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Das neue Buch von Papst Franziskus

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    Neues Papst-Buch: Franziskus in der Midlife-Crisis

    Wer wissen will, wie Papst Franziskus persönlich "tickt", der wird in seinem neuen Buch "Wage zu träumen" fündig. Darin geht es um die "Krise" und persönliche Krisen. Entstanden ist es aus Gesprächen mit dem britischen Journalisten Austen Ivereigh.

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    Von
    • Tilmann Kleinjung

    Ein mürrischer, unzufriedener Mann: Diese Seite von Jorge Mario Bergoglio kennt die Welt noch nicht. Franziskus erzählt von den Krisen in seinem Leben: Von den Monaten in Frankfurt 1986, der Einsamkeit fern der Heimat. 1986 wird Argentinien Fußball-Weltmeister und niemand feiert mit ihm. Dann schickt der Jesuitenorden den Mitte 50-Jährigen von 1990 bis 1992 in die argentinische Provinz, nach Córdoba. Eine Strafversetzung.

    "Ich habe bestimmt einige gute Dinge getan, aber ich konnte damals sehr harsch sein. In Córdoba bekam ich die Quittung dafür, und das war richtig so." Papst Franziskus

    "Er kann bis heute die genaue Anzahl der Tage aufzählen", sagt Pater Bernd Hagenkord, der das Papst-Buch ins Deutsche übersetzt hat. "Man erlebt einen Jorge Mario Bergoglio, der nicht strahlend und lachend durch die Welt geht, sondern offensichtlich tief frustriert ist und nicht weiß, was er mit sich und anderen anfangen soll."

    Bergoglio in der Midlife-Crisis

    Franziskus erlebt die Zeit in Córdoba Anfang der 1990er Jahre als eine "Läuterung". Hier habe er Geduld gelernt und "Empathie für die Machtlosen", für die Menschen am Rand der Gesellschaft. Genauso könnte die Corona-Pandemie die Welt läutern, so die Grundidee in diesem Buch.

    "Wenn wir aus der Krise weniger egoistisch herauskommen wollen, als wir hineingegangen sind, dann müssen wir uns von dem Leiden anderer anrühren lassen", schreibt der Papst und kritisiert eine "Hyperinflation des Individuellen". "Franziskus kritisiert sehr deutlich diejenigen, die gegen die Corona-Maßnahmen der verschiedenen Regierungen protestieren", sagt Pater Bernd Hagenkord, "das sei eben so ein Individualismus, man denke nur an sich selber, nicht an das Gemeinwohl."

    "Es ist allzu leicht für einige Menschen, eine Idee zu nehmen - in diesem Fall zum Beispiel die persönliche Freiheit - diese in eine Ideologie zu verwandeln und so ein Prisma zu schaffen, durch das sie alles beurteilen. Du findest solche Menschen nie dabei, gegen den Tod von George Floyd zu protestieren oder bei Demonstrationen dagegen, dass es so viele Elendsviertel gibt." Papst Franziskus

    Franziskus sieht die Pandemie nicht als als "Strafe Gottes". Doch eine direkte Antwort, was Katastrophen und Unglücke über Gott aussagen, bleibt er auch in diesem Buch schuldig. "Wage zu träumen", sei schließlich auch kein theologisches Buch, sagt Übersetzer Bernd Hagenkord. Aber: "Gott ist da zu finden, wo 'Barmherzigkeit überfließt', wie er das nennt." Damit seien Momente gemeint, in denen man das "eigene selbstzentrierte Denken durchbricht und wieder etwas Neues entsteht." Auf die Krise heruntergebrochen hieße das: Gott ist dort, wo Menschen sich anderen zuwenden.

    Die Krise der Kirche

    Bei einem so persönlichen Papst-Buch über Krisen darf auch die aktuelle Krise der Kirche nicht fehlen. Zu Beginn des Pontifikats hatten ja viele Katholiken tatsächlich gewagt zu hoffen, dass sich mit diesem Papst etwas ändert. Vor der Amazonas-Synode im vergangenen Jahr ging es um die konkrete Erwartung, dass in Ausnahmefällen Priester heiraten dürfen. Doch im Abschlussdokument der Synode findet sich dazu nichts.

    Die Enttäuschung darüber bekommt der Papst natürlich mit und wundert sich im Buch, dass eine große Veranstaltung "auf eine Frage reduziert" wird. "Ich finde an dieser Stelle die Kritik des Papstes etwas zu eng", sagt Bernd Hagenkord. "Dass sich das auf solche wenigen Fragestellungen kapriziert, ist dem geschuldet, dass das echte Fragen sind und die Kirche nicht wirklich Antworten geliefert hat."

    Auf der einen Seite die Reformer, auf der anderen Seite die Bremser. Franziskus geht auch mit kirchlich-konservativen Gruppierungen ins Gericht, die die Kirche und ihre Lehre am Liebsten konservieren würden. Mehrfach spricht er von der "abgeschotteten Geisteshaltung".

    "Jesus hat die Kirche weder als Zitadelle der Reinheit noch als eine ständige Parade von Helden und Heiligen gegründet. Sie ist etwas viel Dynamischeres: eine Schule der Bekehrung, ein Ort der geistlichen Auseinandersetzung und der Unterscheidung, wo Gnade genauso im Überfluss vorhanden ist wie Sünde und Versuchung." Papst Franziskus

    Kirche als dynamische Bewegung? Franziskus denkt in Prozessen. Er meidet die klare Ansage, was ihm konservative und reformorientierte Katholiken gleichermaßen verübeln. Wer so etwas wie eine Agenda des Papstes in diesem Buch sucht, wird enttäuscht. Wer allerdings wissen will, wie der Papst auch persönlich "tickt", der wird in "Wage zu träumen" fündig.

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