BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Bescheiden wie ein Zen-Meister: Jazz-Album von Johannes Enders | BR24

© BR

Akustischer Jazz trifft auf futuristische Elektronik: Auf dem neuen Doppelalbum beschäftigen sich "Enders Room" mit der Frage, wie die "Flamme der Begeisterung" bewahrt werden kann – und was passiert, wenn sich künstliche Intelligenz auflöst.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Bescheiden wie ein Zen-Meister: Jazz-Album von Johannes Enders

Akustischer Jazz trifft auf futuristische Elektronik: Auf einem neuen Doppelalbum beschäftigen sich "Enders Room" mit der Frage, wie die "Flamme der Begeisterung" bewahrt werden kann – und was passiert, wenn sich künstliche Intelligenz auflöst.

Per Mail sharen

Einer der kreativsten deutschen Jazzmusiker stammt aus der oberbayerischen Provinz, aus Weilheim: Mehr als dreißig Alben hat der Saxofonist Johannes Enders in den letzten drei Jahrzehnten aufgenommen – unter seinem eigenen Namen, mit dem "Tied & Tickled Trio" und mit seinem Elektrojazz-Projekt "Enders Room". Zahlreiche Preise hat er erhalten, unter anderem 2012 den Jazz-Echo als bester Saxophonist (national). Seit 2008 ist Enders außerdem Professor für Jazz-Saxofon an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Sein neuestes Werk ist ein janusköpfiges Doppelalbum mit einem doppelten Titel: "Dear World / Hikikomori".

Vorbild "Steely Dan"

Wenn er ein Album unter dem Namen "Enders Room" veröffentlicht, dann sind die Beats programmiert und die Sound-Ästhetik ist gewollt futuristisch. "Enders Room", das ist nicht nur ein Projektname – nein, das ist auch ein eigenes Studio, in dem der Saxofonist in Ruhe frickeln kann: "Wenn man jetzt ins Studio geht und dort zwei Tage bucht, dann ist man immer so unter Zeitdruck. So ein bisschen ein Vorbild war da 'Steely Dan', die ja immer ganz viele Spuren aufgenommen haben und sich ganz viel Zeit gelassen haben mit Produktionen."

Allerdings hat sich der "Enders Room" im Lauf von zwei Jahrzehnten ziemlich verändert. Was als Soloprojekt mit Gästen angefangen hatte, wurde mehr und mehr zur Band: "Seit zwei oder drei Jahren habe ich so eine Traumbesetzung, die den Klang transportiert, den ich mir so vorstelle, gerade mit dem Vibrafon und dem Klavier zusammen. Und das ist jetzt eigentlich schon die feste Besetzung, ja!"

© Arno Burgi/Picture Alliance

Johannes Enders bekam 2012 den Jazz-Echo als bester Saxophonist (national).

Und das klingt dann – mit dem Norweger Karl Ivar Refseth am Vibrafon und den Schweizern Jean-Paul Brodbeck, Wolfgang Zwiauer und Gregor Hilbe an Klavier, Bass und Schlagzeug – auch mal überhaupt nicht elektronisch. Des Rätsels Lösung: Die aktuelle Veröffentlichung von "Enders Room" ist ein Doppelalbum, radikal zweigeteilt. Eine Scheibe mit elektronischen Beats, eine mit akustischem Jazz.

Was jetzt wie ein Konzept-Album wirkt, war ursprünglich gar nicht so geplant, wie Johannes Enders freimütig erzählt: "Der Verlauf war so, dass ich Anfang letzten Jahres und Ende vorletzten Jahres angefangen habe wie immer vorzuproduzieren. Und dann hatten wir letztes Jahr im Sommer diese Woche in der Unterfahrt in München und da haben wir dann noch zwei Tage im Studio aufgenommen, richtig live und auch über die vorproduzierten Tracks und der Plan war eigentlich, ein Album zu machen. Und beim Mischen und beim Editieren ist mir dann aufgefallen, dass es ästhetisch irgendwie schwer zusammenzubringen ist. Und wir hatten dann so viel Material, dass ich mich entschieden hatte, zwei Alben draus zu machen."

Die Elektronik löst sich auf

Und die ergänzen sich, denn einerseits nimmt die Band auch bei akustischen Stücken Bezug auf Loop-Strukturen der Elektronik, andererseits gewinnt sie den elektronischen Stücken überraschende Variationen ab. Wobei auffällt, dass viele der elektronischen Stücke am Ende ins akustische ausfransen. Für Johannes Enders eine Art musikalischer Zeit-Kommentar: "Eigentlich ist 'Enders Room' immer auch so ein bisschen eine Parabel zu unserer Zeit, wo künstliche Intelligenz der Menschlichkeit gegenübergestellt wird. Und jetzt auch diese Bedenken, dass vielleicht künstliche Intelligenz irgendwann mal die Oberhand gewinnt, weil künstliche Intelligenz keine Fehler macht – in Anführungsstrichen. Und dann fand ich irgendwie die Idee lustig, dass sich dann die Elektronik am Ende auflöst und der Mensch doch gewinnt."

Innere Flamme beschützen

Es fällt auf, das Johannes Enders zwar alle Stücke komponiert hat, aber den Musikern viel Raum lässt, auch den beiden Gast-Trompetern Bastian Stein und Micha Acher von "The Notwist". Sogar sein Saxofon-Ton spiegelt diese Bescheidenheit wieder, ist angenehm unaufgeregt, weit weg vom virtuosen Quietschen und Quäken mancher Kollegen. Die wahre Kunst sei, sich trotz aller Kunstfertigkeit eine gewisse Einfachheit und Naivität zu bewahren, sagt er. So etwas wie die Unschuld des Anfängers: "Es gibt so einen Begriff, der heißt 'beginner’s mind' – eigentlich ist es ein Buch aus dem Zen von Suzuki Roshi, das ist so ein Zen-Meister. Und dieser Anfänger-Geist, den darf man, glaube ich, einfach nicht verlieren, diese innere Flamme der Begeisterung, die muss man einfach beschützen."

Das Doppelalbum "Dear world/Hikikomori" von "Enders Room" (19,99 Euro) ist beim Münchner Jazzlabel enja yellowbird erschienen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!