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Ungewohnter Anblick: Akropolis mit Beton-Rampe

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    Neue Aufstiegs-Rampe: "Einbetonierte" Akropolis sorgt für Streit

    Die besucherarme Zeit nutzte die zuständige Verwaltung für eine Generalüberholung der Zugangswege zum Wahrzeichen der griechischen Hauptstadt. Doch die "behindertengerechte" Beton-Promenade erwies sich als steil, glatt und umweltschädlich.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Gerade durfte sich die griechische Kulturministerin Lina Mendoni noch darüber freuen, das die neue Beleuchtung der Akropolis bei den "International Lighting Awards" mehrfach ausgezeichnet wurde. "Das Licht der Akropolis reist um die Welt", jubelte die Politikerin: "Es hebt das wichtigste Denkmal der westlichen Zivilisation hervor. Es fördert unser kulturelles Erbe. Fördert Griechenland." Doch gleichzeitig sorgt der laufende Umbau des Tempelbergs für erheblichen Unmut.

    Wer jemals die Akropolis besucht hat, der weiß: Besonders nach Regenfällen sind die rutschigen Pflastersteine rund um das Parthenon eine Herausforderung. Obendrein ist die steile Treppe auf den Tempelberg für manche ermüdend, und der Fahrstuhl war jahrelang außer Betrieb. Kein Wunder also, dass sich das zuständige Komitee für die Erhaltung der Akropolis (ESMA) schon länger Gedanken darüber machte, die Zugangswege zu erneuern. Da die Touristen seit Monaten pandemiebedingt ausbleiben, wurde die Zeit genutzt, Tatsachen zu schaffen, und die sorgen für erregte Debatten. Vor allem eine neue, meterbreite Beton-Rampe an der Westseite der Akropolis lässt Kritiker nicht ruhen.

    "Ein Verbrechen gegen die Akropolis!" schimpfte die Präsidentin der Vereinigung der griechischen Archäologen, Despina Koutsoumba. Sie verwies darauf, dass es keine Ausschreibung für das Projekt gegeben hatte und die ausgewählte Firma nicht auf behindertengerechte Wegführung spezialisiert sei. Der Historiker und Architekt Tassos Tanoulas, der 44 Jahre mit der Restaurierung der Akropolis befasst war, klagte, "in gewisser Weise" nähme die zementierte Besucherstraße den Touristen "die Möglichkeit, die verschiedenen Perioden der Geschichte" der Akropolis in Augenschein zu nehmen, da ja weite Teile des Bodens versiegelt worden seien. Dagegen hatte sich der ausführende Architekt Manolis Korres in einer Pressekonferenz Anfang April "absolut zufrieden" mit dem Ergebnis der Bauarbeiten gezeigt.

    Giannis Chamilakis, Professor für Archäologie an der Brown University in Providence/Rhode Island hatte in einem Interview mit der Zeitung "Avgi" demgegenüber behauptet: "Was rekonstruiert wird, ist eine Akropolis der weißen, euro-zentristischen, westlichen Fantasie der Architekten und Archäologen des 18. und 19. Jahrhunderts, eine Akropolis der kolonial-nationalen Moderne und des romantischen Nationalismus."

    Streit um 15 Prozent Steigung

    So trittfest der Beton auch aussieht, hat er doch bereits mehrere Probleme geschaffen. Im Dezember kam es nach Regenfällen zu einer Überschwemmung, für die manche den Umbau verantwortlich machen: Durch die neue Promenade seien antike Abwasserleitungen zerstört worden. Außerdem verlor der Begleiter eines Rollstuhlfahrers am 18. April auf einem glitschigen Holzsteg die Kontrolle über das Gefährt. Der Gehbehinderte stürzte heraus und musste im Krankenhaus behandelt werden.

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    Weltwunder Akropolis

    Das ließ die Opposition im griechischen Parlament nicht ruhen, die konservative Kulturministerin Mendoni und ihre linke Vorgängerin Sia Anagnostopoulou gerieten aneinander, von Falschbehauptungen und unangebrachter Ironie war die Rede. Die Betonrampe sei mit einer Steigung von 15 Prozent viel zu steil, ja gefährlich. Tatsächlich sieht die DIN-Norm 18040 für barrierefreie Zwecke einen maximalen Neigungswinkel von sechs Prozent vor.

    Dürfen Privatspender ihre Namen in Treppe gravieren lassen?

    Im Übrigen misstraut eine neu gegründete Bürgerinitiative ("SOS Akropolis") der Argumentation der Regierung, es sei darum gegangen, den Zugangsweg zur Akropolis bequemer zu machen. Tatsächlich hätten die Verantwortlichen vor allem eine Kapazitätssteigerung im Auge. Vor der Pandemie besuchten in der Hochsaison bis zu 15.000 Touristen täglich den Tempelberg. Kämen deutlich mehr, befürchten Kritiker des Umbaus Schäden an den empfindlichen Ruinen.

    Was außerdem die Gegner auf die Palme bringt: Die Altertumsbehörde plant nach der Betonierung des Zugangswegs weitere umfangreiche "Modernisierungen" auf der Akropolis. So sollen Terrassen wiederhergestellt werden, wie sie im 5. vorchristlichen Jahrhundert nachgewiesen sind. Außerdem soll eine Marmortreppe aus römischer Zeit im Eingangsbereich der Tempelanlage, den Propyläen, rekonstruiert werden. Die Opposition hat die Regierung dabei im Verdacht, Privatspendern Gelegenheit zu geben, ihre Namen in die Stufen gravieren zu lassen.

    Fachleute fragten sich in einem Offenen Brief, warum die Kulturbehörde im Eingangsbereich der Akropolis das Erscheinungsbild des 1. nachchristlichen Jahrhunderts wiederherstellen will, während auf der Hochfläche die klassische Periode des 5. vorchristlichen Jahrhunderts wegweisend sein solle: "Solche Eingriffe stehen im Widerspruch zu den international anerkannten und etablierten Grundsätzen des Antikenmanagements und haben nichts mit dem Konzept der Erhaltung, Erhaltung und Erhaltung von Antiquitäten zu tun."

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