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Wie Netflix sich dem Druck autoritärer Staaten beugt | BR24

© Bild: picture alliance / Flashpic / Jens Krick / Audio: BR

Türkische Behörden forderten von Netflix, eine homosexuelle Figur aus der Serie "If Only" zu streichen, der Streamingdienst sagte den Dreh ab.

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Wie Netflix sich dem Druck autoritärer Staaten beugt

Die türkische Dramaserie "If Only" wird es nicht geben: Netflix hat den Dreh abgesagt, nachdem die türkischen Behörden verlangt hatten, eine homosexuelle Figur aus dem Skript zu streichen. Widerstand ist das jedoch nicht – und auch kein Einzelfall.

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Der amerikanische Comedian Hasan Minhaj, selbst Muslim, ist eines der Zensur-Opfer der letzten Monate. In einer Folge seiner Show "Patriot Act", kritisierte Minhaj ganz ausführlich das Land Saudi-Arabien und die Doppelmoral des Westens angesichts des grausamen Mordes an dem Journalisten Jamal Kashoggi. Nach Protesten aus der saudischen Regierung nahm Netflix diese Folge aus dem Angebot für das Land. Eine sicher ungewöhnliche Maßnahme, die auch nicht allzu oft vorkomme, sagt Reed Hastings, Geschäftsführer von Netflix. Aber Hastings betont auch: "Wir sind kein Nachrichtenunternehmen. Wir sind nicht dazu da, die Mächtigen zu kontrollieren, wir wollen unterhalten!" Der Streaming-Dienst spreche immer wieder mal über bestimmte Themen mit den Behörden, und in Saudi- Arabien laufe beispielsweise "Sex Education", eine Serie über Jugendliche mit einem sehr liberalen Lebensstil und provokativen Themen. "Wir sind also durchaus in der Lage, Einfluss zu nehmen bei bestimmten Fragen, eine globale Diskussion zu entfachen darüber, wie Menschen leben", so Hastings.

Netflix und die Politik

Die Zensur der Folge von "Patriot Act" hat für viel Ärger und Diskussionen gesorgt. In den USA schrieben Zeitungen, Netflix beuge sich einem diktatorischen Regime. Tatsache ist, dass es eine Reihe von anderen Beispielen gibt, in denen Netflix durchaus ebenfalls seine Inhalte zensiert hat. In Indien zeigte das Unternehmen eine gekürzte Version des Films "Angry Indian Goddess" – machte später aber auf Druck von Fans auch die Originalversion zugänglich. Und selbst deutsche Behörden haben sich bereits gemeldet: Der Horrorfilm "Night of the Living Dead" steht in Deutschland auf dem Index für jugendgefährdende Inhalte und wurde daher von Netflix entfernt.

Kein anderes Land fordert aber derzeit so viele Änderungen und Kürzungen wie die Türkei. Die türkischen Zensurbehörden stören sich an vielen Szenen: Mal war es das Rauchen, dann ein ausgestreckter Mittelfinger, aber auch Sex, vor allem aber die Darstellung von Homosexualität. Reed Hastings hatte noch Ende letzten Jahres gesagt, bei dem Thema gehe es um grundsätzliche Werte, die man verteidigen wolle: "Wenn sie auf uns zukämen und sagen würden, wir dürften keine schwul-lesbischen Inhalte zeigen, wäre das zu viel, das würden wir ablehnen. Wenn man eine Unterhaltungsplattform ist, wenn es um unterschiedliche Lebensstile geht, dann muss man rote Linien ziehen. Da geht es dann aber nicht um aktuelle Ereignisse oder Nachrichten."

© picture alliance / AP Photo / Manu Fernandez

Reaktion auf Zensur: Die Serie "If Only" wird nicht gedreht, den Streaming-Dienst in der Türkei will Netflix-Chef Hastings aber nicht einstellen

Die türkische Regierung hat nicht nur Netflix im Visier

Diese "rote Linie" sieht Hastings bei der Absage der türkischen Serie "If Only" mit einem homosexuellen Charakter offenbar nicht überschritten. Statt dessen heißt es von Netflix, man wolle weiterhin die 1,5 Millionen Abonnenten in der Türkei mit Inhalten versorgen. Ein Beleg dafür, wie sehr der Konzern, aber auch andere Anbieter, in bestimmten Ländern lavieren müssen, um vor Ort weiterhin ihre Inhalte anbieten zu können. Andererseits entgehen den Zensoren unter dem Radar der Aufmerksamkeit auch viele Inhalte, die sonst moniert würden. Gerade Homosexualität, die in vielen Netflix-Produktionen vorkommt und im Westen als positiv inklusiv angesehen wird, ist den türkischen und anderen Zensurbehörden ein Dorn im Auge. Auch in anderen Ländern, wie Jordanien hat es um diesen Punkt bereits Debatten gegeben.

Die Kritik an Netflix ist im Falle der Türkei in einem größeren Kontext zu sehen: Präsident Erdogan hat es derzeit nicht nur auf Streaminganbieter abgesehen. Auch andere Social Media Plattformen wie YouTube oder twitter wollte Erdogan sperren lassen – bislang ohne Erfolg. Ziel sei es noch immer, Angebote wie Netflix mit einer Lizenz zu belegen: Wer allzu oft gegen die Vorschriften verstoße, dem werde dann die Lizenz entzogen, sagt Yaman Akdeniz, Rechtswissenschaftler an der Istanbuler Bigil-Universität: "Sie wollen alles kontrollieren, insofern bin ich nicht überrascht von den Maßnahmen. Das letzte Schlachtfeld ist eben das Internet."

"Globale Diskussion über Werte und Lebensstile"

Wie Netflix und andere Konzerne sich verhalten, wenn die Zensur-Maßnahmen zu streng werden, ist noch völlig offen. Bislang ist der Streamingdienst jedenfalls in allen Ländern der Welt vertreten – außer in Syrien und China. Die "globale Diskussion" über Werte und Lebensstile, wie Netflix-Chef Reed Hastings es nannte, dürfte also weitergehen.

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