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Daher müssen wir den breiten Antisemitismus dringend angehen | BR24

© dpa picture-alliance/ Daniel Bockwoldt

Kind mit Kippa

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Daher müssen wir den breiten Antisemitismus dringend angehen

Die antisemitischen Übergriffe im Netz, auf dem Schulhof und auf Deutschlands Straßen haben enorm zugenommen. Doch der Antisemitismus wird von nichtjüdischen Deutschen nach wie vor verharmlost und verdrängt. Das ist gefährlich und muss aufhören.

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"Dass heute Menschen in Deutschland angepöbelt, bedroht und angegriffen werden, wenn sie sich irgendwie als Juden zu erkennen geben oder auch für den Staat Israel Partei ergreifen, das ist ein ungeheurer Skandal." Dieser Aufschrei von Angela Merkel stammt aus dem Jahr 2014, nicht aus diesem – aber auch 2018 gab es ungeheure antisemitische Skandale – viele sogar: "Jude" ist auf deutschen Schulhöfen zum Schimpfwort geworden, und die Zahl der verbalen und körperlichen Übergriffe auf jüdische Schüler in öffentlichen Schulen ist so gestiegen, dass ihre Eltern, die bislang schwiegen aus Angst, dass ihre Kinder sonst noch heftigeren Aggressionen ausgesetzt sind, Alarm schlagen und ihre Kinder aus den öffentlichen Schulen nehmen. Kippa-Träger wurden am helllichten Tag in Bonn und Berlin gewalttätig attackiert: von Muslimen. Und in Bonn dann noch von vier – Täter und Opfer angeblich verwechselnden - Polizisten zu Boden gebracht und blutig geschlagen.

Der ganz alltägliche Antisemitismus in Deutschland

Der ritualisierte Aufschrei unserer Politiker, die beschwören, dass wir in Deutschland keinen Antisemitismus dulden dürften, ist noch der alte, aber die Antisemitismus-Debatte ist eine andere. Neu ist: Dass jetzt immer mehr jüdische Deutsche, die bislang mit aller Macht versuchten, dem Opferstatus mit seinen Shoa- und Antisemitismus-Diskursen zu entkommen, um hier "normal" zu leben, die Stimme erheben und über ihre Erfahrungen mit dem alltäglichen Antisemitismus reden.

"Ich habe mich lange Zeit geweigert, über Antisemitismus zu sprechen", sagte Lena Gorelik am 11. Oktober im Kulturjournal, "aber ich finde, dass man in Zeiten wie diesen – und zwar egal ob man Jüdin ist oder nicht – nicht genug über Antisemitismus, Rassismus und all diese rückwärtigen Bewegungen sprechen kann."

© BR Bild/ Julia Müller

Die Schriftstellerin Lena Gorelik

Der jüdische Comedian Oliver Polak hat ein schmales Bändchen "Gegen Judenhass" geschrieben, in dem er, ohne Namen zu nennen, von seinen teils krassen Erfahrungen mit dem Antisemitismus jeglicher Couleur – von seiner Kindheit im Emsland bis heute als Comedian – erzählt. Diesem subjektiven Teil gehen betont einfache Fragen an seine Leser*innen voran: "Was weißt Du über Juden? Kennst Du einen Juden?" Typische Stereotype nimmt er auseinander, erklärt und bewertet sie. Wer diesen – nennen wir ihn mal "Antisemitismus-Test light" – macht und sich auf die Fragen einlässt, entwickelt ein Gespür dafür, wo Judenhass anfängt.

Wie die Öffentlichkeit den allgemeinen Antisemitismus verdrängt

Doch Polaks Strategie, seine Leser*innen dazu zu bringen, innezuhalten und die eigenen antijüdischen Ressentiments zu hinterfragen – wozu auch gehört, dass keiner namentlich angeklagt und die mediale Empörungswelle gar nicht erst losgetreten wird – diese Strategie ging nicht auf. Stefan Niggemeier behandelte Polaks schmales Bändchen im Freitag (25.10.2018) wie einen Schlüsselroman und fand heraus: Der Moderator, der nach einem Auftritt von Polak Desinfektionsmittel versprühte – und damit an Nazis erinnerte, die Juden als "Ungeziefer" titulierten, um sie zu entmenschlichen und schließlich auszumerzen – war kein geringerer als Jan Böhmermann. Das von Polak aufgeworfene Problem des gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus war damit wieder verdrängt: Es wurde kanalisiert und fragmentiert zu Debatten über die Frage, wie es um den Antisemitismus einzelner Promis steht – neben Böhmermann konnten mühelos auch die Rapper Kollegah, Haftbefehl und Bushido identifiziert werden – und ob das nicht vielleicht sowieso alles zur Freiheit der Kunst der Rapper und Comedians gehöre.

