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Im neuen Film "Pelikanblut" von Katrin Gebbes spielt Nina Hoss eine Frau, die ein Mädchen adoptiert und alles tut um sie zu retten.

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Zwischen Albtraum und Heimatwestern: Nina Hoss in "Pelikanblut"

Wiebke, gespielt von der famosen Nina Hoss, ist eine Pferdeflüsterin irgendwo in Deutschland. Als sie ein kleines Mädchen aus Bulgarien adoptiert, beginnt in "Pelikanblut" zunächst eine albtraumhafte Elternschaft.

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Von
  • Moritz Holfelder

Nina Hoss spielt in "Pelikanblut" eine alleinstehende Frau, die einen Pferdehof betreibt, irgendwo auf dem Land. Sie ist Spezialistin für das Training von Polizeipferden. Die werden samt Reitern und Reiterinnen auf komplizierte Einsätze vorbereitet, etwa bei Demonstrationen. Wiebke, so ihr Name, versucht, die Pferde an Feuer, Knallkörper und Lärm zu gewöhnen. Mit ihr lebt ihre aus Bulgarien adoptierte, neunjährige Tochter Nikolina. Die energische Mutter will ein zweites Kind annehmen, wieder aus Bulgarien. Sie hat sich bereits für die fünfjährige Raya entschieden.

Die Tochter verbreitet Angst und Schrecken

Bei den Filmfestspielen in Venedig war das Interesse an "Pelikanblut" groß. Auch, weil Regisseurin Katrin Gebbes in ihrem Film Themen wie Selbstaufopferung, Mutterschaft und Weiblichkeit ungewöhnlich und ambivalent umsetzt. Nachdem die kleine Raya auf dem Pferdehof eingezogen ist, kommt es zu Problemen. Das Kind beißt, ist renitent, verweigert sich, malt horrorhafte Bilder an die Wände, verbreitet Angst. Ein Psychologe wird hinzugezogen. Er vermutet eine traumatische Entwicklungsstörung.

Gebbe inszeniert eine Albtraumvision von Elternschaft. Ein klassisches Sozialdrama hatte die Regisseurin nicht im Sinn. Keine Hintergründe. Die Figur der Wiebke bleibt, was ihr Vorleben angeht, geheimnisvoll. Mit Absicht, meint Regisseurin Katrin Gebbe: "Es ist viel schöner, wenn eine Figur ein Geheimnis hat. Und wenn eine wie Nina Hoss die Wiebke spielt, ist es sowieso noch viel faszinierender. Man kann schon viel von ihr erkennen. Aber warum das jetzt alles so ist, das erzählen wir nicht." Katrin Gebbe interessiert sich immer schon für Außenseiter und Unverstandene: "Diese Figuren, die eben Einzelgänger sind, die Figuren, die die Welt anders betrachten, die sich anders verhalten, finde ich erstmal interessant, auch als Mensch und persönlich als Katrin."

Was ist Liebe, was ist das Böse?

Katrin Gebbe mixt Genres. Sie nähert sich sogar dem Horrorfilm, etwa William Friedkins Klassiker „Der Exorzist“. Dabei geht es ihr weniger um leibhaftige Dämonen. Stattdessen um reale Kreaturen in existentiell extremen Situationen. Der Film nimmt Tempo auf, kontrastiert das Drama von Wiebke, Nikolina und Raya mit Naturaufnahmen, die zunehmend unheimlich wirken. Schließlich wendet sich die Adoptivmutter als willensstarke Einzelgängerin von der Schulmedizin ab und sucht für das böse Kind eine Schamanin auf, die mit schwarzer Magie und Austreibung operiert. Ein filmischer Drahtseilakt.

Das Ende könnte man als anti-aufklärerisch bezeichnen. Was möchte Katrin Gebbe damit ausdrücken? "Also, es ist überhaupt nicht mein Ansatz, zu sagen, Therapie hilft nicht, wir müssen jetzt alle eine Art von Magie betreiben. Aber wenn man zum Beispiel eine Krebsdiagnose bekommt, wer geht denn nicht auch einen anderen Weg, wenn es hart auf hart kommt. Es ist ja auch ein mythologisch großes Thema: Was ist die Mutter? Was ist überhaupt Liebe? Was ist überhaupt das Böse? Und ich finde, man kann das nicht herunterbrechen auf die Kleinheit eines Sozialdramas, weil diese Geschichte ja für eine viel größere Thematik oder Frage steht. Für mich jedenfalls."

Verstörendes Opfer einer Mutter

Nina Hoss spielt beeindruckend in "Pelikanblut". Ihr Film, sagt Katrin Gebbe, entstehe im Auge jedes Betrachters neu. Gebbe zeigt formal wie inhaltlich einen mitunter irritierenden Opferweg. Der Titel bezieht sich auf den Pelikan der christlichen Ikonographie, der dort teilweise mit Jesus gleichgesetzt wird. Der Vogel öffnet mit dem Schnabel seine Brust, nährt und rettet durch das heraustropfende Blut seinen Nachwuchs.

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