Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Der Traum vom neuen Wohnen: Warum die Neue Heimat scheiterte | BR24

© Bayern 2

Zerstörte Städte, Millionen Flüchtlinge, kaum bezahlbarer Wohnraum in den Städten: Das war die Geburtsstunde der Wohnungsbaugesellschaft Neuen Heimat. Bei dem Wohnraummangel in den Städten liefern die Entlastungsstädte der Nachkriegszeit Ideen.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Bildergalerie
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Der Traum vom neuen Wohnen: Warum die Neue Heimat scheiterte

Wohnraum war nach dem Zweiten Weltkrieg knapp. Der Wohnungsbaukonzern Neue Heimat schuf darum Siedlungen wie München-Neuperlach. Eine Ausstellung setzt sich nun mit dem Erbe der Neuen Heimat auseinander. Und zeigt, wie eine Utopie zum Albtraum wurde.

Per Mail sharen
Teilen

Hier spiegelt die Form den Inhalt - das ist der erste Gedanke, der einem durch den Kopf schießt, wenn man die Ausstellung betritt. Die setzt sich nämlich, wie so viele Bauten der Neuen Heimat, aus Fertigmodulen zusammen. Teil für Teil. Stahlwand für Stahlwand. Flankiert von gigantischen Lüftungsrohren. Aus Stahl, versteht sich. Irgendwie ungemütlich, ja, man könnte fast sagen: unwirtlich. Und auch in diesem Punkt trifft sich die Ausstellungsarchitektur mit der ausgestellten Architektur: Betonburgen am Stadtrand etwa, wie die Neue Vahr in Bremen oder Neuperlach in München. Auf Fotos zwar cool anzusehen, aber vielleicht ein bisschen zu cool, um sich dort wirklich heimisch zu fühlen.

"Warum man sich erst jetzt mit dem Thema beschäftigt, hat sicher auch mit der Kritik an der Architektur der Zeit zu tun, so dass es einfach eine bestimmte Zeit brauchte, bis man sich auch an das Thema wagte", sagt Hilde Strobl, die es gewagt hat und jetzt die Ausstellung in der Pinakothek der Moderne kuratiert. Und das zur rechten Zeit. Die Voraussetzungen für eine Auseinandersetzung mit dem Erbe der Neuen Heimat könnten günstiger kaum sein. Da wäre zum einen das wieder erwachte Interesse an den architektonischen Strömungen der Sechziger und Siebziger Jahre, zum anderen das heute so drängende Problem bezahlbaren Wohnraums in den Städten.

Genau dieses Problem markiert nämlich auch die Geburtsstunde der Neuen Heimat. Zerstörte Innenstädte, Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge aus dem Osten - nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Wohnen zur entscheidenden sozialen Frage. Und die Neue Heimat, gegründet als gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, antwortet. Mit einem Konzept aus den Zwanzigern, wie Hilde Strobl erklärt: "Man baute Garten- und Parkstädte auf der grünen Wiese, an den Stadträndern oder in den Lücken der Städte wie in München Bogenhausen zum Beispiel. Das sind keine großen Wohnungen, sondern Kleinwohnungen. Aber mit sowas wie Elektroherden, Waschmaschinen im Keller. Und die Neue Heimat richtete sich damit an die mittelständische Familie, die ein sauberes geordnetes Heim haben soll, außerhalb der dunklen, immer noch von Zerstörung geprägten Städte."

Demokratisch wohnen am Rande der Stadt

"Besser Leben durch gesundes Wohnen!", lautet ein Werbeslogan der Neuen Heimat - die sich beruft auf eine "Erkenntnis von Albert Schweizer: Erst baut der Mensch die Wohnung, dann baut die Wohnung den Menschen". Genauer: Demokraten. "Das Anliegen der neuen Heimat war, viel Wohnraum zu schaffen für eine Gesellschaft, die einem Demokratisierungsprozess unterzogen werden soll. Und dazu gehört auch, den Menschen eine Umgebung zu schaffen, in der sie sich wohlfühlen und zu Hause fühlen kann", sagt Strobl.

Über 400.000 Wohnungen baut die Neue Heimat bis zu ihrer Auflösung in den Achtzigern. Über 90 Prozent davon sind Sozialwohnungen, betonierte Sozialdemokratie also. Gepaart mit dem Fortschrittsoptimismus der Wirtschaftswunderjahre und einem für die alte Bundesrepublik eigentlich untypischen Hang zum Spektakulären, zum großen Wurf: Europas größtes Krankenhaus. Europas größtes Messegebäude. Die weltweit größte Trabantenstadt. Auch das ist die Neue Heimat.

© Hamburgisches Architekturarchiv / Foto: Franz Scheper

Neue Vahr Bremen

© Foto: Franz Scheper/ Hamburgisches Architekturarchiv

Neue Vahr Bremen

© Foto: Günter Claus, 1980

Universitätsklinikum Aachen, Weber, Brand und Partner, Aachen 1971-1985

© Hamburgisches Architekturarchiv

Siedlung Kranichstein Darmstadt

© Hamburgisches Architekturarchiv/ Foto: Weber, 1966

Eigenheime Frankfurt Nordweststadt

Alles aus einem Guss

"Wir bauen Euch eine ganze Stadt!": Das ist, wie Hilde Strobl erläutert, "das eigentliche Versprechen. Mit allem, mit öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Rathäusern, Gemeindezentren, mit Gewerbebauten, zu denen beispielsweise Einkaufszentren gehörten. Das heißt: Man konnte bei der Neuen Heimat alles aus einer Hand erstellen." Für Kommunen war das attraktiv, für die Bewohner dieser am Reißbrett entworfenen Großsiedlungen weniger. Alles aus einer Hand - das mag der Traum eines jeden Stadtplaners sein. Für eine Gesellschaft, die sich immer stärker individualisiert, die mit neuen Lebensstilen experimentiert, gerät das Wohnen in Rastern allerdings zu einem Albtraum.

Spätestens in den Sechzigern wird die Kritik an den Wohnsilos der Neuen Heimat immer lauter. Und die antwortet - auch nicht selbstverständlich für einen, mittlerweile, Großkonzern - mit Innovation: "Man versuchte, partizipative Methoden einzusetzen, indem Leser einer Zeitung aufgerufen wurden, an einem Wettbewerb teilzunehmen, um Grundrisse für WGs zu schaffen," erklärt Hilde Strobl. Und sie hätten versucht, bei den Planungen auch andere Wissenschaften mit hinzuzuziehen, wie zum Beispiel Sozialpsychologen, wie Alexander Mitscherlich, der sich sogar zum Probewohnen nach Neuperlach begeben habe. Sein Fazit - man höre und staune: "Wenngleich ich mit großen Vorbehalten hergekommen bin und ein prinzipiell skeptischer Mensch bin - eher positiv."

Das rettet die Neue Heimat allerdings auch nicht mehr. Mit dem Wohnungsmangel verschwindet zugleich ihre Existenzgrundlage, Innovationen hin oder her. 1982 dann der große Knall: Korruptionsskandal, Pleite - die größte Wohnungsbaugesellschaft der BRD ist Geschichte. Erstmals umfassend beleuchtet wird sie nun in der Pinakothek der Moderne. Zeit war's!

Die Ausstellung "Neue Heimat (1950-1982): Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten" im Architekturmuseum der Pinakothek der Moderne läuft bis zum 19. Mai.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!