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"Kann eine Demokratie die Sicherheit der Bürger gewährleisten?" | BR24

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Der Massenmörder aus Hannover Fritz Haarmann

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"Kann eine Demokratie die Sicherheit der Bürger gewährleisten?"

Die Atmosphäre der frühen 1920er-Jahre hat großes Gewicht in dem True-Crime-Roman, den Dirk Kurbjuweit dem Serienmörder Fritz Haarmann widmet. Im Interview zeigt der Spiegel-Journalist und Autor Parallelen und klare Unterschiede zu heute auf.

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Friedrich Heinrich Karl Haarmann, besser bekannt als Fritz Haarmann galt seinen Zeitgenossen als "Monster“, "Werwolf", "Vampir", "Blutsauger". Das Gericht, das diesen Serienmörder 1924 zum Tod verurteilte, nannte Haarmann eine "pathologische Persönlichkeit, einen Menschen von erheblicher moralischer Minderwertigkeit". Dieser Mann, der mindestens 24 junge Menschen auf bestialische Art und Weise ermordete, hat schon die Phantasie vieler Künstler erregt: Es sind große Filme über diesen Haarmann gedreht worden, das Kammerspiel "Der Totmacher" etwa, es sind Theaterstücke und Lieder über ihn geschrieben worden. In Hannover, dort, wo er lebte und mordete zwischen 1918 und 1924, erinnert heute ein Haarmann-Fries vom Bildhauer Alfred Hrdlicka an ihn. Nun erzählt der Spiegel-Journalist und Autor Dirk Kurbjuweit den Fall Haarmann in Form eines True-Crime-Romans. Knut Cordsen hat mit Dirk Kurbjuweit über seinen Roman "Haarmann" gesprochen.

Knut Cordsen: Es existiert schon jede Menge Literatur über Haarmann, unter anderem auch vom Philosophen und Prozessbeobachter Theodor Lessing, den Sie in Ihrem Roman ja auch auftreten lassen – was war es, das Sie an diesem Fall gereizt hat?

Dirk Kurbjuweit: Ich bin ganz gut bekannt mit dem Produzenten vom "Totmacher", Thomas Schühly. Wir haben viel über diesen Film und über Haarmann geredet, und ich habe mich dann weiterhin damit beschäftigt, eben dieses wunderbare, großartige Buch von Theodor Lessing gelesen, "Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs" von 1925. Und irgendwann dachte ich: Ja, das hat auch mit unserer Zeit heute zu tun. Es steckt auch ein politisches Thema da drin. Es geht für mich auch um die Frage: Kann eine Demokratie die Sicherheit ihrer Bürger gewährleisten? Und das ist ja eine der größten Fragen, die sich der Demokratie bis heute stellen. Und dann war ich irgendwie infiziert, war entflammt für dieses Thema, habe mich stärker damit befasst und dachte: Ja, das ist ein Roman, den ich gerne schreiben würde.

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Der Massenmörder Fritz Haarmann (GÖTZ GEORGE) in DER TOTMACHER

Das Zeitkolorit ist Ihnen sehr wichtig – die Atmosphäre der frühen zwanziger Jahre, der Weimarer Republik, die nicht gefestigt ist, die unter den Reparationszahlungen von Versailles ächzt, weshalb die Polizei auch unter Personalnot leidet, zu wenige Ermittler hat. Wer auch auftritt, ist Gustav Noske. Der war damals Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover. Jener "Blut-Noske", der an der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts beteiligt gewesen war und den Sebastian Haffner mal "einen primitiven Gewaltmenschen" genannt hat, "der seiner ganzen Mentalität nach besser in die NSDAP als in die SPD gepasst hätte". Dieser Sozialdemokrat Noske spielt deshalb bei Ihnen auch als oberster Dienstherr des ermittelnden Kommissars Robert Lahnstein eine Rolle. Das sind ja auch frappierende historische Koinzidenzen, oder?

Ja, als Reichswehrminister war Noske in irgendeiner Weise - man weiß nicht genau, in welcher - für die Morde an Luxemburg und Liebknecht verantwortlich oder mitverantwortlich. Das war ja eine Zeit, in der diese junge, sich entwickelnde Demokratie auch stark bedroht war, gerade von rechts, aber auch von links. Sie war eigentlich schon da in der Zange. Damit will ich die Taten von Noske nicht rechtfertigen. Nur, was er natürlich schon verstanden hat, war: Wir brauchen Freiheit, und wir brauchen Sicherheit. Und dieser ewige Gegensatz, der hat diese junge Demokratie eben fast erdrückt. Noske hat sich für die Sicherheit entschieden, und daran war etwas Richtiges und in seinen Methoden sicherlich auch etwas Falsches. In der heutigen Situation, finde ich, haben wir ja politisch durchaus eine Bedrohung von rechts. Durch den Rechtspopulismus der AfD, aber eben auch terroristisch über die vielen Anschläge, die wir in letzter Zeit erlebt haben: Hanau, den Anschlag auf dem Politiker Walter Lübcke, dann den Anschlag auf die Synagoge in Halle. Immer schwer, das zu vergleichen, aber da sind schon gewisse Parallelen. Auch wir kennen heute diesen Widerspruch, der sich uns stellt: Freiheit gegen Sicherheit.

