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1200 Seiten Andy Warhol – Wird uns der Künstler dadurch verständlicher?

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Neue Warhol-Biografie: Der Mann, der sich zum Kunstwerk formte

Mit seinen Siebdrucken von Suppendosen, Bananen oder Stars wie Marilyn Monroe hat Andy Warhol die Pop Art geprägt wie sonst niemand. Die Biografie "Ein Leben als Kunst" taucht nun noch einmal tief in das Leben dieser rätselhaften Kunstfigur ein.

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Von
  • Julian Ignatowitsch

Das erste Mal starb Andy Warhol am 3. Juni 1968 um 16.51 Uhr. Nach einem Schuss-Attentat war er schwerverletzt in die Notaufnahme des Columbus-Krankenhauses in New York eingeliefert worden. Der behandelnde Arzt wusste nichts von der Berühmtheit seines Patienten, im Gegenteil: Er hielt ihn für einen Obdachlosen. Da der Chirurg auch in den Problemvierteln der Bronx behandelte, war er ein Experte für Schussverletzungen und flickte Warhol, der bereits für klinisch tot gehalten wurde, wieder zusammen und holte ihn zurück ins Leben.

300 Interviews, Zehntausende Dokumente

Die Andy Warhol-Biografie von Blake Gopnik beginnt wie ein Krimi. Klar ist: Der Autor kann fesselnd schreiben, er kann unterhalten und er hat umfassend recherchiert für seine gut 1.200 Seiten über den vielleicht populärsten Künstler des 20. Jahrhunderts, den Pop-Art-Künstler Andy Warhol. Er habe sieben Jahre an der Biografie gearbeitet, fast 300 Menschen dafür interviewt und zehntausende Dokumente gelesen, um dieses Monster-Projekt zu verwirklichen, erzählt Gopnik.

"Ein Leben als Kunst" heißt sein Buch im Untertitel. Und so wird es durch die 50 Kapitel des Buches auch deutlich: Warhol löste nicht nur irgendwann die Trennung zwischen Kunst und Leben auf, nein, er machte sein Leben zur Kunst, sich selbst zum Gesamt-Kunstwerk. Und ging dabei anders vor als der Vater der Moderne, Marcel Duchamp mit seinem Urinal im Museum: "Warhol erklärte seine Persönlichkeit nicht per Erlass zu einem Kunstwerk – er versuchte tatsächlich, eines daraus zu formen" so der Kunstkritiker Gopnik. "Seine Persönlichkeit sollte auf traditionell modernistische Weise faszinierend, merkwürdig und wie keine andere sonst sein."

Schlechte Quelle: Warhol kann über Warhol wenig sagen

Wer also war dieses Kunstwerk? Biograf Gopnik zeigt auf, dass sich diese Frage nur in Gegensätzen und Widersprüchlichkeiten beantworten lässt: "Andy Warhol ist sehr schwierig zu porträtieren. Normalerweise nimmt man als Biograf ja an, dass der Porträtierte selbst die beste Quelle ist, das heißt, wenn derjenige sagt, ich habe an einem Tag dies und das gemacht, dann war es so. Bei Andy Warhol ist eigentlich das Gegenteil der Fall. Wenn er sagt, so war es, sind die Chancen hoch, dass es genau nicht so war. Und so ist das auch mit vielen seiner Weggefährten, sie sind alle sehr unzuverlässige Zeitzeugen."

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Blake Gopnik, Kunstkritiker und nun auch Warhol-Biograf

Angefangen bei der Kindheit in Pittsburgh: Der junge Andy wird als schüchtern und introvertiert, aber auch als egozentrisch und selbstbewusst charakterisiert. Im Laufe seines Lebens kommen Attribute wie geizig, sadistisch, charmant oder extrem liebenswürdig dazu. Natürlich sticht seine Begabung hervor. Dass die berühmten Campbell-Dosen, wie er später behauptete, in seiner Kindheit täglich auf dem Essenstisch standen, ist dagegen sehr unwahrscheinlich, zu sehr waren sie ein teures Markenprodukt.

Studium war wichtiger als Kunstunterricht der Mutter

Das Buch zeigt, dass das Studium am avantgardistischen Carnegie Tech in Pittsburgh Warhol wesentlich mehr beeinflusst und geschult haben muss als der Jugendunterricht bei seiner kunstinteressierten Mutter, die er selbst als größte Inspiration rühmte. Und auch die zeitgenössische Kunst kannte er aus dem Effeff: Die Abstrakten Expressionisten um Jackson Pollock, von denen er sich abgrenzen wollte, Roy Lichtenstein oder Yves Klein, denen er nacheiferte. Er sollte sie alle übertreffen.

Die Initiationsidee, mit der Warhol im New York der 1950er den Schritt vom erfolgreichen Werbegrafiker zum bildenden Künstler machte, wird jemand ganz anderem zugeschrieben, nämlich der befreundeten Kunsthändlerin Muriel Latow. "Er flehte seine Gäste um Ideen an, und Latow hatte auch eine, rückte aber erst damit heraus, als Warhol ihr einen Scheck über 50 Dollar reichte. 'Du musst etwas finden, das fast jeder kennt', sagte sie. 'Etwas das man jeden Tag sieht und das jeder wiedererkennen würde. Etwas wie eine Suppendose von Campbell.'"

© Cover: C. Bertelsmann / Grafik: BR
Bildrechte: Cover: C. Bertelsmann / Grafik: BR

Andy Warhol: Ein Leben als Kunst, C. Bertelsmann, 1.232 Seiten.

Warhols Beitrag zum Film ist größer als der zur Malerei

Geboren war die Pop Art. Mit Siebdrucken von Marilyn Monroe, "Oxidation Paintings", bei denen Warhol auf die Leinwand urinierte und mit tausenden Minuten von Videomaterial, die er in der Factory aufnahm – und die Biograf Blake Gopnik als seine radikalsten und vielleicht besten Arbeiten bezeichnet: "Schon in seinem College-Notizbuch schreibt Warhol, dass Film das nächste große Medium sein werde. Sein Beitrag zum Film ist wahrscheinlich noch größer als der zur Malerei. Zu seiner Zeit war er sowieso mehr als Underground-Filmemacher bekannt. Ich habe mir die kompletten acht Stunden seiner Einzel-Aufnahme vom Empire State Building angeschaut und kann sagen, dass es phänomenal ist."

Das Buch schafft beides: Es huldigt Warhols Genie mit kunstgeschichtlicher Expertise, lässt ihn gleichzeitig aber auch als Mensch mit Fehlern, Schwächen und riesigen Ambitionen nahbarer erscheinen. Am aufschlussreichsten sind die Ausführungen rund um sein Bekanntwerden in den 1950er und frühen 1960er Jahren, etwas in die Länge zieht sich dann die Factory-Zeit und der große Ruhm in den 60ern und 70ern.

Das Beispiel Warhol zeigt auch: Prominenz ist planbar, er wollte immer berühmt sein. Dass er dafür bereit war, sogar sein Ich aufzugeben – das ist der rote Faden des Buches und die postmoderne Pointe des Kunstwerks Andy Warhol.

Andy Warhol: "Ein Leben als Kunst". Übersetzt von Marlene Fleißig, Hans Freundl, Ursula Held, Hans-Peter Remmler, Andreas Thomsen und Violeta Topalova. Verlag C. Bertelsmann, 1.232 Seiten.

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