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Zumindest auf Twitter kommt die Öko-Partei bei vielen Medienleuten überraschend gut weg, stellten Forscher der Uni Trier fest. Auch das gegenseitige Meinungsklima sei vergleichsweise "kooperativ". Die AfD dagegen hat es bei Berichterstattern schwer.

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Neue Studie: Liebäugeln Journalisten zu viel mit den Grünen?

Zumindest auf Twitter kommt die Öko-Partei bei vielen Medienleuten überraschend gut weg, stellten Forscher der Uni Trier fest. Auch das gegenseitige Meinungsklima sei vergleichsweise "kooperativ". Die AfD dagegen hat es bei Berichterstattern schwer.

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Von
  • Peter Jungblut

Neues aus der "Twitter-Blase": Viele Journalisten und Politiker äußern sich dort ständig zu aktuellen Themen, oft ganz unabhängig von ihrer offiziellen Funktion. Jetzt haben Medienwissenschaftler der Uni Trier diesen Schlagabtausch zwischen Medienleuten und Berufspolitikern näher unter die Lupe genommen, und zwar jeweils mehrere Wochen in den Jahren 2016 und 2020. Tausende von Tweets von jeweils rund 500 Medienleuten, allesamt Mitglieder der Bundespressekonferenz e.V. , wurden dokumentiert und nach Inhalten und Meinungen sortiert. Nur etwa 25 Prozent der Journalisten, bei denen Interaktionen mit Politikern gefunden wurden, teilten allerdings Bewertungen.

Konkret sind von den 512 Hauptstadt-Journalisten, die überhaupt einen Twitter-Account haben, 112 in der Studie repräsentiert. Die Übrigen waren teilweise nicht aktiv oder äußerten sich nicht über Politiker. Von 2223 Tweets im zehnwöchigen Untersuchungszeitraum im Frühjahr 2020 bilden 912 Tweets die Grundlage für die Studie, ein "eingeschränkter, aber im Hinblick auf die wissenschaftliche Fragestellung ausreichender" Datensatz, wie Kommunikationsforscher Peter Maurer dem BR gegenüber beteuerte, nachdem die Aussagekraft angezweifelt worden war.

Dabei stellte sich heraus: Die Grünen werden von den Journalisten deutlich seltener kritisiert als zum Beispiel die AfD oder die Unionsparteien. Studienleiter Christian Nuernbergk gegenüber dem BR: "Es zeigte sich, dass die Grünen bei den Erwähnungen auf Twitter auf ein tendenziell kooperativeres Klima stoßen. Also, sie werden bei Kritik von den Journalisten, die sich auf Twitter äußern und sie auf Twitter erwähnen, in dem Untersuchungszeitraum, der 2020 zehn Wochen betrug, weitgehend ausgespart. Wir fanden dieses Ergebnis überraschend, weil alle anderen Parteien ein kritisches Klima hatten."

"Hohe öffentliche Sichtbarkeit einzelner Journalisten"

Das hängt allerdings sicherlich auch mit der Auswahl der Journalisten zusammen, denn es gibt durchaus prominente Kommentatoren, die die Öko-Partei regelmäßig auf Twitter attackieren. Noch vor vier Jahren stellte sich die Lage für die Studienmacher etwas anders dar, damals durfte sich die Öko-Partei zwar auch schon über viel Journalisten-Lob freuen, aber immerhin äußerten sich einige wenige auch kritisch. Es gehe nur um einen "Ausschnitt aus der Kommunikation" zwischen Politik und Medien, so Christian Nuernbergk: "Die sozialen Medien sind deshalb ein wichtiger Kommunikationsort, weil man sich dort unabhängig vom Medium, für das man schreibt oder spricht, äußern kann, auch mit hoher öffentlicher Sichtbarkeit einzelner Journalisten. Deshalb ist es für uns von hoher Bedeutung, sich das mal anzuschauen, wie die kommunizieren. Und deshalb lag der Fokus darauf, zu analysieren, wie sich der Austausch gestaltet, wenn diese Quellen direkt miteinander interagieren."