Das typisch deutsche "Gedächtnistheater"

Dieser Vorgang – den allgemeinen Antisemitismus zu verdrängen, indem man Einzelne anklagt, die sich dann laut dagegen verteidigen – ist ein vorzügliches Beispiel für den spezifisch deutschen Umgang mit Juden. Der Lyriker und Publizist Max Czollek nennt das in seinem im Herbst erschienenen Buch „Desintegriert Euch!“ passend "Gedächtnistheater".

Nach den Vernichtungslagern der Deutschen war es hier zwar völlig verpönt, sich offen zum Antisemitismus zu bekennen, aber die alten antisemitischen Ressentiments trieben im Verborgenen weiter ihr Unwesen: Horkheimer und Adorno sprachen nach 1945 schon treffend vom "Antisemitismus ohne Antisemiten". Jetzt aber, im Zuge des neuerlichen Rechtsrucks unserer Gesellschaft und des populären Habitus' eines "Das-wird-man ja-wohl-noch-sagen-dürfen", treten diese alten antijüdischen Ressentiments wieder offen zutage. Und schlimmer noch: Sie werden von vielen akzeptiert, sind salonfähig.

© BR

Mit dem polemischen Buchtitel "Desintegriert Euch!" hat der Politologe und Lyriker Max Czollek die Debatte über die deutsche Migrationspolitik befeuert. Er verlangt das konsequente Abrücken von der "Leitkultur" und stattdessen offensive Pluralität.

Auf diesen breiten, oft verharmlosten Antisemitismus machen Polak, Gorelik, Czollek und andere jetzt verstärkt aufmerksam, weil sie wissen, wie leicht er gefährlich in eliminatorischen Antisemitismus umkippen kann. "Es ist (auch historisch) falsch, Antisemitismus auf den Nationalsozialismus zu beschränken“, schreibt Max Czollek in "Desintegriert Euch!" "Antisemitismus hat nur in den seltensten Fällen die völlige Vernichtung bedeutet. Oder auch bloß ein mickriges Pogrom. Antisemitismus ist Teil der Normalität christlicher Gesellschaften gewesen. Den Extremfall zur Grundlage der Definition zu machen, ist, als wollte man behaupten, es liege erst dann Sexismus vor, wenn eine Frau vergewaltigt wird. Oder Rassismus, wenn Menschen als Sklaven verkauft werden. Ein Extremfall ist kein Maßstab für eine Diskriminierung, sondern ein Beispiel dafür, wie schlimm die Dinge werden können."

Antisemitismus 2:0

Die "Diskussionskultur" im Internet macht jetzt schon deutlich, wie fließend der Übergang vom ganz normalen Antisemitismus zum Extrem ist, wie sehr sich der Antisemitismus radikalisiert und intensiviert hat – und zwar gesamtgesellschaftlich. Ausfälle wie "Israel ist der Teufel der Neuzeit", die Rede vom "entarteten Volk" oder das alte antisemitische Vorurteil, "Juden … töten Frauen und Kinder" gehören im Netz zur Tagesordnung. Der Blogger Christian Brandes alias Schlecky Silberstein wurde im September samt seiner Produktionsfirma wegen seines Satire-Videos "Volksfest in Sachsen" über die rechtsradikalen Proteste in Chemnitz massiv bedroht: Auf Facebook und YouTube publizierte die AfD ein Video mit der Adresse der Produzenten, Follower versahen das mit übelsten antisemitischen Hasskommentaren. Wie Schlecky Silberstein auf seinem Blog dokumentiert, rief einer dieser Kommentare zum Mord an Juden auf.

Die im Sommer erschienene Langzeit-Studie "Antisemitismus 2.0" der TU Berlin stellt ein dramatisches Anwachsen und zugleich eine semantische Radikalisierung antisemitischer Äußerungen in den vergangenen zehn Jahren fest – und zwar sowohl in den Kommentarspalten der Mainstream-Medien – Spiegel Online, taz.de, fokus.de, faz.net – als auch bei Facebook und YouTube.

Ein niederschmetterndes Fazit der Studie lautet: "Diese Entwicklungen in der virtuellen Welt korrelieren in der realen Welt mit judenfeindlichen Übergriffen, Beleidigungen, Drohungen und Attacken." Das allerdings ist nicht nur ein deutsches Problem, sondern ein gesamteuropäisches, wie gerade eine umfangreiche Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zeigt. Danach denkt ein Drittel der in Europa lebenden Juden darüber nach, ihr Land wegen des dort wachsenden Antisemitismus zu verlassen.

Höchste Zeit also, zu tun, was Oliver Polak am Ende seines Buches empfiehlt: Endlich überall, wo er sich zeigt – in der Kneipe, auf dem Spielplatz, in der Arbeit oder dem Handballverein – schon den kleinsten Anflug von Antisemitismus zu thematisieren. Das hat mit Political Correctness nichts zu tun. Sondern schlicht mit Haltung zeigen!

© Bayern 2

Judith Heitkamp im Gespräch mit Oliver Polak

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