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Über die Frage, was politische Gleichheit bedeutet | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa

"Politische Gleichheit" heißt das neue Buch von Danielle Allen.

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Über die Frage, was politische Gleichheit bedeutet

Die Presse solle nicht jede noch so krude Äußerung Trumps veröffentlichen, schimpfte Danielle Allen, Professorin für politische Philosophie in Harvard, schon 2016. Die Adorno-Expertin widmet sich in ihrem neuen Buch dem Thema "Politische Gleichheit".

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Danielle Allen ist Professorin für politische Philosophie in Harvard. Zur Beschäftigung mit der Antike kam sie über die Frage, warum das Rechtswesen in Athen ohne Gefängnisse auskam. Eines ihrer wichtigsten Themen ist die Frage nach dem Gleichheitsversprechen der Demokratie vom Altertum bis zur Gegenwart. Allen schreibt differenzierte Theorie, scheut aber auch die politische Debatte nicht. Und das sehr dezidiert: In einer ihrer Kolumnen für die Washington Post bezeichnete sie Donald Trump schon während der Vorwahlen 2016 als "demagogischen Opportunisten", wie Hitler einer war. Die Presse solle nicht jede noch so krude Äußerung Trumps veröffentlichen, so Allen damals – und die Gegner des Populismus sollten sich nicht in die innere Emigration begeben. Eine Position, die nach einer Amtszeit des Präsidenten Trump nicht an Aktualität verloren hat. Im Sommer 2017 war Danielle Allen nach Frankfurt eingeladen, um dort die Adorno-Vorlesungen zu halten. Ihr Thema: Politische Gleichheit. Nun sind ihre Überlegungen als Buch erschienen.

Was bedeutet Gerechtigkeit?

Wann ist ein Gemeinwesen gerecht? Und was heißt das überhaupt: Gerechtigkeit? Das ist seit der Antike eine Kernfrage der politischen Philosophie. Für die Moderne wurde diese Frage häufig über zwei konkurrierende Kategorien beantwortet: Freiheit oder Gleichheit. Das hat auch politische Gründe, so die Philosophin Danielle Allen: "Im Kalten Krieg hat man in den USA die Sowjetunion als das Reich der Gleichheit betrachtet – verstanden als strikt gleiche Verteilung von Gütern – und die USA als Reich der Freiheit. Dieser Gegensatz zwischen Freiheit und Gleichheit wirkte lange fort und hat uns daran gehindert, wirklich über moralische, soziale oder politische Gleichheit nachzudenken – ebenso wie über ökonomische Fragen."

Die einflussreichste Gerechtigkeitstheorie der zurückliegenden Jahrzehnte stammt von John Rawls, der wie Allen in Harvard lehrte. Rawls beantwortete in den 1970er-Jahren die Gretchenfrage des Liberalismus, wie viel Ungleichheit für eine freie Gesellschaft zu rechtfertigen sei, mit dem berühmten "Differenz-Prinzip". Es besagt: Ungleichheit ist dann vertretbar, wenn auch die am schlechtesten Gestellten von ihr bestmöglich profitieren.

Politische Teilhabe im Fokus

Konkret könnte das zum Beispiel bedeuten: Managergehälter dürfen um ein Vielfaches höher sein als Arbeitslöhne, wenn das System, in dem sie verdient werden, auch für die Arbeitnehmer das vorteilhafteste ist. Für Danielle Allen, die sich ausführlich mit Rawls auseinandersetzt, ist das zu wenig. Ihr Fokus liegt nicht auf Verteilungsgerechtigkeit, sondern auf politischer Teilhabe. Kern des Gedankens menschlicher Gleichheit sei ein Begriff von Autonomie als notwendigem Bestandteil von Wohl und Wert. Aber dabei komme es unmittelbar zu einer Komplikation: "Wir alle leben unter einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen Zwängen. […] Die einzige Möglichkeit, vollständig autonom zu sein […], besteht im Grunde darin, diese sozialen Zwänge sowohl in politischer als auch in kultureller Hinsicht mitzugestalten."Etwa bei Wahlen, in der betrieblichen Mitbestimmung oder auch durch eine Migrationspolitik, die Zugewanderten nicht dauerhaft politische Rechte vorenthält. Politische Gleichheit ist für Danielle Allen nicht faktische Gleichheit, im Gegenteil: Die Demokratie hat nur dann eine Zukunft, wenn sie sich als tauglich erweist, sehr diverse Gesellschaften zu organisieren. Und das ohne Dominanz bestimmter Gruppen über andere. Allens Modell dafür ist eine "vernetzte Gesellschaft", die soziale Positionen zugänglich für alle hält und Gruppenidentitäten als grundsätzlich wandelbar versteht.

© Suhrkamp Verlag

Cover des Buchs "Politische Gleichheit" von Danielle Allen

Öffentliche Bildung oder bezahlbarer Wohnraum als Voraussetzung

Und die Frage nach ökonomischer Gerechtigkeit, nach Verteilung und Umverteilung? Die ist für Danielle Allen kein Zweck an sich, sondern als Basis politischer Gleichheit, als Mittel "ökonomischer Ermächtigung" von Interesse. Ihre Theorie will den Kapitalismus nicht abschaffen, könnte mindestens für das US-Publikum aber dennoch wie Sozialismus aussehen. Denn echte Partizipation unabhängig von Einkommen, Hautfarbe oder Herkunft hätte handfeste Voraussetzungen wie öffentliche Bildung, allgemeine Krankenversicherung, arbeitnehmerfreundliches Arbeitsrecht allgemeine Krankenversicherung.

Was Danielle Allen vorlegt, ist kein revolutionärer Entwurf, aber auch keine bequeme Verteidigung des Satus Quo. Ihr Ansatz legt sehr überzeugend eine Lebenslüge des klassischen Liberalismus frei. Denn dessen Behauptung, wenn Freiheit formal garantiert sei, werde letztlich allen geholfen, ist wohl eher ein parteiisches Modell zugunsten der Starken – und zur Rechtfertigung substanzieller Ungleichheit. Die tatsächlichen Bedingungen für Freiheit dagegen genauer zu betrachten, führt für Danielle Allen unweigerlich zur Frage der Gleichheit:

"Gleichheit bedeutet zunächst, dass alle Menschen danach streben, ihre Lebensumstände zu verbessern. Sie ist der Grundstein der Demokratie, Freiheit beruht auf der Anerkennung dieser moralischen Gleichheit und dem Versuch, sie in Institutionen zu verwirklichen."

Kapitalismus muss systematisch mit Ungleichheit kalkulieren

Danielle Allens Buch formuliert ein politisches Ideal. Dass dieses längst nicht realisiert ist, wäre kein guter Einwand dagegen, denn das haben Ideale schließlich so an sich. Allerdings hätte man gerne mehr über die inneren Widersprüche des Ideals selbst gelesen. Darüber, dass der Kapitalismus systematisch mit Ungleichheit kalkulieren muss – und sie tendenziell bis zur Ausbeutung treibt. Oder darüber, ob Demokratien nicht doch zur Dominanz durch die Mehrheit neigen und damit prinzipiell gefährdet sind, sich im populistischen Traum gesellschaftlichen Gleichklangs selbst abzuschaffen. Eine Demokratietheorie der Gerechtigkeit muss darauf antworten.

Danielle Allen, "Politische Gleichheit", Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2017, aus dem Amerikanischen von Christine Pries, 240 Seiten, Suhrkamp.

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