    Nach dem Ende von "Schmidteinander" war Feuerstein als "Frosch" in der Operette die "Die Fledermaus" an der Kölner Oper zu erleben, als Synchronsprecher gefragt ("Die Unglaublichen") und als Rate-Show-Gast präsent. In "Wickie und die starken Männer" (2009) war er als "Tulpe" besetzt. Die Überschrift seiner Memoiren zu diesem Lebensabschnitt: "Radio, Fernsehen, Trallala sowie Theater und Oper für die restlichen fünf Prozent".

    © Geisler-Fotopress/Picture Alliance

    In der Küche: Feuerstein

    Als er 2014 seine Autobiografie "Die neun Leben des Herrn F." (Ullstein-Verlag) vorlegt, erzählt er darin von seinen Begegnungen mit so prominenten Zeitgenossen wie Alice Schwarzer, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek: "Sie bot mir ihre allerersten Manuskripte an, die für unseren Verlag viel zu progressiv waren, weshalb ich ihr riet, es lieber bei einem literarischen Verlag wie Rowohlt zu versuchen. Hat sie erfolgreich getan – weshalb ich behaupte, dass ich damit den Grundstein für ihren späteren Nobelpreis legte", sagte Feuerstein seinerzeit der schweizerischen "Tageswoche".

    "Konnte ständige Nähe nicht ertragen"

    Mit Feuerstein starb ein belesener, gebildeter, rücksichtsvoller, international erfahrener Humorist und feinsinniger Beobachter der Zeitläufte, der sich letztlich wenig scherte, ob seine Art Humor nun mehrheitsfähig war oder nicht. Harald Schmidt wünschte ihm zum 80. Geburtstag übrigens "ewiges Leben", was den bekennenden Atheisten Feuerstein hart traf, aber Schmidt ergänzte: "Strafe muss sein".

    Auf seinem Grabstein wollte Feuerstein die Worte lesen "Er konnte ständige Nähe nicht ertragen". Sein Rat an die Nachgeborenen: "Die Vergangenheit erzählt sich fast von selbst. Aber man darf seinem Gedächtnis natürlich nicht trauen. Sich erinnern heißt, sich zu erfinden."

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