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Neue Polit-Comedy "Parlament": Vom Sinn und Unsinn der EU | BR24

© Audio: BR / Bild: WDR/Jo Voets

Samy (Xavier Lacaille) und Rose (Liz Kingsman) in der Serie "Parlament".

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Neue Polit-Comedy "Parlament": Vom Sinn und Unsinn der EU

Pendelnde Parlamentarier, babylonisches Sprachenwirrwarr, ewige Ausschusssitzungen: Die neue ARD-Serie "Parlament" schwelgt in den Widrigkeiten und Widersprüchen des Europäischen Parlaments – und zeigt doch mehr als die dysfunktionalen Seiten der EU.

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Von
  • Julian Ignatowitsch

Gerade haben die Briten über den Brexit abgestimmt, da tritt Samy in Brüssel seine neue Stelle als Praktikant an. Er weiß zu Beginn nicht viel über das Europäische Parlament und so fragt er, an der neuen Arbeitsstelle angekommen, auch prompt, ob er dort überhaupt richtig sei. Er ist richtig, auch wenn das große Gebäude eher "wie eine Weichkäse-Packung" aussieht und sein Boss weder Lust auf die Arbeit hat, noch eine Ahnung, was er eigentlich machen müsste.

Was also machen die da eigentlich? Diese Frage stellt sich dem Durchschnittsbürger meist dann, wenn er von unsinnigen Verordnungen zum Krümmungsgrad von Salatgurken oder den horrenden Bezügen pendelnder Parlamentarier und ihrem ökologischen Fußabdruck hört. Genau bei solchen pointierten Wahnwitzigkeiten knüpft die neue ARD-Serie "Parlament" an und legt den Finger humorvoll in die Wunde.

Alltag zwischen Haiflossen und Flüchtlingskrise

Etwa, wenn Samy ewig in Ausschüssen sitzt, wenig verständliche Gesetzesvorlagen in Bürokratensprache formuliert oder gleich gar nichts versteht, weil selbst die Übersetzer bei den 24 Amtssprachen innerhalb der Institution den Überblick verlieren. Der Serie gelingt es dabei auf intelligente Weise, Vorurteile so aufzugreifen, dass das EU-Parlament sowohl in seiner dysfunktionalen wie auch idealistischen Dimension abgebildet wird. Running Gags zum Brexit inklusive, man orientiert sich eben an der Realität.

Samy landet schließlich im Fischerei-Ausschuss, wo darüber diskutiert wird, das "Shark Finning", also das Abtrennen von Haifischflossen, ausnahmslos zu verbieten. So eine Diskussion findet in der EU tatsächlich mit Verordnungen von 2003 bis 2013 statt. Dass es bei solchen Themen am Ende eigentlich nur ein PR-Desaster geben kann, fasst der Parlamentarier Maurice in einer Szene sehr treffend zusammen. "Wenn das Parlament den Antrag ablehnt", erklärt er da, "sagen alle: 'Die scheißen auf den Tierschutz!' Nehmen wir den Antrag an, dann ist es noch schlimmer und die Leute sagen: 'Haben die nichts anderes zu tun, als sich um Haiflossen zu kümmern, während die Flüchtlingskrise tobt?'"

© WDR/Jo Voets

Samy (Xavier Lacaille) vor dem Fischerei-Ausschuss.

Es sind solche starken Sätze, die die Serie zu mehr machen als bloßer Polit-Comedy. "Parlament" ist kein billiges EU-Bashing, sondern eine konstruktive Groteske im Zeichen der Diplomatie – was ja von "parler", also "reden" kommt. Genau das sind unsere Volksvertretungen: Redehäuser. Ihre Funktion verfehlen sie aber genau dann, wenn man – Zitat – "Streitfragen im Parlament besser nicht ansprechen sollte". Noch so ein starker Satz der Serie. Und ein Beleg für die Schwäche des EU-Parlaments, das – wer es nicht weiß, kriegt es in der Serie erklärt – nach wie vor wenig demokratische Legitimation und noch weniger Kompetenzen hat. Dafür verschiedene buntgemischte Fraktionen: "Die Kommunisten: zu erkennen an den Anzügen Marke Ostberlin; die Liberaldemokraten: wie Börsenmakler, aber mit weniger Verdienst; die Rechtsextremisten: immer in beige und braun, als würden sie gerade von einem Jodelausflug in Bayern kommen." So zumindest erklärt es ein Lobbyist.

In der Fiktion: ein europäisches Erfolgsprojekt

Bei allem Kopfschütteln schafft es die Serie, dass man ihre Protagonisten mag und sich ein wenig wie zu Hause beim Familienfest fühlt, wo jeder seine eigene Persönlichkeit und seine eigene Vorstellung von der Feier hat, sich aber mit den anderen, ihren Macken und der Partyplanung arrangieren muss. So ähnlich funktioniert die EU im Großen ja auch. Die Serie ist teilweise an Originalschauplätzen gedreht, solide inszeniert von den Regisseuren Emilie Noblet und Jeremie Sein und vor allem sehr gut geschrieben von den Autoren Daran Johnson und Noé Debré. Aus deutscher Sicht überzeugt Christiane Paul als knallharte Abgeordnete Ingeborg.

Die Serie ist übrigens selbst ein grenzübergreifendes Projekt: von Cinétévé (in Frankreich), Artémis Productions (Belgien) und der deutschen Cinecentrum sowie von ARD One und WDR produziert – in drei Sprachen (französisch, englisch, deutsch) mit Untertitel. Sozusagen ein echtes europäisches Erfolgsprojekt. Das Parlament kann das ja vielleicht noch werden. Irgendwann.

© WDR/Jo Voets

Eamon (William Nadylan) und Samy (Xavier Lacaille)

Die Serie "Parlament" ist ab sofort in der ARD Mediathek abrufbar.

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