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Neuer Roman von "Wuhan Tagebuch"-Autorin: "Weiches Begräbnis" | BR24

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Fang Fangs Roman ergründet die traumatischen Erfahrungen der Bodenreform in China. Hier ein sogenanntes Volkstribunal im Jahr 1953.

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    Neuer Roman von "Wuhan Tagebuch"-Autorin: "Weiches Begräbnis"

    Mit ihrem "Wuhan Tagebuch" zum Corona-Lockdown ist die chinesische Autorin Fang Fang international bekannt geworden. Jetzt erscheint ein Buch von ihr auf Deutsch, das ebenfalls in China erst gefeiert, dann verfemt wurde: "Weiches Begräbnis".

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    Von
    • Ruth Kirchner

    Für ihr "Wuhan Tagebuch" während des Corona-Lockdowns ist die chinesische Autorin Fang Fang international gefeiert worden - in China selbst wurde sie dafür erst gelobt, dann massiv angefeindet. Jetzt ist ein Buch von ihr auf Deutsch erschienen, das in China ebenfalls erst gefeiert, dann verfemt wurde: "Weiches Begräbnis". Fang Fang rührt in dem Roman an einem Gründungsmythos der Volksrepublik, der Landreform ab 1948, als Millionen Chinesen hingerichtet und verscharrt wurden, also ein "weiches Begräbnis" ohne Sarg bekamen.

    Traumatische Erfahrungen der Anfänge der Volksrepublik China

    Eine Frau wird in einem kleinen Dorf halbtot aus einem Fluss gezogen. Ein Militärarzt rettet ihr das Leben, später heiratet sie ihn. An ihr früheres Leben aber kann sich die Frau, die jetzt Ding Zitao genannt wird, nicht erinnern. Jahre später macht sich ihr erwachsener Sohn auf die Spurensuche.

    In "Weiches Begräbnis" erzählt die chinesische Schriftstellerin Fang Fang eine komplexe Geschichte über das Erinnern und Vergessen. Anhand ihrer Hauptfigur Ding Zitao ergründet sie die traumatischen Erfahrungen der Bodenreform in den Anfangsjahren der Volksrepublik – und begeht damit einen Tabubruch. Denn was in der Geschichtsschreibung der Kommunistischen Partei bis heute als gerechte Umverteilung von Grund und Boden verklärt wird, war in Wirklichkeit eine brutale Kampagne, bei der Millionen so genannte "Großgrundbesitzer" und ihre Familien getötet wurden - oft auf sehr grausame Weise.

    Narrativ der Bodenreform

    Michael Kahn-Ackermann lebt seit vielen Jahren im ostchinesischen Nanjing, hat "Weiches Begräbnis" und auch schon Fang Fangs Wuhan-Tagebuch übersetzt. Er sagt: "Das Narrativ der Bodenreform steht fest, und dass sie das durch die Erzählung eines Einzelschicksals und einer Person, mit der man einfach auch mitempfindet, erzählt, ist ein Einbruch in die Gewalt der Erinnerungspolitik."

    Kahn-Ackermann kennt die Autorin gut. Sie selbst gibt kaum Interviews. Denn nicht erst seit ihren Berichten aus ihrer wegen der Corona-Pandemie letztes Jahr monatelang abgeriegelten Heimatstadt Wuhan steht die einst gefeierte Schriftstellerin in der Kritik.

    Erst chinesischer Literaturpreis, dann Anfeindungen

    Als "Weiches Begräbnis" 2016 in China erschien, wurde es zunächst mit einem wichtigen Literaturpreis ausgezeichnet. Doch dann begannen die Anfeindungen, Fang Fang verrate die "Errungenschaften und Erfolge des chinesischen Sozialismus". Die Autorin verortet die Hetze im linksextremen Spektrum der Neo-Maoisten und Nationalisten. In Deutschland würde man wohl eher von Rechtsextremisten sprechen, sagt Kahn Ackermann: "Wer jetzt genau dahinter steht, darüber können wir nur spekulieren, und auch der chinesische Staatsapparat ist nicht so monolithisch, wie wir uns das gerne vorstellen, auch dort gibt es Strömungen. Und ich würde sagen, dass im Moment diese extrem nationalistischen Strömungen sehr stark befördert werden durch das Propagandaministerium."

    Buch verschwand vom Markt

    Die Hetze gegen Fang Fang wurde so intensiv, dass das Buch schließlich vom Markt verschwand, obwohl es nie offiziell auf dem Index stand. Heute kann Fang Fang in China nicht mehr publizieren. Dabei ist sie keine Dissidentin, sondern eine streitbare Humanistin, so Kahn-Ackermann. Literatur, betont sie in einer undatierten Rede, die im chinesischen Internet kursiert, sei für sie schon immer ein Rettungsanker gewesen: "Die Literatur, die ich verstehe, die Romane, die ich mag, kümmern sich um die Herzensangelegenheiten der Menschen. Das ist eine fast sentimentale Sache, das ist der Kern des realistischen Romans. Es geht dabei um die Schwachen."

    Wer schwach ist und wer stark, ist in "Weiches Begräbnis" nicht immer eindeutig zuzuordnen – wie im wirklichen Leben. Fang Fang beschreibt eindrücklich, wie verschüttete Erinnerungen jahrzehntelang nachwirken, wie sie körperliche Beschwerden und schließlich in Ding Zitao eine Schockstarre auslösen, aus der sie nicht mehr erwacht.

    Die Autorin spart das Grauen der Bodenreform nicht aus, lässt aber alle zu Wort kommen, die Opfer und die Täter. Michael Kahn-Ackermann: "Sie verurteilt weder die Bauern, die entsprechend aufgehetzt, über die so genannten Großgrundbesitzer hergefallen sind und sie gelyncht haben, sie fällt auch kein Urteil über den höherrangigen Offizier, der eine wichtige Rolle spielt in diesem Roman, der das verteidigt; sie fällt auch kein Urteil über den Sohn, der vergessen möchte, aber sie erzählt die Geschichte dann doch gnadenlos."

    Vom individuellen und kollektiven Erinnern und Vergessen

    Die Angst vor einem "Weichen Begräbnis", also davor, ohne Sarg in der Erde verscharrt zu werden, zieht sich als Leitmotiv durch den Roman. Das Vergessen wird dabei zu einem "weichen Begräbnis durch die Zeit". Das ist nicht nur als Warnung gemeint, sondern auch als Trost. Nicht jeder kann und muss sich der hässlichen Fratze der Erinnerung stellen, trotzdem aber muss Geschichte erzählt werden. Somit ist Fang Fangs Buch ein zutiefst menschlicher, sehr chinesischer Roman, den Kahn-Ackermann mit kurzen Fußnoten ergänzt hat, wo für deutsche Leser erklärende Einordnungen notwendig sind. Ein spannendes und berührendes Buch, das mit seinen Gedanken zum individuellen und kollektiven Erinnern und Vergessen nicht nur für China hochaktuell ist.

    "Weiches Begräbnis" von Fang Fang. Übersetzt von Michael Kahn-Ackermann. 448 Seiten. Hoffman und Campe Verlag. 26 Euro.

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    Bildrechte: Hoffmann und Campe

    Cover des Romans "Weiches Begräbnis" von Fang Fang.

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