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Plädoyer für Würde: Kirill Medwedews "Antifaschismus für alle" | BR24

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Kirill Medwedew gilt in Russland als "talentiertester Dichter" seiner Generation. Jetzt gibt es ein neues Buch von ihm: "Antifaschismus für alle".

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Plädoyer für Würde: Kirill Medwedews "Antifaschismus für alle"

Er gründete in Moskau einen marxistischen Verlag, singt Klassiker der Arbeiter- und Protestbewegung und schreibt Lyrik: Medwedew gilt in Russland als "talentiertester Dichter" seiner Generation. Ein Denken und Sprechen, das sich selbst beobachtet.

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"Du überträgst auf mich / die Grundlagen dieser Gesellschaft / die an nichts anderes glaubt als an Hierarchie, / Ungleichheit und / Management", heißt es in einem Gedicht von Kirill Medwedew. Ein komplizierter Vorwurf des russischen Dichters. Der Sound: klar und deutlich, schnörkellos. Schon lange, schreibt der Dichter von sich, möge er keine Metaphern mehr. Kirill Medwedew belässt nichts im Ungefähren, es geht ihm darum, Position zu beziehen, Flagge zu zeigen: "Mich interessiert lediglich die Position des Künstlers, der einen 'Kampf für die Kunst' führt", schreibt er in seinem Essay "Kommuniqué" und präzisiert: "Allerdings ist das in unserer Zeit zuallererst ein Kampf um eine Position überhaupt."

Recht auf Liebe und Würde

Kirill Medwedew ist Marxist, Aktivist, Gründer des "Freien marxistischen Verlags" in Moskau, Mitglied der radikallinken "Russischen Sozialistischen Bewegung" RSD, Musiker der Gruppe Arkadi Koz, die Klassiker der Arbeiter- und Protestbewegungen adaptiert, Essayist, Autor bei dem linken New Yorker Kulturmagazin n+1 und Dichter. Sein erster auf Deutsch erschienener Gedicht– und Essayband hat den Titel "Antifaschismus für alle". Er bezieht sich auf ein gleichnamiges, 2015 veröffentlichtes Plädoyer für eine "menschliche Perspektive" ohne Rassismus und Abwertung Anderer: "Was es gibt, das sind Menschen, die konkrete Dinge brauchen – das Recht auf Frieden und Arbeit, Liebe und persönliche Würde. Das ist ein Antifaschismus für alle."

© Matthes & Seitz Berlin

Buchcover Kirill Medwedew "Antifaschismus für alle"

Eine nie nachlassende Ernsthaftigkeit durchzieht das gut dreihundert Seiten starke Buch. Der Kampf des 1975 in Moskau geborenen Dichters gilt, wie er schreibt, "den ideologischen Machenschaften der kulturellen, finanziellen und politischen Machthaber." Es sind Gedichte des Widerstands: Tagebuchartige Notate von Protestaktionen, etwa im Wald von Chimki bei Moskau, in dem Grundstücke illegal vermarktet wurden und der gerodet werden sollte. Alltagsbeobachtungen, Russland-Diagnosen: "Meine Heimat ist krank". Momentaufnahmen, Familienschicksale: "Ich bin ein schlapper, nichtrevolutionärer Angehöriger / der Intelligenzija, weil Stalin / meinen Großvater, den Revolutionär, 1938 erschoss."

Das Prozesshafte in Gedichtform

Kleine Offenbarungen, Kommentare, Träume. Und immer wieder herein geholte Stimmen und Lektüren:

"Die Frau eines Aktivisten, der unter nicht geklärten Umständen / ums Leben kam / es war wohl ein Unglücksfall, / sagt mir, dass es sie schüttelt, wegen all dessen, was geschieht, / wie sie uns zum Beispiel auspressen und einbuchten. Du kennst ja die Geschichte mit U., sagt sie. Ein Arbeiter-Aktivist, sie haben ihm Drogen untergeschoben / Fünf Jahre Gefängnis. (…) Ja, kenne ich, natürlich, sage ich. / Aber was soll man denn machen, welche Aktion könnte man anzetteln, / damit alle davon erfahren? Und was soll man überhaupt tun? / Ich sage, dass ich zwei Varianten sehe – entweder den / geduldigen Aufbau / von Gewerkschaften und wenn nicht das, dann muss man mit / aller Härte zuschlagen."

Mehrstimmigkeit und O-Ton-Protokolle deuten auf ein Denken und Sprechen, das sich selbst beobachtet. Kirill Medwedew setzt in seinen Gedichten das Prozesshafte um, das Trotzki mit der Permanenten Revolution gefordert hatte. Dichtung, schreibt er in einem Essay, verstehe er als "maximal intensiven Ausdruck authentischer Sichtweisen mit den Mitteln der Sprache". Für diesen Sound der Authentizität wird er gefeiert. Kirill Medwedew gilt in Russland als "talentiertester Dichter seiner Generation". Er schreibt über seine Zeitgenossen, ihre Erfahrungen im Zusammenstoß mit Korruption, staatlicher Gewalt, alles durchdringender Ironie, gierigem Profitdenken und schulterzuckendem Hedonismus.

Dann stürzen die Mauern ein

Dagegen hält er: Bewegung, Aufbruch, schwingenden Rhythmus in der Sprache, marxistische Erdung voller revolutionärem Elan. Der Funke springt über. Zu entdecken ist ein politischer Sound, der nicht agitiert, sondern viel Spielraum lässt und Spektren der Neuformierung eröffnet. Der Dichter will nicht das Herz der Sowjetunion zum Schlagen bringen, sondern das einer linken Demokratie. Sein Song "Steny ruchnjut" ("Mauern stürzen ein"), den er mit seiner Gruppe Arkadi Koz singt, ist im autoritären Russland längst eine Hymne der Freiheit. Es ist die russische Version des katalanischen Freiheitsliedes "L‘estaca" gegen Franco: "Wenn Du mit der Schulter drückst und wenn wir zu zweit drücken, dann stürzen die Mauern ein und wir werden frei atmen."

"Antifaschismus für alle: Manifest, Essays und Gedichte" von Kirill Medwedew ins Deutsche übersetzt von Matthias Meindl und Georg Witte ist bei Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen.

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