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Viele Mikrofone: Hauptstadtjournalisten am Werk

Spannungsverhältnis zwischen Journalisten und AfD

"Was die AfD betrifft, sehen wir schon eine deutlich kritische Positionierung der Journalisten, das ist ganz eindeutig, und auch umgekehrt ist die AfD nicht so an einem kooperativen Austausch interessiert, zeigen die Zahlen", so der Kommunikationswissenschaftler: "Da wird ein Spannungsverhältnis zwischen Journalisten und AfD stärker sichtbar als gegenüber anderen Parteien, und zwar von beiden Seiten."

Christian Nuernbergk nennt auch einige Gründe dafür, warum sich Journalisten zunehmend mit oft polarisierenden, kurzen Meinungsbeiträgen öffentlich äußern: Erstens feuern sich die Beteiligten gegenseitig an, und zweitens halten sie ihr Online-Publikum augenscheinlich für deutlich liberaler als die Gesamtbevölkerung: "Das wird tendenziell eher als fortschrittlich denn als konservativ bewertet, eher politisch links als rechts, wie die Journalisten uns mitgeteilt haben." In einer vorausgehenden Studie hatte Nuernbergk eine entsprechende Befragung durchgeführt.

"Emotionale Inhalte verbreiten sich schneller"

Kein Wunder also, das nicht wenige Medienleute dem "gefühlten" Geschmack der Twitter-Gemeinde entgegenkommen: "Was wir gesehen haben, ist, dass es die Dreiecksbeziehung wirklich gibt, also die Politiker und Journalisten sind nicht nur unter sich, da sind auch Aktivisten beteiligt, die kommen mit dazu und nutzen das auch. Das ist meiner Ansicht nach der Grund, dass Journalisten auch Haltung beziehen und zeigen. Nach dem gerade erschienen Reuters Digital News-Report schätzt ein jüngeres Publikum das auch, wenn publizistische Akteure Haltung zeigen, sich positionieren, klar einen Standpunkt erkennen lassen. Die begrüßen das eher als ältere Mediennutzer, was die Entwicklung in den sozialen Medien befördert. Was Bewertung enthält, wird eher gelikt, emotionale Inhalte verbreiten sich schneller." Und es bleibe "nicht ohne Folgen", wenn so viele Journalisten twitterten.

"Twitter ist wahnsinnig schnelllebig"

Während die twitternden Politiker eher auf Harmonie bedacht sind, von der AfD mal abgesehen, legten es Journalisten deutlich häufiger auf Konfrontation an und seien zu etwa zwei Dritteln in den "Konfliktmodus" gegangen: "Insgesamt ist Twitter wahnsinnig schnelllebig, und die Nutzung erfolgt ja auch im Vorbeigehen: Man scrollt durch den Feed und man liest die Sachen gar nicht richtig. Mit ihren Haltungen, die die Journalisten da zeigen, ist das schon ein Stückweit eine Herausforderung, weil sie einerseits als unabhängige, distanzierte Instanz wahrgenommen werden wollen und sollen, und doch manchmal auf eine Seite neigen", so Nuernbergk im BR.

Natürlich ist die Studie auf Twitter schon einige Tage ein Thema, das für geteilte Ansichten sorgt: "Deutsche Journalisten beurteilen Parteien auf Twitter streng – nur zu den Grünen sind sie nett", ist da zu lesen. Jemand anders bemerkt mit Häme: "Überraschung – neunzig Prozent der deutschen Journalisten sind links-grüne Propagandisten, die die GEZ-Zahler hassen und verspotten." Und eine "ehemalige und langjährige Grünen-Wählerin" schreibt: "Es ist ja schon ein irrwitziger Fehlschluss zu glauben, sogenannte 'grüne Themen' würden durch grüne Politiker oder grün-affine Journalisten prinzipiell ideologiefrei und auf der Sachebene behandelt/kommuniziert."

Autoren der Studie sind Nina Fabiola Schumacher, Peter Maurer und Christian Nuernbergk.

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