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Wie David Walters Afrika, Europa & Neue Welt verbindet | BR24

© Audio: BR / Bild: David Walters
Bildrechte: David Walters (Zuschnitt: BR24)

Afrikanisch, kreolisch, global: David Walters kennt sich aus und bringt sich ein, auch auf seinem neuen Album "Nocturne". Wer mehr von dem Künstler sehen will: In der ARTE-Mediathek gibt's einen tollen Konzertfilm von ihm.

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Wie David Walters Afrika, Europa & Neue Welt verbindet

Der Musiker David Walters erforscht die Wurzeln seiner Identität: Afrikanische & karibische Klänge, R'n'B aus Amerika. Daraus hat er feinen Global Pop destilliert: Sein Album Nocturne verbindet Songschreiber-Empfindsamkeit mit rhythmischer Eleganz.

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Von
  • Markus Mayer

Das neue Album von David Walters lässt einen selbst in Lockdown-Zeiten durch die Küche tanzen – oder zumindest tänzeln. Eine raffinierte Mischung, die Walters hier zustande bringt, eine musikalische Vitaminspritze, die gute Laune bereitet, ohne ein gewisses Niveau zu unterschreiten. Walters verknüpft Afrika und die neue Welt mit dem alten Europa. Karibische Rhythmen wie Merengue und Zouk kombiniert er mit Klängen von Kora und Cello. Die Kora ist ein Zupfinstrument aus Westafrika, auf dem sich wie auf einer Harfe fließende Tonreihen erzeugen lassen, dazu das Cello mit Ehrfurcht gebietenden Tönen.

Hinzu kommen Gitarren und Percussion. Kein Klavier, keine elektronischen Beats diesmal. Wunderbar eigenwillig, aber höchst stimmig instrumentiert ist diese neue LP von Walters, der sechs Jahre lang als Fernseh-Journalist durch die Welt gereist ist und Musikerinnen und Musiker aller Kontinente porträtiert hat. Walters nutzte ein außerdem Stipendium, um eine umfassende Musik-Dokumentation über Kuba zu drehen. Dabei kam ihm stets seine intime Kenntnis der kreolischen Kultur zugute, mit der er sich auf mehreren Alben auseinandergesetzt hat.

"Federleichte Musik, verträumt und funky"

Unter dem merkwürdigen Titel Sewing Machine Effects hat Walters vor zwei Jahren ein außergewöhnliches Album veröffentlicht, das in New Orleans entstanden ist. Hier traf er Menschen, die sich als Black Indians verstehen, als schwarze Indianer, Nachfahren von Sklaven, die fliehen konnten und sich mit den Indianern zusammentaten. Walters jammte mit den Musikern und Rappern, die eine eigene Form des Karnevals entwickelt haben. Später destillierte er daraus in Marseille, seinem Wohnort, verblüffende Stücke, die Formen des Hiphop mit New-Orleans-Lässigkeit verbinden.

Zurück zu Nocturne, dem jüngstem Opus Magnum dieses klugen Global-Pop-Künstlers, das er mit drei weiteren Musikern aufgenommen hat, sozusagen im Homeoffice. Federleichte Musik, verträumt und funky, leise und nachdenklich, sympathisch in ihrer Zurückgenommenheit. Songschreiber Walters erkundet erneut seine karibischen Wurzeln und träumt sich in Carioca an eine weitere Stätte exil-afrikanischer Kultur wie Rio de Janeiro. Er konstruiert einen missing link – Musik, die eine Leerstelle des kollektiven Bewusstseins füllt.

© Heavenly Sweetness (Montage: BR24)
Bildrechte: Heavenly Sweetness (Montage: BR24)

Und so schaut's aus: Das Album "Nocturne" von David Walters und Kollegen

Die Sklavenhaltergesellschaften der Neuen Welt, die dem katholischen Glauben anhingen, Frankreich, Spanien und Portugal, waren trotz aller Grausamkeit inklusiv: Die Sklaven aus Afrika durften ihre Instrumente und ihre Riten und Gebräuche einbringen in die entstehenden Kulturen, WASP-Amerika dagegen, das protestantische Nordamerika, verhielt sich, was die Sklaven anging, strikt exklusiv.

Sklaven mit eigenen Instrumenten

Den aus Afrika Verschleppten war es strengstens untersagt, eigene Instrumente zu spielen oder nach Belieben zu tanzen. Was zu den unterschiedlichen Musik-Stilen Nord- und Lateinamerikas führte: In den USA mussten Afroamerikaner, wenn sie Musik machen wollten, die Instrumente der Unterdrücker nutzen, in den kreolischen Kulturen konnten sie sie zumindest selbstgebaute Tonerzeuger spielen wie Congas, Cajón und Steel Drum – das breitgefächerte Instrumentarium der karibischen wie lateinamerikanischen Musik.

Von solchen Unterschieden erzählen auf unaufgeregte Weise die Songs dieses polyglotten Musik-Ethnologen, der ein großer Kenner der afrikanischen wie afroamerikanischen Musik-Kosmen ist. Einige Titel von früheren Alben hat Walters für ambulantes Instrumentarium neu arrangiert und unplugged eingespielt, ein Tanzlied mutiert zur imaginären Folklore einer pan-afrikanischen Kultur. Musik jedenfalls, die unwiderstehlich ist und süchtig macht. Das bisher schönste Album dieses Künstlers.

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