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Für diesen Regisseur tragen Dreiviertelblut sogar Raumanzug | BR24

© Bild: Südkino; Audio: BR

Sebastian Horn und Gerd Baumann sind die beiden Köpfe hinter der Band Dreiviertelblut - und zeigen im neuen Film "Weltraumtouristen" von Marcus H. Rosenmüller, dass sich ein genauerer Blick auf ihre Arbeit wirklich lohnt.

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Für diesen Regisseur tragen Dreiviertelblut sogar Raumanzug

Bandporträt mal ganz anders: In seiner Doku "Weltraumtouristen" begleitet Star-Regisseur Marcus H. Rosenmüller die beiden Masterminds von Dreiviertelblut. Ergebnis: Eine vogelwilde Wundertüte von einem Film - Houston, wir haben ein Meisterwerk!

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"Wenn Du den Planeten aus dem Weltall siehst, siehst Du einen blauen Punkt, und außen rum ist nichts erstmal. Das wird wahrscheinlich Dein Weltbild komplett durcheinanderhauen", sagt der Musiker Gerd Baumann im Film "Weltraumtouristen" – was für ein wunderbarer Titel.

Der Film erzählt davon, dass wir Menschen wie Urlauber aus der Unendlichkeit für eine begrenzte Zeit zu Gast sind auf diesem Planeten. Aber auch davon, dass wir auf unserem "blauen Stein", wie die Erde in einem Lied von Dreiviertelblut genannt wird, auf einer Reise in rasender Geschwindigkeit durchs All unterwegs sind.

"Die Erde dreht sich um die Sonne mit nahezu Hunderttausend Stundenkilometern. Brutal schnell", sagt Sebastian Horn. "Und unser Sonnensystem dreht sich am Rande unserer riesigen Milchstraße mit nahezu Lichtgeschwindigkeit. Und jetzt sag Du mir, warum wir jetzt da so entspannt hocken können? Das find‘ ich Wahnsinn!"

Horn schreibt die Texte, Baumann die Musik

Sebastian Horn und Gerd Baumann bilden das zentrale Zweigestirn des Septetts Dreiviertelblut. Horn schreibt die meisten Texte, Baumann komponiert die Musik dazu. In Marcus H. Rosenmüllers Film begegnen einem die beiden als hoch reflektierte Raumfahrer, deren Nachdenken über ihr musikalisches Schaffen immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Wesen der Welt und des Menschseins ist.

© Südkino

Gerd Baumann bei einem Auftritt

"Ich weiß, ich hab diese Spanne zwischen Auf-die-Welt-Gespültwerden und Die-Welt-Verlassen, und dass die wichtig ist. Weil was Anderes hab‘ ich nicht", sagt Baumann. "Jede Entscheidung ist wichtig, jeder Satz, den man von sich gibt, jede Handlung, die man macht – alles ist wichtig. Man hat eine ununterbrochen große Verantwortung für sich und die ganze Welt."

Der eine: Waldboden. Der andere: Wolken

Zu Beginn des Films sehen wir Sebastian Horn, wie er in schneeverwehter Landschaft aus einem Erdloch kraxelt. Kurz danach hat Gerd Baumann seinen ersten Auftritt, bei dem er im Space-Overall einer animierten Rakete entsteigt. Schon da ist klar: Dies ist keine normale Band-Dokumentation. Rosenmüller zeigt Baumann als feingeistigen Urbanauten, dessen Basis die Großstadt ist, von der aus er in immer neue musikalische Galaxien abhebt. Da sieht man ihn im Film dann auch mal mit dem Fahrrad über den Wolken schweben. Horn wiederum, mit kahlem Charakterkopf und Rauschebart ohnehin eine waldschratige Erscheinung, wird von Rosenmüller als bodenständiger Philosoph inszeniert, der Alleinigkeit mit der Erde sucht, wenn er sich im tiefsten Winter im eiskalten Bach treiben lässt oder im Herbst im Waldboden wühlt, fasziniert vom Reichtum an Kleinstorganismen, die diesen Kosmos bevölkern.

© Südkino

Sebastian Horn am Mikrofon

Es gibt intensive Interviews mit den Protagonisten des Films und auch eine Menge mitreißender Konzertaufnahmen. Am meisten aber begeistert die Freiheit, die sich Rosenmüller für seine bizarren Ideen nimmt und der melancholische Witz, mit dem er sie in Szene setzt. Da erlebt man wie Horn Geistern der Vergangenheit im Wald nachjagt oder hört ihn von den bei Dreiviertelblut immer wiederkehrenden Themen Zeit und Vergänglichkeit singen, während er und die übrigen Bandmitglieder um ein Lagerfeuer sitzen, stark überschminkt und in Frauenkleidern, als wären sie Varieté- oder Travestiekünstler.

Zusammengehalten wird diese vogelwild-bunte Mischung aus Musikvideo, Konzertmitschnitt, Doku und Wundertüte durch die konsequente Schwarzweiß-Ästhetik der kontrastreichen Kamerabilder von Johannes Kaltenhauser, der mit Marcus H. Rosenmüller offenkundig ein ähnlich kongeniales Duo bildet wie Baumann und Horn bei Dreiviertelblut. Rosenmüller hat nun auch noch die passende Filmsprache dazu gefunden. In manchen seiner Filme neigte der Regisseur zu allzu glatten, gefälligen Erzählmustern. Mit „Weltraumtouristen“ dagegen beweist er Mut zum Unkonventionellen. So ist einer seiner besten Filme entstanden.

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