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Autor und Spiegel-Journalist Dirk Kurbjuweit auf der Frankfurter Buchmesse 2019

Natürlich kommt auch die junge NSDAP vor bei Ihnen, "Hitlers Leute", die Frage "Kann die Demokratie etwa nicht für Sicherheit sorgen?" wird gestellt im Angesicht der Verbrechen an jungen Schülern und Lehrlingen dort in Hannover, die ja ganz lange nicht aufgeklärt werden konnten. "Die Republik kann ja nicht mal unsere Jungs schützen", sagt ein Arbeiter in Ihrem Roman und es heißt bei Ihnen "Das Land war nervös". Es gibt "Republikfeinde, Antisemiten, Rechtsterroristen". Was halten Sie ganz allgemein von historischen Analogien, die zwischen den 1920er-Jahren und den 2020er-Jahren aufgemacht werden?

Ja, das ist natürlich einerseits immer ein bisschen bedenklich, das zu machen. Andererseits ist es auch interessant, das zu tun. Ich habe mich jetzt über den Fall Haarmann gerade politisch, aber auch gesellschaftlich stark mit den 20er-Jahren befasst. Ich würde sagen, man kann es natürlich nicht direkt vergleichen, weil das damals eine junge, sehr wackelige Demokratie war. Heute ist es jedenfalls im Westen, aber zum Teil auch im Osten eine etablierte, reife Demokratie, sie ist einfach gefestigter. Insofern kann man es nicht vergleichen. Gleichwohl gibt es diese Bedrohung von rechts, und ich finde schon, dass man da auch Lehren daraus ziehen kann, dass man gucken kann: Was haben die eigentlich damals gemacht und wie verhalten wir uns heute? Damals gab es auch gerade im Beamtenapparat durch die Kontinuität, auf die sich die SPD eingelassen hat, viele Monarchisten, die da weiter ihr Unwesen getrieben haben und die den Staat nicht wirklich vor der rechten Bedrohung schützen wollten. Und hier würde ich mal vorsichtig auch eine Analogie zur Situation heute ziehen. Der Rechtsterrorismus wurde bei uns auch lange unterschätzt in den Sicherheitsapparaten. Wenn wir an den NSU denken, wie lange die ihr Unwesen treiben konnten, dann an Hans Georg Maaßen als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. Der hat ja nur Islamisten gejagt. Das ist natürlich auch richtig, die deutsche Bevölkerung vor Islamisten zu schützen. Aber auf dem rechten Auge, würde ich sagen, war er blind. Das finde ich eben zulässig, dass wir uns angucken: Was haben die Menschen damals gemacht? Die Politiker? Und wie verhalten sie sich heute? Wir können die Lehren, die wir daraus ziehen, einfach nicht ignorieren.

Um noch einmal in die 1920er-Jahre zurückzugehen: Es tobt seinerzeit in den Köpfen der Nachkrieg, die Folgen des Ersten Weltkriegs sind gravierend, viele kehren traumatisiert aus ihm zurück. Auch Ihr Ermittler. Theodor Lessing, der eingangs erwähnte Autor des Buches "Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs", hielt Haarmann für die Kreatur einer durch "Blutrausch" und "imperiale Raubgier" aus den Fugen geratenen Gesellschaft. War er das?

Also, da habe ich irgendwie eine etwas andere Einschätzung, weil Haarmann ja selbst nicht im Krieg gewesen ist. Er hatte sozusagen das Glück, währenddessen im Gefängnis gewesen zu sein. Deshalb wurde er nicht eingezogen. Also hat er persönlich diese Verrohung, die viele dort erlebt und erlitten haben in den Schützengräben, nicht erlebt, sondern er war quasi in einem geschützten Kunstraum. Insofern ist seine Biografie in der Hinsicht nicht typisch. Andererseits: Als er dann aus dem Gefängnis rauskam, traf er natürlich auf eine verrohte, schwer verunsicherte, traumatisierte Gesellschaft. Und das hat es ihm letzten Endes leichter gemacht, seine Morde über eine so lange Zeit hinweg zu begehen. Das ist auch für uns heute kaum zu verstehen. Wie ging das? Es war natürlich insgesamt eine brutalisierte Gesellschaft. Da waren ganz viele Waffen noch da, weil die Soldaten sie aus dem Krieg mitgebracht hatten und es nicht die ordnende Macht gab, die sie alle einsammeln konnte. Wenn man vier Jahre in den Gräben geschossen hatte und beschossen wurde, dann war Gewalt natürlich eine Option. In diese Gesellschaft tauchte Haarmann ein und fühlte sich aufgrund seiner Veranlagung natürlich auch direkt wohl. Insofern stimmt es wiederum: Er ist auch ein Produkt dieser Gesellschaft.

Dirk Kurbjuweits Roman "Haarmann" ist bei Penguin erschienen.

© Pinguin/ Montage BR

Cover von Dirk Kurbjuweits Roman "Haarmann"

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