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Pixars "Soul": Der Lichtblick am Ende des Filmjahr-Tunnels | BR24

© Audio: BR / Foto: Disney

Match made in sowas wie heaven: Joe und 22 treffen im "Davorseits" aufeinander

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Pixars "Soul": Der Lichtblick am Ende des Filmjahr-Tunnels

Der Trickfilm "Soul" sollte eigentlich DER Disney-Kino-Weihnachts-Hit werden. Corona-bedingt ist es nun der erste Pixar-Film, der per Streaming startet. Ein Animations-Wunderwerk und metaphysisches Abenteuer mit Tiefgang, lustig und erleuchtend.

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Von
  • Bettina Dunkel

Wie mag es wohl aussehen – am Ende des Tunnels, nach Durchschreiten des vielzitierten Lichts, das den Übergang vom Diesseits ins Jenseits markiert? Joe, der Protagonist des neuen Pixar-Films "Soul", steuert direkt auf dieses Licht zu, hat aber keinerlei Interesse an einer Antwort auf diese Frage.

Ein Unfall hat den als Aushilfslehrer arbeitenden New Yorker Jazzpianist mit Mitte 40 aus dem Leben gerissen – viel zu früh also und ausgerechnet an jenem Tag, der seine Karriere als Profimusiker endlich zementieren sollte. Kein Wunder, dass Joes Seele am Diesseits festhält und mit aller Macht versucht, wieder in seinen Körper zu gelangen.

Phantastische Perspektiven auf ein Leben danach

Klingt verwirrend? Ach woher denn. All das ist ja nur der Beginn einer Geschichte, die noch eine Reihe weit abstraktere Gedankengänge parat hat und mittels mal wieder bahnbrechender Animationskunst phantastische Perspektiven auf das Leben nach dem Tod eröffnet. Beziehungsweise auf das Leben vor dem Leben – Wort- und Ortneuschöpfungen à la "Davorseits" inklusive.

© Disney

Im Jen- und Davorseits sorgen kubistische Strichfiguren für Ordnung – zumindest versuchen sie es.

Neues Wunderwerk von Pixar-Kreativdirektor Pete Docter

Pete Docter, der Regisseur von "Soul", kennt sich aus mit Orten, die noch kein Mensch zuvor gesehen hat. In "Alles steht Kopf", seinem Oscar-gekrönten Animationswunderwerk aus dem Jahr 2015, visualisierte der heutige Kreativdirektor von Pixar die Gefühlswelt eines Kindes. Freude, Angst, Wut, Kummer und Ekel sprangen als vermenschlichte Figuren über die Leinwand und lösten einen Emotions-Tsunami aus, der selbst gestandene Kritiker zum Weinen brachte. Hier als auch im Pixar-Film "Oben", ebenfalls unter der Regie von Docter entstanden, gehörte der Tod zur Handlung.

Es scheint also nur konsequent, dass der Protagonist von "Soul" schon nach wenigen Minuten das Zeitliche segnet und seine Seele in Form einer lilablassblauen und bebrillten Luftblase ein metaphysisches Abenteuer erlebt. Die klassische Botschaft, die sich wie ein Leitmotiv durch jeden Pixar-Film zieht, dreht sich jedoch nicht um den Tod, sondern um eine weit existentiellere Frage: Warum ist man so wie man ist?

Denn das bereits erwähnte Davorseits ist eine Art Trainingslager, in dem noch ungeborene Seelen auf ihre irdische Existenz vorbereitet werden. Manche dieser hyperaktiven ätherischen Wesen bekommen Mentoren zur Seite gestellt, die ihnen helfen, jenen Funken zu finden, der sie zu einer einzigartigen Persönlichkeit macht. Joe soll sich um Seele Nummer 22 kümmern: eine neunmalkluge Existenzverweigerin, die es sich im Davorseits so gemütlich gemacht hat wie Udo Lindenberg im Atlantic-Hotel und in den zurückliegenden Jahrtausenden Mentoren wie Mutter Theresa, Kopernikus oder Abraham Lincoln zur Verzweiflung getrieben hat.

© Disney

Perfektion in Design, Farb- und Lichtgestaltung: Die Animatoren von "Soul" haben wieder bahnbrechende Arbeit geleistet.

Fotorealistische Animationskunst

Die Pfeiler jedes Pixar-Films, sie sind also auch hier wieder zu finden: Ein Team, das sich gegenseitig hilft. Eine Mission, deren Zielgerade von den Lebensweisheiten "Sei du selbst" und "Genieße das Leben" flankiert ist. Außerdem: Ein emotional ausbalanciertes Hin und Her zwischen Slapstick und Ernsthaftigkeit. Aber auch: Eine Handlung, die unendlich viele Haken schlägt und so wundervoll unberechenbar ist wie die Jazzmusik, die Pianist Joe schon zu Lebzeiten in transzendentale Paralleluniversen hat entschweben lassen.

Dass "Soul" nach über 30-jähriger Unternehmensgeschichte das erste Pixar-Werk mit einer schwarzen Hauptfigur ist, macht den Film noch ein bisschen perfekter, als er ohnehin schon ist. Einziger Wermutstropfen: Den Detailreichtum, den die Animatoren in Design, Farb- und Lichtgestaltung der jenseitigen Welten und der fotorealistisch vibrierenden New Yorker Straßenzüge gesteckt haben – man wird ihn nicht auf der Kinoleinwand studieren können. Aber vielleicht – wer kann das jetzt schon wissen? – gibt es ja noch ein Leben nach der Streaming-Premiere.

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