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Neues Album von den Idles: Post Punk, der auf der Stelle tritt | BR24

© Partisan Records

Gruppenbild mit Gitarrenverstärker: Idles mit Sänger Joe Talbot in der Mitte

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    Neues Album von den Idles: Post Punk, der auf der Stelle tritt

    Das britische Post Punk Quintett Idles wird allgemein als eine der spannendsten britischen Bands der Zeit gefeiert. Ebenso ihr neues Album "Ultra Mono" – dabei findet sich darauf lediglich Punkrock, der nichts wagt und der nicht weh tun will.

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    Ja, wo ist sie nur geblieben, die nackte Wut, die unverblümte Power des Punk? Die pure Energie, die Straight-In-Your-Face-Attitüde, die viele Bands Ende der 70er Jahre, zu Beginn der 80er Jahre auszeichnete? Die Idles, ein Quintett aus Bristol, das in Rolling Stones-Besetzung antritt, also Sänger, zwei Gitarristen. Bass und Schlagzeug, haben bisher klar gemacht: Es gibt sie noch, die reine Spielwut, das Über-die-Bühne-weg, Musik, die nur eine Richtung kennt (und zwar voll in die Fresse).

    "Brutalism" hieß das LP-Debut, das vor drei Jahren Fans und Kritik aufhorchen ließ. Es folgte "Joy As an Act of Resistance", der Album-Zweitling, auf der Sänger Joe Talbot über seine pflegebedürftige Mutter singt, um die er sich seit einem Schlaganfall kümmert, sowie seine tot zur Welt gekommene Tochter, die den Namen Agatha hätte tragen sollen.

    Das dritte Album gilt als entscheidend

    Es folgte ein Live-Album, für das die Idles standesgemäß ein Konzert im Pariser Rock-Club Bataclan mitschneiden ließen – aus dem Club, der 2015 von IS-Terroristen attackiert wurde. Bisher haben sie also nichts falsch gemacht, die Jungs aus Bristol. Jetzt steht Album Nummer drei an. Und das dritte Album gilt vielen Pop-Exegeten zufolge als das Entscheidende: Handelt es sich um eine Band mit ausreichenden Qualitäten oder hat man sein Pulver bereits verschossen?

    "Ultra Mono" merkt man an, dass die Fünf auf keinen Fall etwas falsch machen wollten. Also hat man sich erneut den Star-Produzenten Nicolas Launay aus der Indie-Oberliga geholt, der den wüsten, ungeschliffenen Lärm der Rocker opulent inszeniert (wie er das auch schon u.a. bei Nick Cave und Arcade Fire getan hat), außerdem wurden diverse KünstlerInnen als Gäste geladen. David Yow aus der US-Punk-Szene ist mit an Bord, Jehnny Beth von den Savages aus London sowie ein walisischer Fußballer machen mit und Softjazz-Star Jamie Cullum darf gar ein Klavier-Intro beisteuern.

    Nur nichts verkehrt machen

    Trotzdem kracht, scheppert und rumpelt es, dass es eine wahre Freude ist, es rockt und dröhnt gewaltig, bleibt dabei aber immer auf einem bestimmten, vorhersehbaren Level, das nie unterschritten wird. Und so ist "Ultra Mono" gewiss gekonnt produziert, es ist aber auch ein Dokument der Angst. Denn – und da muss man die jungen Musiker verstehen – wie schafft man es von seiner Kunst zu leben? Viele Künstler sind bereit, dafür Erwartungen zu erfüllen, formattauglich zu spielen anstatt ein Wagnis einzugehen und Eigenes zu schaffen. Was hat es schließlich PIL, Johnny Rottens Nachfolgeband und die Postpunk-Formation schlechthin, einst gebracht, sich auf Experimente einzulassen?

    © Partisan Records

    Albumcover des Idles-Albums "Ultra Mono"

    Die metallischen Songs der Idles wummern jedenfalls konstant vor sich hin, Vokalist Talbot tut sein Bestes, um als Idles-Sprachrohr die gleichförmigen Riffs mit politischen Slogans und wütender Sozialkritik aufzuladen (In den Lyrics geht es um den Brexit, um Rassismus, Homophobie und die Weltabgewandtheit der britischen Oberklasse), musikalisch aber tritt die Band auf der Stelle.

    Post Punk für alle? Manifest Inklusive!

    Vielleicht ist die Zeit ungefilterter Wut vorbei – heftige Experimente können schließlich auch fürchterlich in die Hose gehen. So wie zu Punk- und New-Wave-Zeiten traut sich eh' kaum jemand mehr aufzutreten. Joe Talbot jedenfalls, Schmerzensmann der Rockmusik, will offenbar ein guter Mensch sein. So findet sich auf dem Albumcover ein Prosatext mit Manifest-Charakter. Darin wird die Lebensfreude zum Akt des Widerstands erklärt. "Ultra Mono", so weiter, sei ein Motor für derartige Lebensfreude. Alles andere, so ein paar Zeilen weiter, sei (reine) Liebe.

    Alles Friede, Freude, Eierkuchen also? Wo ist die Wut geblieben? Was ist mit ihr? Wir wissen es nicht, erklären die Jungs aus Bristol. Diese Frage lassen sie vorerst unbeantwortet. "Ultra Mono" ist zweifellos ein gutes Rockalbum, künstlerisch aber bleibt es hinter den – zugegeben – hohen Erwartungen zurück.

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